Warum wir alle sterben müssen und doch etwas Unendliches an uns haben

Ganz unbefangen sagen wir beispielsweise: „Das ist unendlich traurig.“ Oder: „Da habe ich mich unendlich gelangweilt.“ In der Alltagssprache gebrauchen wir das Wort unendlich wie einen Superlativ. Meinen wir aber dabei genau das, was wir sagen? Eher nicht. In der Schule lernen wir, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit treffen. Die horizontal liegende Acht gilt als Zeichen des Unendlichen. Man kann also sagen: Wir gehen mit dem Unendlichen sprachlich irgendwie um. Manchmal sprechen wir auch von der Unendlichkeit des Alls. Aber das soll ja vor 13,8 Milliarden Jahren durch einen Urknall entstanden sein, ist also nicht unendlich, hat also auch eine Grenze, einen Anfang. Welchen Sinn hat es dennoch vom Unendlichen oder der Unendlichkeit zu sprechen?

Unendlichkeit liegt soweit weg wie die schon angesprochenen Parallelen, die sich in der Unendlichkeit treffen. Das regt keinen auf. Das ist eine mathematische Aussage. Aber wenn sie in Zusammenhang mit dem Sterben gebracht wird, sieht es gleich ganz anders aus: Unsterblichkeit war zu allen Zeiten ein aktuelles Thema. Unser Leben ist endlich, hat daher mit der Unendlichkeit nichts zu tun; man könnte mit gleichem Recht auch das Gegenteil behaupten: Gerade dadurch hat sie mit der Unendlichkeit was zu tun. Denn ein Bewusstsein, das um seine Endlichkeit weiß, will die Unendlichkeit; sogar Nietzsche konnte sich dem nicht widersetzen:“…denn alle Lust will Ewigkeit.“ Ein Großteil menschlicher Kunst ist Protest gegen das Sterbenmüssen. Wenn es um  die sogenannten „letzten Dinge“ – Tod, Gericht, Himmel und Hölle – geht, hören alle hin.

Ist es vielleicht – abgesehen von der Mathematik – eine veraltete Redeweise, bei der an ein ewiges Leben nach dem Tode gedacht wird? Wenn wir den Unterschied von Ewigkeit und Unendlichkeit  hier außer Betracht lassen, verheißen sie doch das Gleiche: bleibendes Sein. Ist die Rede von Ewigkeit, Unendlichkeit und Unsterblichkeit nur eine trügerische, tröstende Hoffnung auf ein Jenseits, die nur dazu dient, das endliche Leben im Diesseits zu ertragen, eine Sicht, die mit zunehmender Aufklärung verschwinden wird?

Worin jedenfalls die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, aber auch Hinduismus und Buddhismus mit der Lehre von der Reinkarnation  übereinstimmen, das ist eine positive Besetzung der Unendlichkeit, bzw. der Ewigkeit, ihre Projektion in ein Jenseits nach dem Tode und die Belohnung der Gläubigen und moralischen Menschen mit dem Versprechen auf ein himmlisches, nicht endendes Sein. Der Glaube wird privilegiert, wie es bei Johannes in  der Bibel heisst: „Und das ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und solches Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ Nicht anders als in der Bibel lehren die Upanishaden, dass von den gerechten Taten der Menschen die jenseitige Zukunft abhängt, d.h. in welcher Form die Wiedergeburt geschieht: „Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes“.

Aber nicht nur die Religionen, auch die Philosophie stellt ein zukünftiges Leben nach dem Tode in Aussicht. So ließ Platon Sokrates sagen, dass die geistige Seele nicht sterben könne, d. h. nicht zerstört oder zerteilt werden könne, weil sie eine einfache, nicht-zusammengesetzte, immaterielle Substanz sei. Und die moralische Existenz spielt dafür eine wesentliche Rolle. Im Dialog Gorgias heisst es: „…wer von den Menschen sein Leben gerecht geführt hat und fromm, der kommt, wenn er gestorben ist, zu den Inseln der Seligen.“

Der Tod scheint in diesen Weltsichten als das Scharnier zwischen der Endlichkeit des Diesseits und der Unendlichkeit des Jenseits zu fungieren. Das ist bis heute so. Dass hinter der Wirklichkeit, die wir normalerweise wahrnehmen noch eine andere, wahre steckt, dieser Glaube ist in allen Kulturen, auf allen Kontinenten, nicht versiegt. Was passiert, wenn der Tod nicht mehr die Scharnierfunktion besitzt und die Tür in das Jenseits geschlossen bleibt, die Erinnerungen an die Verheissungen des Jenseits aber noch nicht verklungen sind, kann man an der Unbestimmtheitstiefe der Philosophie Martin Heideggers studieren. Der Tod wird zum Mittelpunkt der Existenz, des menschlichen Daseins. In Sein und Zeit heisst es:„Der Tod als Ende des Daseins ist die eigenste, unbezügliche, gewisse und als solches unbestimmte, unüberholbare Möglichkeit des Daseins. Der Tod ist als das Ende des Daseins im Sein dieses Seienden zu seinem Ende.“

Wer sagt aber überhaupt, dass wir alle sterben müssen? Vielleicht überwinden wir mit der modernen Technik den Tod. Vielleicht ist es in einigen Jahrzehnten eine überwundene Existenzform, dass Menschen sterben müssen. Vielleicht steigen wir aus der Natur aus, überwinden unsere Naturbasis und steigen in eine technische Welt der Unsterblichkeit ein. Oder wir bekommen mit der Technik die Natur, d.h. die Faktoren, die die Sterblichkeit verursachen, in den Griff. Nichts ist undenkbar. Nur traditionell verhaftetes Denken ist in seinen Vorstellungen von dem, was möglich ist, beschränkt. Vielleicht geht die Evolution weiter, auch ganz anders als alle Denker es sich erträumt haben, etwa Nietzsche mit dem Übermenschen. Hannah Arendt hatte in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die beginnende Weltraumfahrt als Emanzipation des Menschen-geschlechts von der Erde  gedeutet, dass die Menschen der Erde müde geworden seien. Vielleicht kann man die Sache auch heute noch so sehen, aber ein neuer Gesichtspunkt ist dazu gekommen: Warum die Erde verlassen? Die technische Metamorphose der Menschen könnte sie friedfertig machen und gegen die Umweltverseuchung so immun, dass keine Ausreise mehr nötig werde.

Im Internet kann man sich ausführlich über den Stand der Arbeit an der Unsterblichkeit informieren. Kryonik ist die Kältekonservierung von einzelnen Organen wie dem Gehirn oder dem ganzen Menschen, mit der Absicht, sie später einmal – wenn die Technik dafür reif ist – wiederzubeleben. Das ist zum ersten Mal 1967 versucht worden. Es gibt Gesellschaften, sogar gemeinnützige, die das anbieten. Von Cyborgs ist die Rede, wenn mit Hilfe von biochemischen, physiologischen  und elektronischen Modifikationen des Menschen selbstregulierende Mensch-Maschinen-Systeme erzeugt werden, die das Überleben selbst unter Weltraumbedingungen möglich machen. Transhumanisten sprechen von der Zeit nach dem Menschen, wenn der Übergang vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen vollzogen ist. Wenigstens ein Mind-Uploading, die Auslagerung der bewusstseinsrelevanten Teile unseres Gehirns in ein digitales Medium, könnte für viele Menschen als schadloser Versuch  in Frage kommen. Warum sollte man nicht Möglichkeiten nutzen? Wer hat Angst vor der Unsterblichkeit? Ist sie nicht die uralte Sehnsucht der Menschen? Warum sollte es schließlich nicht der Wissenschaft und der Technik gelingen, einen Weg zur Unsterblichkeit des Menschen zu finden, bzw. zu schaffen, da lebendige Wesen wie Bakterien und Pilze potenziell unsterblich sind?

Ist es selbstverständlich, dass wir die Unendlichkeit in einer jenseitigen Zukunft suchen? Diese Hoffnungen, die die Technik erzeugt, stimmen mit den religiösen Hoffnungen in einer wesentlichen Hinsicht überein. Beide richten ihre Erwartungen auf ein Jenseits des Gegenwärtigen: in der Religion auf eine dem Irdischen verborgene Sphäre von Himmel und Hölle, von Paradies und Orkus, in den technischen Projekten auf eine entfernte, zukünftige Zeit nach dem Menschen. Es ist ein prinzipieller Einschnitt, ein Graben, der das Heute und das Kommende voneinander trennt. Die Wesen, die über Bewusstsein verfügen und darum Zeit ihres Lebens von ihrem Ende wissen, sind nicht mehr dieselben, wenn sie nicht mehr den Tod als das schreckende Nein ihres gesamten Seins vor Augen haben. Es handelte sich dann um eine völlig andere Dimension des Daseins als die des gegenwärtigen Menschseins. Der Tod als das Tor zu einem ganz Anderen scheint überraschender Weise eine Ähnlichkeit mit der Überwindung des Todes zu tun zu haben. Beides handelt nicht mehr vom Menschen, wie er gegenwärtig existiert; beides handelt von einem Bereich, in dem das geschichtlich bekannte Menschsein überwunden ist.

Die Abschaffung des Todes durch Technik brächte nur eine Verlängerung der Endlichkeit, keine Unendlichkeit. Das Jenseits, das die Technik anvisiert, unterscheidet sich andererseits grundlegend von dem religiösen Jenseits. Während das religiöse Jenseits die Hoffnung auf eine Sphäre richtet, die jenseits von Raum, Zeit und den Bestimmungen der irdischen Existenz liegt,  birgt die Perspektive der Technik nur eine Fortsetzung des Lebens auf der Ebene der gegenwärtigen  Bestimmungen. Sie liegen auf der Kontinuität von Zeit und Raum, nur eben als Verlängerung. Verlängerung aber ist keine Identität mit dem Unendlichen.  Die quantitative Ausdehnung, Verlängerung des Lebens bringt uns der Unendlichkeit keinen Schritt näher. Selbst wenn wir unsterblich wären, würde unser Leben in der Dimension der Ausdehnung bleiben. Eine Verlängerung ist die reine Quantität, ein Mehr an Jahren, das in demselben bleibt, d.h. im Endlichen. Das Leben erreicht keine andere Qualität. Es ist wie Hegel in seiner Logik ausführt, „ein Progreß ins Unendliche“. Es ist die „sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen. Die Unendlichkeit des unendlichen Progresses bleibt mit dem Endlichen als solchem behaftet, ist dadurch begrenzte, und selbst endlich.“ Der so vorgestellte Mensch macht nie die Erfahrung des Unendlichen, er erfährt nicht das, was Hegel Erhebung nennt.  Jede Situation, die er erlebt, bliebe gekennzeichnet von Endlichkeit in allen Belangen. Das heisst, die technische Überwindung des Todes, wenn sie denn gelänge, brächte nur eine Verlängerung, eine unendliche Verlängerung desselben, eine Wiederkehr des ewig Gleichen. Eine Transzendenz, von der die Religionen sprechen, dieser qualitative Sprung, ist nicht im Programm vorgesehen.  Es ist das unendliche Endliche. Was sich in dieser Vorstellung manifestiert, ist ein Denken, das das Unendliche noch nicht begriffen hat. Das Unendliche hat nicht die Form des Endlichen. Es muss anders gedacht werden.

Muss denn Unendlichkeit immer etwas mit Unsterblichkeit zu tun haben? Wenn also die religiöse Variante das Unendliche in ein abwesendes und stets ungewiß bleibendes Jenseits projiziert, die technische Variante im Grunde im fortgesetzten Endlichen bleibt, wie wäre dann die Unendlichkeit als aktuell geltend und als Qualität unseres Lebens zu verstehen?

Blaise Pascal setzt die Unendlichkeit des Weltalls und die Endlichkeit des denkenden Menschen in Beziehung: „Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber es ist ein denkendes Schilfrohr.  Das ganze Weltall braucht sich nicht zu waffnen, um ihn zu zermalmen; ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch nur noch viel edler als das, was ihn tötete, denn er weiß ja, dass der stirbt und welche Überlegenheit ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiß davon nichts. Unsere ganze Würde besteht also im Denken.“  Die Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Weltall besteht darin, dass er die im Grunde unfassbare Unendlichkeit erfassen kann, während das Weltall nur in Form der Ausdehnung unendlich ist. In jedem einzelnen Menschen, in jedem Ich ist die Unendlichkeit gewissermaßen als Konzentrat, als Denkfähigkeit und Bewusstsein präsent.

Noch anders wird dieses Verhältnis in der Philosophie Hegels bestimmt. In dem Kapitel über die Unendlichkeit in seiner Logik stellt Hegel klar, daß der Gegensatz zwischen der Endlichkeit des Lebens vor dem Tod und einer Unendlichkeit danach ein logischer Fehler ist, der die Unendlichkeit dadurch zu einer Endlichkeit macht, dass er sie dieser gegenüberstellt, wodurch die Unendlichkeit eine Grenze bekommt, eben die an der Endlichkeit. Wenn unsere Art zu denken als etwas verstanden wird, was als Geistiges Realität besitzt, dann ist solch ein logischer Fehler die Verkennung der Wirklichkeit. Das Unendliche kann angemessen nicht als Gegensatz zum Endlichen gedacht werden, sondern nur so, dass es das Endliche in sich begreift, dass es die Einheit des Unendlichen und Endlichen ist.

Dies lässt sich näher an der inneren Erfahrung erklären, die wir mit unserem Erkenntnisvermögen haben. Die grundlegenden Dimensionen unserer Erkenntnis, sowohl die Anschauungsformen Raum und Zeit als auch die Begriffe und das Bewusstsein besitzen den strukturellen Charakter der Unendlichkeit, ohne etwas mit dem Tod zu tun zu haben. Wenn Raum und Zeit mit dem Urknall entstanden sein sollten, wie die Naturwissenschaft behauptet, dann stellt sich sofort die Frage: Was war vorher? Wie ist es dazu gekommen? Es muss etwas vor dem Urknall gegeben haben, ansonsten würde man die metaphysische Position vertreten, die Welt sei aus dem Nichts entstanden, eine Behauptung, gegen die nicht nur die Logik, sondern auch die Physik spricht. Nicht allein unser Denken zwingt uns zu der Annahme, dass es etwas vor dem Urknall gegeben habe müsse, auch jedes Verständnis von Energie und Materie. Diesem gemäß denken wir auch kein Ende von Raum und Zeit, das mit dem Urknall zusammenfällt. Wir können über alle gesetzten Grenzen hinweg, die behauptet werden, Raum und Zeit denken. Alle Gegenstände, die im Raum vorhanden sind, sind begrenzt, nicht aber der Raum selbst. Einem Sachverhalt, dem Kant ausweichen wollte, indem er den Raum als Anschauungsform a priori bestimmte. Nicht anders als die Zeit. Alle Abschnitte der Zeit sind begrenzt, sind endlich, nicht aber die Zeit selbst. Raum und Zeit sind unendliche Qualitäten, nicht nur in unserm Denken, sondern auch in der Realität, denn was wir denken, sind Phänomene der Realität und nicht reine Denkinhalte. Noch deutlicher ist, dass der Begriff die Struktur des Unendlichen besitzt. Jeder Begriff  hat den Charakter des Allgemeinen. D.h. jeder Begriff ist einer, ein einzelner, der sich aber auf eine unendliche mögliche Anzahl von Exemplaren bezieht, eben die, deren Begriff er ist. Ob  es Millionen Linden gibt oder Milliarden berührt den Begriff der Linde nicht. Die Linden sind auch nicht im Begriff enthalten, sondern lediglich unter den Begriff subsumiert, was nur im Geistigen möglich ist. Jedes Allgemeine ist unendlich, d.h. ist ohne Quantität. Dieser Charakter des Allgemeinen, wie er sich in der Struktur des Begriffs zeigt, wird noch vom Bewusstsein übertroffen. Jeder Mensch ist physisch immer situiert an einem Ort und zu einem Zeitpunkt, immer jetzt hier. Im Bewusstsein sind wir hingegen zumeist woanders. Unser Bewusstsein ist nicht eingesperrt in dem Ort und dem Zeitpunkt, wo wir uns physisch befinden. Wir können uns in unserer Vorstellung nicht nur auf die Nahbereiche – die Straße, die Stadt, das Land, wo wir wohnen – beziehen, sondern sind in der Lage, über alle Kontinente unseres Planeten und die Galaxien des Weltraums im Bewusstsein zu wandern. Es gibt keine räumlichen Grenzen für unser Bewusstsein. Und auch keine zeitlichen. Wir können jetzt beispielsweise Platon und das antike Athen zum Thema machen oder irgendwelche Vorgänge im Mittelalter, aber auch längst vergangene Epochen der Erdgeschichte. Ebenfalls blicken wir in unserer gegenwärtigen Situation voraus in die Zukunft, in die nahe und in die ferne. Auch hier, was die Zeit betrifft, kennt unser Bewusstsein keine Grenzen. Wollte man dies nun zusammenfassen, so müsste man sagen, zur Gegenwart des endlichen Menschen gehört zu jeder Situation, zu jeder Zeit, an jedem Raum, die Unendlichkeit. Als menschliche Wesen, die Geist besitzen, haben wir bereits jetzt in unserem Leben Anteil an der Dimension des Unendlichen. Diese Seinsweise des Menschen hebt ihn  nicht aus der Natur heraus. Der Geist ist eine Qualität der Natur. Er verbindet alles Einzelne mit der Unendlichkeit des Ganzen. Der lebendige Geist wirkt in der Natur, die Natur wirkt als lebendiger Geist. Im Menschen ist die Natur zu Bewusstsein gekommen, auch zum Bewusstsein ihrer selbst. Die Unendlichkeit ist im Menschen gegenwärtig.

Das wird sich in der Zukunft zeigen. Und die Zukunft liegt sicherlich nicht in weiter Ferne, denn das beherrschende Thema der Gegenwart ist die technische Intelligenz. Diese Hinwendung zur Intelligenz wird nicht daran vorübergehen können, auch die menschliche Intelligenz zum Thema zu machen, denn die technische Intelligenz ist das Werk des lebendigen Menschen. Die lebendige Intelligenz des Menschen ist aus der Evolution der Natur hervorgegangen. Sie ist mit den Ursprüngen, die in der Unendlichkeit der historischen Ferne liegen und mit dem Ganzen der Entwicklung der Natur verbunden. Die Intelligenz, die so aus der Evolution der Natur hervorgegangen ist, besitzt diese Verbundenheit mit dem Ganzen in seiner Unendlichkeit. Wir bezeichnen diese Intelligenz als Geist mit Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Erfahrung. Sie ist lebendig, einem ununterbrochenen Wandel unterworfen. Die Technik besitzt diese Qualität nicht. Die Technik ist ohne Evolution, sie besitzt nicht den evolutionären, lebendigen  Hintergrund der menschlichen Intelligenz; sie ist nur Information, tote Mathematik, etwas, das Menschen in die Zeit gesetzt haben.

Was es bewirken würde, wenn  der Zeitgeist geprägt wird vom Bewusstsein des lebendigen, naturhaften Geistes in seiner Unendlichkeit? Darüber lassen sich allerlei Gedanken anstellen. Was würde es für die Lebenswelt bringen? Ein neues Verhältnis zur Natur? Eine radikal veränderte Lebensweise? Eine neue Religion? – Jedenfalls ist es ein neues Kapitel, das der Spekulation ein weites Feld bietet, wozu die hier vorgetragenen Gedanken anregen, aber keine weitere Seite aufschlagen.

Ein Gedanke zu „Warum wir alle sterben müssen und doch etwas Unendliches an uns haben“

  1. Johann Gottlieb Fichtes Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ setzt sich wohltuend von einem „Sein zum Tode“ ab und bringt vielleicht noch eine neue Facette zu der vorherigen Lektion „Unsterblichkeit“. Sie gehört zu seinem Spätwerk. Von Kant herkommend hatte es Fichte zunächst abgelehnt, dessen Lehre von einer „Welt an sich“ zu übernehmen. Zu einer unerkennbaren „Welt an sich“ kann der Mensch nicht in ein freies Verhältnis eintreten. Der Bruch zwischen Mensch und Welt bleibe nach Kant fixiert. Dies sei unvereinbar mit der Freiheit, zumal nach Fichte alles, was mit dem Ich geschieht, eine Sache seines eigenen Tuns sein muss. So gibt es zunächst nur das „absolute Ich“.

    Das „Ich“ bedarf aber, um sich selbst zu erkennen, eines anderen Ichs. Das freie Ich kann sich nur in einem ebenfalls freien Ich wiederentdecken. So bleibt das Ich in der Differenz bei sich selbst.

    Der späte Fichte erkennt, dass auch die Idee der Freiheit einer Schranke bedarf, um da sein zu können. Im Ruf des Gewissens wird der Mensch gewahr, daß Freiheit nicht Beliebigkeit heißt. Der Ruf des Gewissens ist die stete Erinnerung, dass die Besonderung eigentlich nicht sein soll. An die Stelle des absoluten Ichs tritt der absolute Gott als das uneingeschränkte Allgemeine. Dies ist der ideengeschichtliche Ort, aus dem Fichtes Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ hervorgegangen ist.

    Hier sind Leben, Liebe und Seligkeit eigentlich dasselbe. Jedes Leben ist bewegt von einem Ziel oder Telos, in welchem es seine Erfüllung findet. Der Gedanke eines unseligen Lebens enthält einen Widerspruch, denn unselig ist nur der Tod, mithin der Stillstand jedweder Bewegtheit. Die Liebe teilt das an sich unbewegte, tote Sein in ein zweifaches Sein, zumal Liebe heißt: im Anderen bei sich selbst sein. Die Liebe ist von der Sehnsucht bewegt, im Gegenüber sich selbst anzuschauen und von sich zu wissen. So schafft die Liebe ein Ich oder selbst, in welchem die Wurzel seines Lebens ruht. Ohne Liebe würde das Ich sich nur kalt und ohne alles Interesse anschauen. Das durch die Liebe bewegte Leben ist selig in der Freude des Wiederentdeckens.

    Nicht alles, was als lebendig erscheint, ist selig. Das Unbewegte ist allein auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist fixiert auf die Eigenliebe und so ausschließend. Allein in der Sehnsucht, sich mitzuteilen, ist es noch mit der Welt verbunden. Das natürliche menschliche Dasein existiert in dem Streit zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe. Es bleibt so notwendig unvollkommen. Die wahre Individualität im Sinne Fichtes gibt sich wohl einen ausschließenden Charakter; diese Besonderheit besteht aber in dem, was jeweils als liebenswert oder erstrebenswert angesehen wird: „Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinen ganzen Sinnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuss deiner selbst zu finden hoffest – und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet.“

    Das vermeintlich unbewegte Sein wird Lebendiges in der bewussten Individuation. Die Individuation geschieht, indem wir uns selbständig und selbsttätig dem zuwenden, was wir lieben.

    Fichte unterscheidet das einfache, unveränderliche und ewig sich gleichbleibende Sein von dem im unaufhörlichen Wechsel zwischen Werden und Vergehen stehenden Dasein. Dem wahrhaftigen Leben ist die Liebe der Mittelpunkt; die Liebe, wie sie in dem Wechselhaften das Gleichbleibende sucht. Die Fixierung auf das Vergängliche ist ein bloßes Scheinleben, welches notwendig unselig ist, zumal ihm die Freude der Wiederentdeckung des eigentlichen Selbst verwährt bleibt.

    „Jener geliebte Gegenstand des wahrhaftigen Lebens ist dasjenige, was wir mit der Benennung Gott meinen, oder wenigstens meinen sollten; der Gegenstand der Liebe des nur scheinbaren Lebens, das Veränderliche, ist dasjenige, was uns als Welt erscheint und was wir also nennen.“

    Die Negation des Göttlichen ist empfindbar in der Sehnsucht und in der Reue. Indem sie bloß gefühlt wird, ist sie noch nicht verstanden. Worin die Glückseligkeit zu finden ist, wird oft nicht gewusst. Es geht hier um die Frage, wie kommt der je individuierte Mensch in ein Verhältnis zu Gott als dem uneingeschränkten Allgemeinen. Der Mensch ist sowohl denkend als auch fühlend. Im Gefühl kann jeder zufällige Inhalt sein: Gutes und Schlechtes. Entscheidend ist der Inhalt; diesen aber bringt der Gedanke hervor. Den Gegensatz von individuierter Besonderheit und Alleinheit vermag nur der Geist in der Form des Gedankens zugleich zur Einheit zu bringen. In der Natur sind die Gegensätze nacheinander. Aus dem Samen entsteht die Pflanze, aus dieser die Blüte, aus dieser die Frucht. Der Mensch aber ist Geist und Persönlichkeit, insofern er den Gegensatz von Trieb und Vernunft oder Eigenliebe und Nächstenliebe zugleich zur Einheit führt. Für Fichte ist das Element, die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens der Gedanke.

    Den seligen Gedanken einer Einheit des Menschlichen und Göttlichen vermag nur eine seiner selbst bewusste Persönlichkeit hervorzubringen und zu genießen.

    Das frühe Christentum machte den Glauben zur ausschließenden Bedingung des seligen Lebens und dieser Glaube ist für Fichte dasselbe wie der hier erörterte Gedanke. Erst nach dem Verschwinden des Glaubens hatte man die Bedingung des seligen Lebens in die Tugend gesetzt „und so auf wildem Holze edle Früchte gesucht.“ Die uralte Frage, ob Seligkeit das Resultat eines Verdienstes oder einer Gnade ist, kommt hier zur Sprache.

    Fichte erörtert ausführlich den Prolog zum Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ Somit war das Wort oder die Form vor aller Zeit.

    In der Kraft zur Unterscheidung, also im Ur-teilen, sind wir selbständig und frei; wie Gott. Es ist mithin das menschliche Bewusstsein, in welchem sich die göttliche Kraft zur Unterscheidung offenbart. Das menschliche Bewusstsein ist so die Offenbarung Gottes als Logos oder sinnhafter Kosmos.

    Fichte tritt der Aussage der Genesis entgegen, in welcher es heißt: „Am Anfang schuf Gott …“ Mit der Lehre von der Schöpfung wird, so Fichte, ein Ursache/ Wirkungsmechanismus behauptet. Das, was eigentlich ein überzeitliches Geschehen ist, wird als zeitliche Abfolge angesehen. Die zeitliche Kausalität, welche der menschliche Erkenntnisapparat zu seiner Orientierung in der Welt benötigt, wird hier unzulässig auf die Ewigkeit übertragen. Mit der Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf wird ein unüberwindbarer Bruch zwischen Gott und Mensch fixiert. Allein der Gedanke, dass das Wort oder die Form sowohl am Anfang der Zeit als auch in der überzeitlichen Ewigkeit, also bei Gott, ist, kann das Zugleichsein scheinbar Entgegengesetzter fassen.

    Die Lehre vom allmächtigen Schöpfergott sei geeignet, so sinngemäß Fichte, als Folie für die Legitimation von Herrschaftsstrukturen gebraucht zu werden.

    Die Liebe ist die Form, in welcher die Einheit des Seins (Gott) sich in das Dasein übersetzt. Diese Form war bei Gott, also schon vor der Zeit. Das menschliche Bewusstsein als der Ort der göttlichen Offenbarung bringt die Welt und in ihr Menschen, Tiere unmd Pflanzen nach der überzeitlichen Form der Liebe hervor. So wird unser reflektiertes Handeln zu einem Werkzeug der Einheit des Seins. Das Sollen ist hier nicht eine äußerliche Pflichtenlehre, sondern das Handeln entfließt still und ruhig in der Liebe. Johannes sagt: „Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.“

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