Warum nicht sicher ist, was in Zukunft geschieht und man trotzdem das Gute tun soll

MoralMan kann es einfach erklären: Wenn sicher wäre, was in Zukunft geschieht, bräuchte man nicht Gutes tun. Es würde sowieso kommen – oder nicht. Wir würden nur Erfüllungsgehilfen dessen sein, was sowieso kommt. Krasser: Wir würden nur Ausführungsorgane dessen sein, was sowieso kommen muss.

Aber die Welt ist anders. Und auch die Menschen sind anders. Wir wissen nicht, was kommt. Die Zukunft ist unbekannt. Dass sie unbekannt ist bedeutet, dass es so, aber auch anders kommen kann, dass nicht sicher ist, was kommt, besser: dass nicht feststeht, was kommt. Weil nicht feststeht, was kommt, macht Handeln überhaupt Sinn. Wie ich mich entscheide, ist ein Faktor für das, was in Zukunft geschieht, wie die Zukunft wird. Gerade weil nicht sicher ist, was die Zukunft bringt, was in Zukunft geschieht, ist es sinnvoll, Gutes zu tun. Würde hingegen sicher sein, was kommt, wäre Gutes tun eine unmögliche Angelegenheit. Wenn das Schlimme und Böse mit Notwendigkeit eintreten würde, hätte Gutes tun keinen Zweck. Wenn mit Notwendigkeit das Gute eintritt und ich das weiß, bräuchte es nicht besonders getan werden, es käme von selbst. Aber wir wissen nicht, was kommt. Und wir wissen, dass unser Tun mitentscheidend ist für das, was kommt. Deshalb macht es Sinn, Gutes zu tun. Gerade weil wir nicht wissen, was rauskommt aus dem, was geschieht, sind wir aufgefordert, Gutes zu tun. D.h. die Ungewissheit ist die Voraussetzung, das Gute zu tun, moralisch zu handeln.

Handeln ist immer ein Risiko, ist immer mit Unsicherheit verbunden, was den Erfolg betrifft. Aber die Ungewissheit gibt – anders betrachtet – gerade den Spielraum, in dem für das Gelingen moralischen Handelns die Chance zum Erfolg besteht. Moralisches Handeln bedeutet, in einem Komplex von vielen Faktoren, auf die man keinen Einfluss hat, mit der einen Komponente des eigenen Einsatzes einen Prozess zu beeinflussen. Welche Macht diese Komponente im Komplex aller wirkenden Faktoren besitzt, ist nicht sicher. Ich mache mich aber durch mein Tun nicht von der Kalkulation abhängig, ob es Erfolg hat. Ich tue es prinzipiell, ohne diese Gewährleistung. Gerade dies charakterisiert das moralische Handeln. Würde ich es nur tun, weil es mit Sicherheit Erfolg hat, wäre es gerade nicht moralisch. Es wäre berechnend und lediglich auf Effektivität gerichtet.

Das gute Tun ist die Freiheit. Es ist die Freiheit inmitten aller Notwendigkeiten und Zufälle.

Das lässt sich noch in einem größeren Zusammenhang plausibel machen. Das Gute, das Moralische, ist die Kraft in der Menschheit, die jede bisherige Gegenwart mit einem Sollen konfrontiert, das in der Anlage der Menschen wirksam ist und Motive erzeugt, über das, was ist, hinauszugehen.

Den Kern dieser Anlage hat Kant im kategorischen Imperativ ausgedrückt. Die Maxime bedeutet die Aufforderung zur Bildung des Gemeinsinns, der eine freie, friedliche und gerechte Ordnung unter den Menschen hervorbringt, wenn man das Prinzip einer „allgemeinen Gesetzgebung“ etwas freier versteht.

Warum sollte man das Gute tun, wenn es nicht nötig wäre, es zu tun, anders: wenn es selbstverständlich wäre? Dann gehörte es zu der Erkenntnis dessen, was ist, also zur Natur- wissenschaft. Aber die Moral und die Freiheit sind die Elemente praktischer Vernunft, wie Kant lehrt. Sie erzeugen den kulturellen Fortschritt, der nicht nur einer der Technik oder der Ökonomie oder der Naturwissenschaft ist. Diese drei Disziplinen mit ihrer enormen Produktivität haben die Dimensionen des humanen Fortschritts an den Rand gedrängt. Diese Seite der Geschichte scheint machtlos zu sein gegen die Dynamik der drei genannten Disziplinen. Gerade deshalb ist moralisches Engagement dringend nötig. Geschichte ist nicht erst heute, sondern ununterbrochen der moralische Kampf gegen Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Krieg.

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