Warum Naturgesetze nicht zu sehen sind, aber trotzdem gelten

NaturgesetzNormalerweise denken wir nicht nach, sondern nehmen die Welt so hin, wie sie sich zeigt. Sonst würden wir gar nicht leben können. Naiverweise sind wir Empiristen; oder umgekehrt: als Empiristen sind wir naiv. Intuitiv meinen wir, die Wahrheit läge auf der Stufe der sinnlichen Erkenntnis. Wenn wir die Welt nicht nehmen würden, wie sie sich uns unmittelbar zeigt, käme unser Lebensfluss ins Stocken. Wir würden merken, wie viele Dinge nicht selbstverständlich, sondern rätselhaft sind, so dass wir andauernd ins tiefsinnige, unpraktische Philosophieren verfielen. Zum Glück ist das nicht so. Die Menschen wollen lieber leben als philosophieren, was aber auch nicht unbedingt ein Widerspruch sein muss.

Zum Beispiel würde es sicherlich vielen Menschen – besonders den Naturwissenschaftlern selbst – fragwürdig werden, ob es richtig ist, dass in den Naturwissenschaften nur gelten soll, was empirisch verifizierbar ist. Denn tatsächlich sind weder Naturgesetze noch Theorien von der Art, dass sie empirisch erschienen, also in Raum und Zeit zu sehen, zu hören, zu fühlen oder sonst wie sinnlich erfahrbar wären. Wir sehen Steine, die fallen, aber nicht das Fallgesetz. Das Fallgesetz fällt nicht. Das Fallgesetz wie überhaupt alle Gesetze, liegen auf einer anderen Ebene als die Dinge, die fallen. Gesetze können nur gedacht werden. Aber die Naturwissenschaftler gehen davon aus – und wohl auch berechtigterweise –, dass in den Gesetzen das liegt, was Wissenschaft ausmacht, was aller Naturforschung Gewissheit verleiht.

Dies war der Grund dafür, dass Karl Popper in der „Logik der Forschung“ (1935) behaupten konnte, dass Theorien prinzipiell nicht bewiesen, wohl aber falsifiziert werden können. Während alle Verifikationen stets nur eine bestimmte Anzahl von Einzelfällen aufführen, die mit dem Gesetz übereinstimmen, ohne beweisen zu können, ob es nicht noch welche gibt, die ihm widersprechen, stellen Falsifikationen eine unmittelbare Klärung der Sachlage dar: Wenn es nur einen Einzelfall gibt, der dem Gesetz widerspricht, kann ihm keine allgemeine, d.h. unbegrenzte Gültigkeit zugesprochen werden, worin das Kriterium eines Gesetzes besteht. Popper folgt darin in gewisser Weise Kant, für den das Kriterium der Wahrheit in Bezug auf alle Naturwissenschaften die Erfahrung war.

Woran liegt dieses Dilemma der Naturwissenschaften, dass für sie einerseits die Erfahrung das Kriterium der Wahrheit ist, andererseits aber die Allgemeingültigkeit der Gesetze? Es liegt an etwas, das nicht nur die Naturwissenschaften betrifft, d.h. die Naturwissenschaftler, sondern uns Menschen überhaupt. Wir bemerken nicht, wie das Allgemeine konstitutiv ist für unsere Erkenntnis. Wir bemerken nicht, dass wir das Allgemeine – und jedes Gesetz, auch jede Theorie ist ein Allgemeines – nicht sinnlich wahrnehmen. Und wir bemerken es ebenfalls nicht, dass wir es stillschweigend dem sinnlich Wahrnehmbaren zurechnen, bzw. in es hineinprojizieren. Ein Allgemeines wie ein Gesetz existiert nicht in der raumzeitlichen Wirklichkeit. Wir nehmen nur Einzelnes wahr. So viel Einzelnes wir auch sehen, daraus geht kein Allgemeines hervor, sondern immer nur eine größere Zahl von Einzelnen bis in die Unendlichkeit, d.h. ohne Ende; was Hegel als schlechte Unendlichkeit bezeichnete. Den Sprung zum Allgemeinen vollführt das Denken. Jeder Begriff ist ein Allgemeines. Er ist das Eine, das sich auf die der Möglichkeit nach unendlich große Anzahl von Gegenständen bezieht, die er unter sich subsumiert, indem er sie als das bezeichnet, was sie sind. Nur im Denken erfahren wir Allgemeines.

Es muss also eine für uns sinnlich nicht erfahrbare, aber verstehbare Verbindung zwischen unserem Denken und der Natur, bzw. der raum-zeitlichen Wirklichkeit geben. Die Transzendentalphilosophie als Methode, die die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis und des Erkennbaren analysiert, muss über den Ansatz von Kant hinausgehen, der diese Bedingungen nur im Subjekt verortet. Transzendentalphilosophie hat darüber hinausgehend die Bedingungen der Möglichkeit zu eruieren, die die Verbindung zwischen dem Denken und der Natur, bzw. der raumzeitlichen Wirklichkeit begründet.

Warum also gelten Naturgesetze, obwohl wir sie nicht sehen, nicht sinnlich wahrnehmen?
Die menschliche Gesellschaft und Kultur hat sich weit darüber hinaus entwickelt, den Dingen nur darum so etwas wie Wahrheit zuzusprechen, weil sie bis dahin praktisch funktionierten. Das bliebe im Ungefähren und gewährleistete nicht die Sicherheit, die etwa nötig ist, um statisch höchst komplizierte Bauwerke hochzuziehen, von denen man schon vor Baubeginn durch Berechnung weiß, das sie halten, wenn nicht unkalkulierbare Katastrophen oder menschliches Versagen eintritt. Ebenfalls würde niemand – oder nur ein Verrückter – in ein Flugzeug einsteigen, wenn es nur wahrscheinlich wäre, dass es nicht abstürzt. Gesetze verbürgen in der Regel in dem Kontext, auf den sie sich beziehen, absolute Sicherheit. Nur außerkontextuelle Ereignisse, die allerdings zur Welt gehören, stellen Risiken dar.

Eine zweite Antwort könnte lauten: Naturgesetze gelten, anders: wir sind fähig Naturgesetze zu denken, weil wir Menschen in der raumzeitlichen Außenwelt „Übersinnliches“ (Hegel) – wie Gesetze – im Sinne des Wortes, erfassen können. „Übersinnliches“ können wir in dem Sinne erfassen, als wir über die sinnliche Wahrnehmung, die wir haben, hinausgehen und in den Vorgängen etwas erschließen, das in der sinnlichen Erfahrung gar nicht gegeben ist: das Gesetz.

Unabweisbar ist daher die Konsequenz, dass die Erkenntnis der Naturgesetze eine tiefe Verbindung mit der Natur, bzw. der Außenwelt anzeigt, die nicht durch Physik, sondern durch Metaphysik zu erklären ist. Es ist eine geistige Verbindung, denn sie geschieht durch das Denken. Und nun in einem Satz: Naturgesetze gelten, weil wir – durch unser Denken – mit der raumzeitlichen Welt, bzw. der Natur so eng verbunden sind wie durch das Atmen.

9 Gedanken zu „Warum Naturgesetze nicht zu sehen sind, aber trotzdem gelten“

  1.  
    P.P.S.:
     
    Der Buddhismus spricht von der Non-Dualität der Wirklichkeit, also von einer meditativ zu erlebenden Erfahrung als einer Gesetzlichkeit, die die phänomenale Dualität der Welt überwindet und als Illusion (des weltlichen Geistes) erkennen lässt.
    Das Meditieren über Zen-Koans war für eine Generation von theoretischen Physikern hilfreich, ja fast notwendig, um die Paradoxien der Gesetzlichkeit der Quantenphysik und der Geltung der „ereignenden Individualität“ (besser: der statistischen Geschehnisse) der Wechsel-Wirkung zu verstehen. Dies führte auf einen „mystischen“ A-Dualismus des Monismus des Physikalischen
    (d.h. auf einen reinen Monismus der formalen Struktur der »Einheit des vielfach vorhandenen Verschiedenen« (daher „mystisch“), der auch als „Holismus“ (oder auch im erweitert-gewandelten Sinne als “Holarchie“) bezeichnet wird),
    dessen den eigenen Ansatz möglicherweise umstürzende Irrigkeit heute innerhalb der physikalistischen »philosophy of mind« unter dem Titel „Dualität von Funktion und Erleben“ strittig diskutiert wird.
     
    A-Dualismus oder Non-Dualismus – dieses Wortspiel um unterschiedliche Bedeutungen sprachlich gleicher Bedeutung scheint heute das zentrale Problem zu sein, sofern man anerkennt, dass die Reduktivität des Physikalischen (anders als des Begrifflichen) wirklich ist, weil die physikalische Wirklichkeit alle ihre Phänomene unentfaltet enthält (→ Kopenhagener Deutung), als gerade nicht reduktionistisch ist, was bedeutet, dass das Physikalische epistemisch als ein Monismus zu bezeichnen ist.
     
    Dem Begriff der Non-Dualität ist also zusammen mit der „mystischen“ Struktur der Wirklichkeit als »Einheit des Verschiedenen« zuzustimmen, jedoch:
     
    Experiment und Meditation erschließen duale Sphären von Gesetzlichkeit der einen Wirklichkeit oder des „Einen“ …
    (Wer wollte bestreiten, das psychologische und physikalische Gesetzlichkeit(en) verschieden seien? Sind sie logisch bzw. „in der Logik“ einbar? Was ist Logik?
    → Husserl, Heidegger, Carl Friedrich von Weizsäcker
    → Was ist Mathematik?)
     
    Wie also passen physikalisches Außen und erlebende Innerlichkeit zusammen?
     

     
    Diskussionen, die sich diesen Fragen erst gar nicht stellen, sind unterkomplex …
    Gesucht bleibt die „einfache“ weil einfach-orientierende Antwort …
     

  2.  
    Kurze Fortsetzung: Anmerkungen zu Herrn Lohschelder und Franz Friczewski
    Ich muss hier abbrechen – nur noch so viel:
    Wer solche Problematiken überspringt oder sie gar negierend ausmerzen will, der ist auf einem (möglicherweise experimentellem und/oder sprachspielenden) Holzweg und – streng gesagt – ein reduktionistischer Ideologe, auch wenn Gegensätzliches seine Intention sein mag …
    Die Episteme der „Subjektivität“ geht nicht im Physikalischen und/oder „Natürlichen“ auf, sie ist aber auch nicht die Grund legende, nicht die ursprüngliche Wirklichkeit!
    Lässt man das so stehen, dann mag eine „Lösung“ der Agnostizismus sein – der jedoch führt leicht zu unnötigen Ungenauigkeiten und Ignorantien:
    Herr Lohschelders Anmerkung „Die Naturgesetze hatten bereits Geltung bevor ein Mensch denken konnte“ von der Existenz der Naturgesetzlichkeit vor der Existenz der inneruniversalen Subjektivität ist richtig, die von Franz Friczewski beklagte Reduzierung von Subjektivität auf Objektivität jedoch ebenso, jedoch stimmt nicht, dass „Sprache … einen geschlossenen Bereich [bildet], den wir nie verlassen können, weil wir dazu wieder Sprache benötigen würden“.
    (Mir ist klar, dass ich entgegen meiner eigenen Klage hier nicht hinreichend auf Herrn Lohschelder wie auch auf Franz Friczewski eingehe … )
    Man muss Kant genauer lesen (es wurde sich öfter auf ihn berufen), denn die hier skizzierte Fragestellung hat er in seinen 3 Kritiken als einer Metaphysik der Phänomene (Das »Ding an sich« ist unerkennbar, die moralische Praxis der »Als ob« und die paradoxe Existenzweise der Urteilskraft) offengelassen → Schelling und Hegel folgten und wollten genau diesen Mangel (?!?) beheben …
    Hegel hat einen genialen Monismus des Absoluten Geistes formuliert, der in den Realitäten zwar phänomenal und dialektisch, aber nie materiell-physikalisch angekommen ist, Schelling hingegen rang mit seiner ebenso genialen nach-naturphilosophischen Erkenntnis, dass jeder Monismus (auch der Natur), der (unbedingte) Freiheit enthalten können solle, (zumindest epistemische) Dualität enthalten müsse …
    (nur aus der Erinnerung formuliert, die Stelle ist mir nicht mehr geläufig!)
    Was ist der zentrale Begriff eines epistemisch-dualen, also im Hinblick auf die philosophische Tradition Neutralen Monismus, der uns in den Besitz eines erfüllten Begriffs der Wirklichkeit bringen kann und so auch das Rätsel um die Paradoxie von Geltung und Genese auflöst?
    Die Lösung steht aus …

    P.S.:
    „Die Naturgesetze hatten bereits Geltung bevor ein Mensch denken konnte“
    Wer die Bedeutung der „Autonomie“ oder „Eigengesetzlichkeit“ (beide Begriffe sind sehr wohl zu hinterfragen) der »Physikalischen Gesetzlichkeit« als einer der zentralen Erkenntnisse der Neuzeit bezweifelt, der ist (für mich) in unserem Universum noch gar nicht angekommen!
    Ich gestehe: Ein solcher Mensch denkt für mich grundsätzlich irrig.
    Die Kritik, dass die Physikalische Gesetzlichkeit „nicht alles sein kann“, teile ich allerdings.
    In der Einung einer absolut aufgefassten Eigen-Gesetzlichkeit mit einer anderen besteht gerade das nicht zu negierende epistemische Problem …

  3.  
    Ich gestehe, ich habe so meine grundsätzliche Unzufriedenheit mit der Art des Bloggens:
    Der unbestreitbare Vorteil ist die Vielfalt der begründeten (?) Meinungen, der Nachteil ist der Stil des Posens eigener Überzeugungen, der zu bloßen Schein-Diskussionen führt, die (mit Voraussetzungen verknüpfte, so auch divergierende) glasklare und deshalb aufklärende Resultate verhindern.
     
    Ich will versuchen, (für mich) Gerhards (Impuls)-Text „einzudampfen“:
     
    Der Titel bekundet die zentrale Erkenntnis-Absicht:
    Naturgesetze sind nicht-sinnlich (wohl aber möglicherweise sinnvoll?) und gelten dennoch in der sinnlichen Welt! Sie sind also „irgendwie“ metaphysischer oder nicht-physikalischer Art.
    (Es sei denn, die Physik als mathematische Theorie des messbaren und „sinnlichen“ Empirischen sei selbst ein metaphysisches Projekt!? → Gerhard: Dilemma Erfahrung und Allgemeingültigkeit. In einem folgenden Beitrag werden konkretistische und realistische Vorstellungen des Physikalischen und Biologischen und die doppelte Bedeutung des Begriffs »Natur« (physis, nicht Physik) zu diskutieren sein).
     
    Mutmaßung 1:
    Darf ich also aufgrund der Diskussion dieser phänomenalen „Dualität“ das Postulat einer zumindest epistemischen Dualität vermuten? Denn die tradierte und zu überwindende Materie-Geist-Dualität ist nicht genannt worden! Der ganze Text scheint mir jedoch das prinzipielle Ungenügen jedes a-dualen Monismus des Physikalischen thematisieren zu wollen …
     
    Die alte Frage von Genese und Geltung bzw. Geltung und Genese ist aufgeworfen:
    Wie kann absolute und/oder kategoriale Geltung im Reich des maßvoll-ausgedehnten Veränderlichen existieren? Ist jede Theorie bloß ein Modell oder ist die Bedeutung jeder richtigen oder wahren Theorie ein hinreichen-erkanntes oder gar adäquates Naturgesetz bzw. eine Naturgesetzlichkeit, die gilt und wirkt!?
    (S.o.: Sind Gesetze bloß abstrakte Erfindungen von uns Menschen als Beschreibungen der Phänomene wie auch ihrer Relationen, sodass nur die konkreten Dinge (objektiver, möglicherweise und/oder subjektiver Art) wechselwirken bzw. interagieren oder ist Geltung die (epistemisch-duale)„Wurzel“ jeder Wirkung d.h. Genese?
    Tradiert: Ursache (Geltung) bewirkt kausal Wirkung (Genese), d.h. Wirkung verändert gegenseitig, Ursache hingegend verändert „ruhend“, indem sie Wirkungen raumzeitigt und selbst im Folgenden konkret verschwunden ist: d.h. sie kann nur geistig als notwendig erkannt und z.B. transzendental-philosophisch formuliert werden.→ Paradox von Statik und Dynamik, von Ruhe und Bewegung: »Same« als ein statischer und zugleich konkreter Begriff der Veränderung, analog Lichtgeschwindigkeit und Wechselwirkung, aber eben bereits Begriffe wie »Veränderung«, »Prozess« oder »Wandel« bzw. »Wechselwirkung«, man beachte auch die begriffliche Spannung und partielle Identität von »Wirklichkeit« ↔ »Sein«)
     
    Es gibt keinen begrifflichen Übergang zwischen »Geltung« und »Genese«, so wenig wie zwischen »Eins« und »Zwei« oder »Einheit« und »Vielheit« – und doch sind solche begrifflich-kategorialen „Dualitäten“ gar nicht sinnvoll, wenn man versucht sie isoliert zu denken …

    »Geltung« und »Genese« sind Begriffe des innerlich-rationalen Menschen –
    Wo also existiert das Naturgesetz? Im erlebenden Menschen und/oder im physikalischen „Außen“? Falls und:
    Identisch oder nicht-identisch?

     

  4. Naturgesetze und ihre Geltung

    Lieber Herr Friczewski,

    die Begriffe „Naturgesetze“ und „Geltung“ habe ich nicht erfunden. Ich habe mich überhaupt nur gemeldet, weil diese Worte und einige weitere, wie Gewissheit und Wahrheit, in obigem Text recht großzügig abgehandelt werden.

    Inhaltlich habe ich darüber hinaus weniger Bedenken. Allerdings bringt die evolutionäre Erkenntnistheorie wesentliche Aspekte des Themas ohne geistige Verrenkungen zum Ausdruck. Übrigens finden sich in dem diesbezüglichen Schrifttum auch bemerkenswerte und schöne Sätze (z.B. vom Huf und der Steppe – oder so ähnlich).

     

    1. Auch die „evolutionäre Erkentnistheorie“ wird ja von in-Sprache-operierenden Beobachtern formuliert. „Menschen können über Gegenstände (z.B. über ‚Erkenntis‘, F.F.) sprechen, weil sie die Gegenstände, über die sie sprechen, eben dadurch erzeugen, dass sie über sie sprechen.“ (Maturana)   Sprache bildet einen geschlossenen Bereich, den wir nie verlassen können, weil wir dazu wieder Sprache benötigen würden. In anderen Worten: wenn wir ernsthaft über Erkenntnis sprechen wollen, kommen wir nicht daran vorbei, Transzendentales in Rechnung zu stellen. Man kann das, wenn man will, als „geistige Verrenkung“ sehen. Für mich ist es das nicht. Für mich beginnt da erst Philosophie.

      Das heißt, auch jede Erkenntnistheorie ist ein Sprachspiel (i.S. von Wittgenstein) und damit untrennbar verknüpft mit einer je bestimmten (gesellschaftlichen! hier käme Marx wieder zu Ehren) Praxis oder Lebensweise. Für mich ist die evETh keine Erkenntnistheorie im philosophischen Sinn, weil sie das Sprachspiel und die damit verbundene Lebensweise unreflektiert in ihrem blinden Fleck verschwinden lässt – aus Angst vor „geistigen Verrenkungen“. Die Ur-Frage allen Philosophierens (Was heißt es, Mensch zu sein?) kann dann nicht mehr gestellt werden. Und gerade das müssten wir aber m.E. heute mehr denn je, wenn wir durch unsere Lebensweise nicht unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören wollen.

  5. Warum Naturgesetze trotzdem gelten

    Lieber Gerhard,

    einige Formulierungen können Anlass zu Missverständnissen geben. So z.B. der Sprung vom zweiten zum dritten Absatz: „dass in den Gesetzen das liegt, … was aller Naturforschung Gewissheit verleiht.“ Und gleich danach: „dass Theorien prinzipiell nicht bewiesen werden können.“ Wenn etwas nicht bewiesen werden kann, dann kann es wohl auch keine Gewissheit geben.

    Offenbar müssen wir genauer erläutern was gemeint ist. Man könnte sich darauf einigen, dass die Naturvorgänge überall und zu jeder Zeit nach gleichen Regeln oder Gesetzen ablaufen. Das heißt, es mag noch so chaotisch zugehen, aber unter genau gleichen Bedingungen wird das Geschehen genau gleich ablaufen. Der Mensch kann jedoch nur Hypothesen aufstellen, die einen Teil der Naturvorgänge – meistens mathematisch – beschreiben und je nach Stand der empirischen (und gefühlsmäßigen) Befunde mehr oder weniger anerkannt werden. Damit erhalten die Erkenntnisse eine gewisse Geltung und evtl. den Titel „Gesetz“.

    Merke: Die Naturgesetze hatten bereits Geltung bevor ein Mensch denken konnte.

     

    1.  

      „Merke: Die Naturgesetze hatten bereits Geltung bevor ein Mensch denken konnte.“

      Lieber Herr Lohschelder, was heißt denn hier „Naturgesetze“? Und was heißt  „Geltung haben“? Mit diesem Satz, so scheint mir, wischen Sie den Vorschlag Gerhard Stamers einfach mir nichts dir nichts vom Tisch, d.h. Sie fallen damit hinter Kant zurück. Während es doch heute darauf ankäme, das, was in Kants Transzendentalsubjekt ein-gefaltet war, in Richtung einer Epistemologie  zu ent-falten, die unserer heutigen Welt angemessen ist, d.h. mit der wir uns nicht unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

      Die Epistemologie, die ich hinter Ihrem Satz vermute, ist dagegen die eines Beobachters, der (wie es Heinz von Foerster formuliert) wie durch ein Schlüsselloch auf das sich unabhängig von seinem Handeln (zu dem auch die von ihm verwendeten Artefakte, die Technologie, gehört) entfaltende, geist-lose, tote  Universum blickt. Ein Universum voller Gegenstände, in denen die Natur quasi den Atem anhält, damit wir sie überhaupt beschreiben und erklären können. Sie kappen damit doch die lebendige Verbindung, die Gerhard Stamer in seinem letzten (bmerkenswerten und sehr schönen) Satz anspricht.

      Das ist gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. „Man kann (und sollte F.F.) Naturgsetze auch interpretieren als eine Vorschrift, wie man, als natürlich ablaufend angesehene Prozesse (Dynamiken) anstoßen, ablaufen und in eine gewünschte Richtunggehen lassen kann. Danach ist ein Naturgesetz kein Gesetz, sondern eine generalisierte Vorschrift zum Bau von technischen Apparaturen, in denen aufgrund vorgegebener Zwangsbedingungen (Präparation von Anfangs- und  Randbedingungen), mehr oder weniger genau beschreibbare Prozesse ablaufen.“ (K. Kornwachs, Naturverstehen und Systemverstehen).

       

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