Warum Marx‘ Kritik am Kapitalismus richtig ist, aber seine Alternative nicht

MarxOkwui Enwezor, der Kurator der diesjährigen Biennale, lässt das dreibändige Werk „Das Kapital“ von Karl Marx ungekürzt durch Venedig schallen. Eine gigantische öffentliche Lesung. Thomas Piketty, Professor an der Pariser School of Economics hat 2014 ein 800-seitiges Werk mit massenhaftem Datenmaterial veröffentlicht; der Titel: „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die politökonomische Analyse des Kapitals wird – zumindest im Titel – in eine gegenwärtige Form transponiert; egal wie man sie beurteilt, jedenfalls geht sie ungleich versöhnlicher mit dem Kapitalismus um als Marx im 19. Jahrhundert. Aber es ist klar, der Kapitalismus besteht nach wie vor: Das Thema bleibt, Marx auch. Also sollte man Marx auch diskutieren.

Gilt noch sein kategorischer Imperativ aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie,

„alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist,…“?

Gilt noch seine Theorie der Entfremdung, nach der die Herrschaft der Ökonomie über die Menschen prinzipiell ein inhumanes System darstellt? Wie hält man es mit Marx? Das ist die Gretchenfrage.

Die Arbeiterbewegung und der Sozialismus, denen Marx die theoretische Grundlage verlieh, ist ein historisches Faktum, ein beispielloses Weltereignis der Moderne. Riesige sozialistische Staaten sind gegründet worden, die Sowjetunion, die Volksrepublik China, kommunistische Parteien und Bewegungen in allen Kontinenten. Die Beurteilung dieser Realitäten ist natürlich noch etwas anderes als die Feststellung ihrer Faktizität. Im Rückblick kommt keine Beurteilung daran vorbei, dass die Geschichte der kommunistischen Staaten, Organisationen, Bewegungen voller verheerender Katastrophen ist. Die üblichen Ausflüchte, mit diesen Realisierungen hätte Marx nichts zu tun, nirgendwo wäre Marx korrekt realisiert worden, sind nur hilflose Versuche, der Wahrheit auszuweichen. Marx´ Diktum, dass die Praxis das Kriterium der Wahrheit sei, ist auch auf Marx selbst anzuwenden.

In diesem Sinne ließe sich das Erbe von Marx antreten, jedenfalls für alle, die den oben zitierten Imperativ nicht vergessen haben und für richtig halten. Es ließe sich ein Erbe im Sinne von Jaques Derrida antreten, der in seinem Buch „Marx´ Gespenster“
die treffenden Worte dafür fand:

„Dieses Erbe müssen wir reanimieren, indem wir es so radikal verändern wie eben notwendig. Diese Reanimierung hielte sich in der Treue zu etwas, das in dem von Marx ausgegangenen Appell – …- nachhallt, und gleichzeitig entspräche sie dem Begriff des Erbes im allgemeinen. Das Erbe ist niemals ein Gegebenes, es ist immer eine Aufgabe. Sie bleibt vor uns, ebenso umbestreitbar, wie wir, noch bevor wir es antreten oder ablehnen, die Erben sind, und zwar trauernde Erben, wie alle Erben.“

Dies Erbe antreten, ist aber nicht nur traurig, sondern bitter. Es ausschlagen? Wäre die intellektuelle Kapitulation. Karl Marx – und natürlich auch Friedrich Engels – haben ihrer moralischen Empörung gegen das Elend der anwachsenden Zahl der Industriearbeiter einen theoretischen Ausdruck gegeben, dessen Konsequenzen sich erst bei den praktischen Realisierungen zeigten, die sich an dieser Theorie orientierten. Die herausragende Systematik, zu der Marx seine Gedanken entwickelte, brachte ein konsequentes, in sich stimmiges Werk zustande, das aller Praxis, die sich darauf berief, eine – wie es schien – unanfechtbare theoretische Legitimation verlieh. Bis heute ist es das größte Lehrstück darüber, wie aus purer Humanität Inhumanität hervorgehen kann.

Was ist in der Theorie nicht reflektiert worden? Wo liegen die historisch begründeten theoretischen Einstellungen, die in der perspektivischen Sicht auf die Zukunft zu Fehldeutungen führten? Welche Rolle spielten pragmatische Verkürzungen in praktischer Absicht? Wie stark wirkte sich der methodische Zwang der dialektischen Wissenschafts-form aus, der die empirisch zugängliche Wirklichkeit in eine Darstellungslogik einfasste? Viele längst nicht beantwortete Fragen sind in kritischer Absicht aufzuwerfen.

Marx´Absicht war es, eine den Naturwissenschaften vergleichbare historisch-gesellschaftliche Theorie zu erarbeiten, d.h. eine Theorie, die einen für gesetzmäßig gehaltenen Verlauf der Geschichte begrifflich erfasst und ineins damit die bestehende Gesellschaft in ihren Widersprüchen darstellt- mit der Tendenz, die über sie hinausweist. Diese historische Theorie war nun nicht mehr eine bloße „Idee zu einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“, wie Kant sie entworfen hatte, sondern eine Konzeption gesetzmäßiger Notwendigkeit. Damit war eine Theorie mit paradoxer Struktur geschaffen. Eine Theorie, deren erklärtes Ziel die Befreiung war, hatte den Menschen die Freiheit der Gestaltung ihrer Zukunft genommen. Der historische Objektivismus legte den Weg in die Zukunft fest. Die Menschen konnten – der Theorie gemäß – diesen Weg nur ratifizieren.

Diese Tendenz zu einem Vorrang des Objektiven setzt sich auch in anderer Hinsicht fort. Die Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte der jeweiligen historischen Situation werden für die Bestimmung des Wesens der Menschen als entscheidend aufgefasst.

„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“

Die Theorie, die die Gesellschaft unter der generellen Perspektive der Klassen und Klassenkämpfe betrachtet, kann in den Individuen auch nicht mehr sehen als Repräsentanten ihrer Klasse: Die Proletarier sind bestimmt, in dem was sie denken und fühlen, durch ihre soziale Situation, nicht anders die Kapitalisten, die als „Charaktermasken“ bezeichnet werden, weil sie nur tun, was das Kapital ihnen auferlegt, und die darüber hinaus keine eigene Individualität besitzen. Das Innere und das Einzigartige der einzelnen Menschen wird methodisch negiert, was
zwangsläufig auch Moral und alle Formen des Bewusstseins in deren konstitutiver Bedeutung entwertet.

„Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.“

Damit ist die Eigenständigkeit und Ursprünglichkeit der Dimension des Moralischen beseitigt. Aber Marx bleibt selbst bei dieser Bedeutungsverminderung der Moral nicht stehen. Denn er sieht in der Moral eine für die befreiende Aktion der Arbeiterklasse schädliche Waffe des Klassenfeinds. Er meint, diese als intellektuelles Herrschaftsmittel entlarven zu können.

„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, …“

Ohne Zweifel kann Moral im Interesse der Herrschaft verwendet werden, aber dadurch wird Moral nicht prinzipiell zur Ideologie: Das ist nicht ihr Wesen, sondern ihr Mißbrauch.
sDie Moral, ursprünglich Quelle der Emanzipation, hat sich in dieser theoretischen Position ins Gegenteil verkehrt. Es ist die Auffassung zu verteidigen, dass Moral zu allen Zeiten nicht nur als ideologischer Missbrauch fungierte, sondern immer auch die Quelle und der Ausdruck von Widerstand war. Kein Widerstand ohne moralische Basis.
Wenn sich diese materialistische Negation der Moral mit einer objektivistischen Gewaltinterpretation paart, wie es bei Marx der Fall ist, sind die katastrophalen Folgen absehbar.

„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“

Unter den pragmatischen Gesichtspunkten der Realisierung des politischen Programms, der Durchsetzung der revolutionären Mission, ist dann kein Einhalten mehr geboten. Die Revolution und ihre Zweckrationalität hat die Moral kassiert. Die Perversionen des Stalinismus bis hin zu den Roten Khmer haben eine menschenverachtende Logik in Gang gebracht, der nur noch der pure nihilistische Wille zur Macht ist.

Um Marx gerecht zu werden, darf dies nicht verschwiegen werden. Marx war kein Marxist, wie er selber sagte. Im Sinne von Marx zu denken hieße heute, ihm zuzutrauen, sich selbst zu kritisieren, über sich selbst hinauszugehen. Es ist ein Zeichen der Unreife der Gegenwart, der Unreife derjenigen, die sich in der Tradition von Marx verstehen, wenn sie meinen, sein Erbe in dogmatischer Form verteidigen zu müssen, anstatt die Freiheit sich herauszunehmen, die den Anfang von Marx´ Vision und Theorie bildete, um die Gegenwart zu verstehen und zu verändern.

Und um nun auf die Titelfrage zurückzukommen:
Marx´ Kritik des Kapitalismus ist und bleibt grundsätzlich richtig, weil sie die Entfremdung des Menschen in einer Gesellschaftsordnung zum Ausdruck bringt, in welcher die Ökonomie der leitende Ordnungsfaktor ist. Solange die Ökonomie diese Macht besitzt, wird es alle alten Plagen geben, die sich die Menschen seit Urzeiten selbst zufügen. Es wird nicht gerecht zugehen. Menschen werden zu Mitteln gemacht.

Aber deshalb muss sich die Alternative, die Marx denkt, historisch nicht einlösen.

  • Längst ist Abschied genommen von der Vorstellung, dass das Proletariat als revolutionäre Klasse und als missionarisches Subjekt die Zukunft in die Hand nimmt. Es ist nichts Gutes von einer Diktatur des Proletariats zu erwarten. Und die Hoffnung, dass die unterprivilegierten Schichten die komplexe Gesellschaft führen könnten, ist eine absolut unrealistische Vorstellung. Zudem ist die Integrationskraft des Kapitalismus nicht zu unterschätzen. Bisher hat er das Widerstandspotenzial zersetzen können.
  • Eine Politik, die sich von der Konzeption des Klassenkampfes und der Revolution leiten lässt, hat bereits historisch erwiesen, kein Mittel zu sein, um eine komplexe Gesellschaft in einen höheren moralischen Stand zu führen. Darüber hinaus sind es nicht nur soziale Motive der Ausbeutung und Herrschaft, die sich „in letzter Instanz“ durchsetzen: Nationale, ethnische, religiöse und andere Faktoren wie die Aberkennung von Rechten spielen eine bedeutsame Rolle.
  • Schließlich hat der Kapitalismus eine Produktivkraft entwickelt, die sich Marx sicherlich nicht für das Endstadium des Kommunismus vorstellen konnte. Globalisierung und Computerisierung haben eine Realität erzeugt, dass die Zukunft der Menschen nur in sehr begrenzter Weise als Aufhebung der Arbeitsteilung vorgestellt werden kann. Schon jetzt existiert kaum noch ein Mensch nur an dem Ort, wo er sich befindet. Der Gattungscharakter des Menschen, seine Universalität, die Marx nicht anders als seine idealistischen Vorgänger noch in den Pariser Manuskripten in Rechnung gestellt hatte, tritt deutlich hervor. Nicht mehr die physische Arbeit, sondern die Intelligenz ist zur Produktivkraft Nummer eins geworden. Es geht nicht nur um die Befreiung von der Arbeit, sondern um die das Hervortreten und die Hervorbringung einer Sphäre, die heute noch gar nicht auszumalen ist. Hannah Arendt hat bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hellsichtig in „Vita activa“ von einer historischen Tendenz gesprochen, die sie als „Emanzipation des Menschengeschlechts von der Erde“ und damit auch von der Natur bezeichnete; wobei natürlich zu fragen ist, ob darin wirklich eine Emanzipation liegt. Was bevorsteht, muss neu gedacht werden.

28 Gedanken zu „Warum Marx‘ Kritik am Kapitalismus richtig ist, aber seine Alternative nicht“

  1.  
    Auch auf die Gefahr hin, zu grundsätzlich zu argumentieren, geht es mir um den prinzipiellen Irrtum und den Blinden Fleck, den Marx mit den Denkweisen unserer Zeit gemeinsam hat, obwohl  doch Marx von Vielen als undemokratisch und längst widerlegt beurteilt wird – der moralische Impuls seines Werkes ist jedoch so aktuell wie lange nicht mehr. Um dessen Geltung und die ungenügende Einbindung der Humanität in das Ökonomische geht es mir:

    Was ist in Marx‘ Theorie nicht reflektiert worden?
    Wir können den jungen Marx als idealistischen Materialisten begreifen und ihn unterscheiden vom alten Marx, der ein Denker des Systems der Ökonomie war.
    Die Ökonomie muss aber differenziert betrachtet werden in einen systematischen Zusammenhang, der funktioniert, und in die dieses System begründenden und unterstützenden Motivationen der Menschen, die an ihm teilhaben – eher profitierend oder eher bloß konsumierend.
    Die moralische Empörung ist kein Teil dieses funktionalen Zusammenhangs des Ökonomischen – innerhalb des marxschen Denksystems ist sie jedoch funktional zugeordnet worden:
    Nur die unterdrückten und ausgebeuteten Menschen haben allen Grund, sich moralisch zu empören, die profitierenden jedoch nicht. Resultat ist das philosophische Denken der Klassenstandpunkte und somit des revolutionären Klassenbewusstseins der ausgebeuteten Proletarier.
    Entfremdet also der (prinzipiell) ungerechte Kapitalismus durch die Ausbeutung des (?) Menschen nun alle oder „nur“ viele Menschen?
    Oder ist gar der Kapitalist der (selbst)-entfremdete Mensch, weil nur ein solcher Mensch andere Menschen ausbeuten wollen kann, sodass das Proletariat die Klasse der freien und unentfremdeten Menschen ist?
    Tatsächlich hat ja Marx das revolutionäre Potential zur Selbstbefreiung des (aller!) Menschen im Proletariat angesiedelt!
    Hier ist Marx der paradoxen Struktur der (Selbst)-Entfremdung nicht gerecht geworden:
    Der normale VW-, BMW-, Mercedes- oder auch Toyota-Arbeiter etc. zeigt die grundsätzliche Irrigkeit der moralischen Identifikation von »gut« und »Arbeiter« bzw. »böse« und »Kapitalist« – jede Besitzstandwahrungsmentalität bedroht die Humanität.
    Meine leicht zu begründende These lautet:
    Jedes funktionalistische Denksystem enthumanisiert, weil es äußere Systeme manifestiert, deren Kern die Abwesenheit innerlicher Kategorien und somit gerade auch humanitärer Werte bedeutet!
    Jeder Materialismus/Physikalismus entfremdet den Menschen von sich selbst, weil er uns nötigt, uns selbst als »Biologische Maschinen« zu verstehen.
    Diese Zuschreibung bedeutet aber gerade die prinzipielle Marginalisierung humanistischer Impulse, weil jedes menschliche Erleben, insbesondere die originären Impulse des humanen Ethos, unter Illusionsverdacht stehen – denn was evolutiv zuletzt entstanden ist, das ist genau das, was am fragwürdigsten ist und sich deshalb jederzeit erst noch zu beweisen hat!
    Wie aber können ethische Skrupel sich als erfolgreich erweisen, wenn die „clevere“ und „smarte“ Freiheit der Mächtigen genau diese Skrupel als „innerlichen Standortnachteil“ erkennt und ausnutzt? Der Kern der Deregulierung der neo-liberalen Weltordnung existiert genau in diesem Punkt:
    Denn anstatt die Freiheit des Menschen zu befördern, wird der vereinheitlichte Kräftevergleich und ungebremste Schlagabtausch der Wirkungsblöcke befördert, die da Nationen und deren Vereinigungen, Institutionen und deren Zusammenhänge bzw. Firmen und deren Zusammenschlüsse heißen – das gewordene „Ur-Element“ aller wirtschaftlichen Zusammenhänge regiert heute vereinheitlicht als digitales Geld jede Real-Wirtschaft und macht die Menschen zu seinen Elementen.

    Freiheit bedeutet dann nichts anderes als Machen-Können – Macht!
    In Marx Theorie wurde die gesellschaftliche Arbeit zum Subjekt der Geschichte – und alle Proletarier wurden zum bloßen Teil dieses Zusammenhangs.
    Ähnliches, nämlich die Eliminierung des freien Erlebens durch das Primat des Funktionieren-Müssens, geschah und geschieht jeweils unter anderen „Subjekten“, so z.B. im Militarismus, im Faschismus und Nationalsozialismus, aber eben auch in jeder „vernünftigen“, aber lieblosen Demokratie, in der nur noch Funktionalitäten repräsentiert sind – wir leben in einer merk-würdigen Tradition:
    Die sich als profitierend Erlebenden erleben sie positiv, die sich als ausgebeutet Erlebenden negativ …
    Jede moralische Identifikation sollte bedenken, das eine solche Identifikation genau der Fehler der marxschen Theorie ist – das System selbst ist in seiner A-Moralität inhuman! Weil Humanität frei und moralisch ist!
    Viel grundsätzlicher gilt also:
    Die Marginalisierung des innerlichen Erlebens – gleichgültig ob aufgrund übergriffigen Erlebens anderer Individuen oder aufgrund des Primats des Dienen-, Arbeiten- oder Funktionieren-Müssens – ist immer die Wurzel jeder moralischen Empörung!

    1. Lieber Jörg,

      Du hast Recht, wenn Du auf die Marginalisierung des inneren Erlebens bei Marx hinweist. Das hatte für die  Praxis, diesig auf Marx berief verheerende Folgen. Aber diese Einstellung von Marx ist natürlich historisch zu sehen und zu verstehen. Die Romantik, die zur Zeit von Marx unter den Gebildeten vorherrschte, auch ein Idealismus, der  von  der Freiheit und der Moral als den unbezweifelbaren menschlichen Wesenskräften sprach, hatte die Wirklichkeit vollkommen aus den Augen verloren, erkannte die äußere Wirklichkeit gar nicht in ihrer konstitutiven Bedeutung für die Menschen. Ich denke, man muß Marx historisch würdigen, die Moral aus einer Sache des Inneren herausgehoben zu haben, klargemacht zu haben, das es moralische und unmoralische Verhältnisse gibt – und nicht nur Menschen -; und daß man an die Veränderung der Verhältnisse denken muß, wenn sich die Menschen verändern sollen, dass also die Veränderung der Menschen nicht vom Himmel fällt. Gute Anlagen brauchen gute Entwicklungsbedingungen.

      Das heißt die Einschätzung von Marx muss historisch sein. Nur so wird man ihm gerecht. Du hast das ja eigentlich auch gesagt. Dass bei ihm das Pendel auf die andere Seite umschlägt, von dem Inneren zum Äußeren, das hast Du richtig gesehen.

      1. Lieber Gerhard,

        ich kann Dir nur voll und ganz zustimmen:

        Die Eigenständigkeit des Moralischen verweist auf eine wie auch immer geartete Eigenständigkeit der Innerlichkeit des Menschen, was wiederum eine starke epistemische Differenz zum Äußeren impliziert, was eine ontologische Fragestellung aufruft.
        Wie auch immer dieses Problem beantwortet wird, ein vielfaches realistisches Faktum ist natürlich die historische Gewordenheit der realen Menschen – sie sind biologisch und kulturell entstanden und geworden gemäß deutlich zu unterscheidender Prinzipien, Kriterien oder Entwicklungszusammenhänge (These der „2 Evolutionen“, siehe Darwin).

        Das metaphysische (d.h. nicht-physikalische!?) des Menschen besitzt eine Genese im biologischen Menschen, was hier den real aufwachsenden Menschen meint, der sich entwickelt und entfaltet im Zusammenhang mit äußeren Prägungen näherer wie fernerer Art. Das Ganze ist also sehr komplex.

        Zentral ist jedoch der Ausgleich zwischen innerlichen und äußeren Prinzipien bzw. Kriterien – unter dem maßvollen Primat des innerlichen Erlebens, das nicht bloß rational, keinesfalls irrational, sondern transrational (auf)geklärt urteilen sollte.

        Noch erstaunlicher ist die Mutmaßung / Behauptung, dass diese Differenz in einer „einheitlichen“ Orientierung zu einen möglich sei – doch die Frage, was unserer Welt denn fehle, legt dies m.E. nahe:

        Der Welt fehlen keineswegs mehr „Erfolge“, ihr fehlt Weisheit, vor allem aber menschliche Zuwendung, die in den von uns Menschen gesetzten Gesetzen implementiert ist und alltäglich realisiert wird. Es fehlen Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, Mitgefühl und echte Liebe – was meine zentrale These ist. Dass die Welt funktionieren muss, das scheint mir klar zu sein, dass sie aber nur gut werden könne, falls der individuelle Mensch ihr als unser gemeinsames Konstrukt zustimmen kann und mag, das sollte neu und tiefergründig verstanden sein.

        Wie eine solche Auffassung und ein solcher Zusammenhang zu begründen ist, das ist allerdings ein weiterführendes Thema – ich bin gespannt auf die folgenden Themen unseres Blogs, die weiterhin die Problematik der Eigenständigkeit des Menschlichen und des Nicht-Physikalischen überhaupt berühren werden.
        Ich persönlich hoffe auf noch mehr sehr Marx-kundige und aufschlussreiche Aussagen insbesondere bezüglich des Aspekts des (kurzschlüssigen?) Zusammenschlusses von Moral und materieller Basis!?! Denn ein solches Verständnis erscheint mir von allergrößter Wichtigkeit in unserer Zeit zu sein!

        Zu guter Letzt hoffe ich, dass Dir meine Zustimmung nicht zu weit geht!?

  2. Lieber Gerhard,

    ich überlege schon seit ein paar Tagen, wie ich meine Überlegungen zu Deinem Beitrag in Worte fassen kann. Das Medium des Blogs ist mir auch ungewohnt. In einem Beitrag wurde ja auch schon angemahnt, dass es nicht zu „schwerblütig“ werden solle, was immer das auch heißen mag.

    Es ist bei der Komplexität des Themas aber einfach schwierig bis unmöglich, etwas Sinnvolles in Kürze zu sagen.

    Ich wähle deswegen an dieser Stelle das Medium der persönlichen Ansprache an Dich, weil mir das leichter fällt als Rücksicht auf ein Medium zu nehmen, das ich noch nicht einschätzen kann. Deswegen meine Überlegungen jetzt in dieser Form.

     
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    Zur Aktualität von Marx heute. Ich verstehe Marx in erster Linie als Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, der ihre Gesetzmäßigkeiten aufzeigen wollte. Und mit den Grundkategorien, v.a. aus dem ersten Band des „Kapitals“, wie Gebrauchswert, Wert, Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Kapital sollte sich m.E. jeder befassen, der verstehen will, was heute passiert.

     
    2
    Damit ist auch schon ein Punkt angesprochen, der von Dir in Deinem Beitrag kritisch angemerkt wird, der Begriff der Gesetzmäßigkeit.

    Vorweg auch noch zu den folgenden Punkten möchte ich sagen, dass es anscheinend immer noch notwendig ist, sich klarzumachen, dass Marx vielleicht ein brillanter Kopf war, aber die religiöse Verunstaltung, die meiner Einschätzung nach durch den Leninismus-Stalinismus in die Welt gesetzt wurde, endlich ad acta gelegt werden muss. Die Marxsche Theorie ist keine Ansammlung von Glaubenssätzen, sondern dem eigenen Anspruch nach Wissenschaft. Und deren Erkenntnisse können sich ändern. Die Konstruktion eines in sich stimmigen und widerspruchsfreien Systems ist meist das  Resultat von Epigonentum, bei Hegel ist das auch nicht anders.

    Schon die Rede von einem Marxschen System usw. führt daher in die Irre und behindert wirklich eine produktive Auseinandersetzung mit Marx.

    Nun zum Begriff des Gesetzes: Ja, ich stimme Dir zu, Darwins Theorie übte seinerzeit eine große Wirkung auch auf Marx aus, wie die Naturwissenschaften überhaupt. Aber die Gesetzmäßigkeit der menschlichen Gesellschaft, der bürgerlichen Gesellschaft ist von ganz anderem Charakter. „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Es geht um die Gesetzmäßigkeit, die sich hinter dem Rücken und durch die Individuen hindurch vollzieht. Und die natürlich nicht gottgegeben ist. Erst der Diamat hat daraus wieder eine Ontologie gemacht. Also der Begriff der Gesetzmäßigkeit ist ein kritischer, kein ontologischer Begriff, der die Freiheit des Menschen leugnet.

     
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    Damit bin ich beim nächsten Punkt. Freiheit und Moral. Du vertrittst sehr vehement die These, dass Marx die Eigenständigkeit der Moral geleugnet habe. Und daraus leiten sich dann sehr weitreichende Einschätzungen ab über die Exzesse, wie Pol Pot usw.

    Ich sehe das nicht so, jedenfalls nicht in dieser Schärfe. Moral ist m.E. nicht aus der Gesellschaft abzuleiten, aber nicht aus dem gesellschaftlichen Kontext zu isolieren. Moral muss auch zeigen, dass sie nicht bloß der  ideelle Ausdruck aktueller Kräfteverhältnisse ist. Moral ist ein politischer Kampfplatz, aber keine autonome Sphäre. Marx hat sehr polemisch zugespitzt die seinerzeit herrschende Moral kritisiert. Ihm war auch klar, dass der politische Kampf auch nie nur einer um materielle Interessen ist, sondern von Bewusstsein und Moral. Und müssen wir uns darum streiten, dass Moral – auch heutzutage – der Absicherung ökonomischer Interessen dient, oder zumindest dienen kann? Und dass man das kritisieren muss?! Marx hat es sich ja selber auch nehmen lassen, moralisch zu werden, vgl. den von Dir zitierten Imperativ, aber auch noch im Kapital.

    Auch der Begriff der Charaktermaske ist ein kritischer Begriff. Nicht ist die Vernachlässigung des Einzelnen unter das Allgemeine ein Postulat, sondern, vgl. Punkt 2, der Einzelne soll sich nicht dem Allgemeinen unterwerfen, sondern er ist – als vereinzelter Einzelner – diesen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Das muss ja nicht so bleiben.

     
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    Ein Hauptpunkt meines Widerspruches ist also, dass die von dir kritisierten Punkte bei Marx in erster Linie auf Umformungen zurückgehen, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Bewegung insgesamt passiert sind. Es geht mir dabei nicht um eine Reinwaschung von Marx, aber ich bin der Meinung, dass man Marx nicht für Pol Pot verantwortlich machen kann. Erstens werden damit die historischen Besonderheiten, die in Russland, Kambodscha etc. herrschten, komplett ignoriert, es wird aber auch die Verantwortlichkeit der handelnden Akteure schlicht beiseite geschoben, die  diese furchtbaren Taten begangen haben. Es kann doch niemand die Verantwortung für seine Taten auf Marx abschieben, nur weil er sich Kommunist nennt.

     
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    Die Diktatur des Proletariat ist kein Konzept für eine „komplexe Gesellschaft auf moralisch höherem Stand“, schreibst Du. Das mag richtig sein. Beim Klassenkampf geht es ja vorwiegend um materielle Interessen. Und die abhängig Beschäftigten müssen sich organisieren, um ihre Interessen durchzusetzen, daran hat sich nichts geändert, und darauf lässt sich auch kaum verzichten, vgl. auch die Streiks, die derzeit stattfinden oder stattfanden.

    Allerdings verweist deine Kritik auf einen wichtigen Punkt, nämlich dass der Klassenkampf innerhalb und nicht außerhalb der Arena der bürgerlichen Gesellschaft stattfindet und diese auch nicht transzendiert. Wie überhaupt die Arbeiterbewegung und die kommunistischen Bewegungen als Modernisierungsbewegungen innerhalb des Kapitalismus angesehen werden können, nicht als dessen Alternative. Das ist aber ein großer Punkt, den ich hier nicht weiter ausführen möchte.

     
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    Noch ein letzter Punkt: Die Veränderung in den Wertverhältnissen, die Bedeutung von Wissenschaft und Intelligenz. Dies ist ein wichtiger Punkt. Wenn Wissen zur entscheidenden Produktivkraft wird, was bedeutet dies für die Entstehung von Wert und Kapital? Auf der ökonomischen Ebene sehen wir, dass ein sKapital, dass keine Arbeit mehr findet, sich zu einer gigantischen Spekulation erhebt und als dieses wieder zurückschlägt auf die realwirtschaftliche Ebene – Griechenland, China, Leman etc.

    Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen, dass ja nach wie vor auch Milliarden Menschen in konkreten „dreckigen“ Arbeitsverhältnissen stecken. Und ohne diese würde keine Handys und Computer produziert, wir würden keinen Kaffee trinken usw. Da müssen wir aufpassen, nicht eurozentristisch zu werden, nur weil die meisten Bereiche dreckiger physischer Arbeit aus Europa ausgelagert sind.

     

    Also, um noch einmal etwas Zusammenfassendes zu sagen, ich plädiere für eine Auseinandersetzung mit Marx, die ihn aber nicht als Säulenheiligen behandelt, sondern als jemanden, der uns auch heute noch wichtige fundamentale Einsichten bringen kann, aber nicht als jemanden, dessen „Lehre“ wir „umsetzen“ könnten.

    Ich hoffe, dass diese Bemerkungen geeignet sind, die Debatte weiterzuführen. Ob sie in den Blog passen, weiß ich nicht. Vielleicht können wir darüber noch sprechen.

     

    LG

    Michael

    1. Lieber Michael,
      was könnte besser in einen Blog passen als Deine Ausführungen?! Wir sind beide Erben und wissen Marx zu schätzen in seiner bis heute paradigmatischen historischen Bedeutung. Und wir bemühen uns als Erben, ihn zu aktualisieren. Dabei können wir natürlich Differenzen haben. Anders geht das gar nicht. Auf die Weise wird diese Aktualisierung erarbeitet.
      Auf jeden Fall: Danke!

      Gruß Gerhard

    2. Lieber Michael Hulke,

      mir hat ihr Kommentar sehr gut gefallen. Sie heben sich wohltuend von denen ab, die sich bei ihrem Versuch, einen Bogen von Adorno bis Odysseus zu spannen, auf eine Irrfahrt begeben, bei der sie das Ziel aus den Augen verlieren. Ein Blog ist eine moderne Einrichtung, die nur dann funktioniert, wenn Gedanken möglichst kurzweilig gepostet werden. Nur so kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. Monologe, in denen Philosophen gern auf Adam und Eva zurückgreifen, sind für ein Blog tödlich.

      Das Blog über Karl Marx hatte einen Hänger. Vielleicht kommt durch ihren Kommentar etwas Leben in den virtuellen Stammtisch. Wobei sich viele Beobachter vermutlich die Frage stellen, worüber eigentlich diskutiert werden soll. In der geschichtlichen Betrachtung um die hehren Absichten, die Karl Marx hatte, sind wir uns ziemlich einig und wenn nicht, hilft das den Milliarden Menschen nicht weiter, die heutzutage in „dreckigen“ Arbeitsverhältnissen stecken. Also „kömmt“ es darauf an, über Ideen zu diskutieren mit denen wir die Welt verändern. Oder?

    3. Lieber Michael Hulke,

      mit großem Interesse habe ich Ihre Ausführungen besonders in Hinblick auf den Zusammenhang von Realwirtschaft und reiner Spekulation gelesen. In einem Punkt Ihres Beitrags bin ich aber anderer Meinung. Es ist Ihre Ansicht, die Frage nach dem Systemcharakter des Marxschen Denkens behindere eine produktive Auseinandersetzung . Man geht im Allgemeinen davon aus, Marx habe das Hegelsche System umgestülpt: Nicht das Bewußtsein bestimmt das Sein, sondern das Sein bestimmt das Bewußtsein. Marx bleibt so dem Systemdenken verhaftet. Im System liegt aber die innere Notwendigkeit des identifizierenden Vorgehens. Das jeweilige Gegenüber wird nicht mehr als ein eigenständiges Ansich betrachtet, sondern allein unter der Maßgabe der eigenen Brauchbarkeit oder Beherrschbarkeit. Vernunft wird so zur instrumentellen Vernunft und wird so ein Herrschaftsinstrument. Die Anwendung dieses Herrschaftsinstruments unter Lenin und Stalin war verheerend. Ich erinnere an die Enteignung der Kleinbauern im Zuge der Oktoberrevolution und an die schreckliche Hungerkatastrophe als Folge. So zieht sich durchaus ein roter Faden von Marx zu Lenin und Stalin.

      Ihrer Darstellung Hegels als Epigone kann ich mich ebenfalls nicht anschließen.  Es handelt sich bei Hegel nicht um einen Nachahmer oder sogar Trittbtrettfahrer, vielmehr hatte er der Bewegungsgeschichte des Gedankens zugesehen.

      Mit solidarischem Gruß

      Wolfram Chemnitz

    4. Lieber Michael,
      wir stimmen in weiten Teilen überein, vor allem darin, dass Marx kein Säulenheiliger ist. Wie Du bin ich der Auffassung, dass Marx die gegenwärtige Gesellschaft grundlegend analysiert hat. Ich bin auch der Auffassung, dass ohne Marx kein Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft möglich ist. Dann aber denke ich, dass wir Linken aus der Position einer falschen Verteidigung von Marx raus müssen. Wir dürfen keine Angst haben, dass die Kritik an Marx Tür und Tor öffnet, um ihn gleich mit Stalin und Pol Pot in einen Topf zu werfen. Marx muss kritisiert werden – und zwar schonungslos – denn über ihn, – über die Kritik an ihn – geht die Geschichte weiter, wenn sie irgendwie mit Bewusstsein gemacht werden soll. Stalin und Pol Pot stehen unter eigenen historischen Bedingungen und haben mit Marx so wenig zu tun wie Hitler mit Nietzsche oder die Hexenverbrennungen im Mittelalter mit Jesus.

      Als erstes der Gesetzesbegriff. Wenn er keine ontologischen Deutungen nahe legen soll, dann muss auf ihn verzichtet werden. Statt von „ehernen Gesetzen“ hätte Marx bei Tendenzen bleiben sollen. Aber er wollte ja den Untergang des Kapitalismus beweisen – und zwar in einer bestimmten Weise -. Solche Prophezeiung ist für eine historische Theorie prinzipiell ein zu hoher Anspruch.

      Dann zum Punkt Freiheit und Moral. Beide sind innere Befähigungen der Menschen. Sie sind konstitutiv mit der Vernunftanlage der Menschen verbunden. Ohne diese gäbe es sie nicht. Marx als Moralist negiert diesen inneren Bereich als konstitutiven. Das Wesen des Menschen bestimmt er aus dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse – und das sind die der Produktion, der „Industrie“ sagt er sogar. Marx will raus aus der – empirisch gesehen – Unbestimmtheit des Inneren der Menschen. Seine Orientierung an Wissenschaftlichkeit, verbunden mit seinem kritischen Ansatz, der gerade die Ursprünge, die in dem Gesellschaftlichen liegen, aufdecken wollte, führte zu dieser kontraproduktiven Konsequenz.

      Gleiches betrifft die Individualität. Ich halte daran fest, dass Marx´generelle Analyse, die natürlich den Vorteil hat, das gesellschaftliche Geschehen auch in den individuellen Bereichen als gesellschaftlich zu verstehen, dass hier der Akzent zu sehr auf dem Allgemeinen liegt, dass das Einzelne dann eben doch nur als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse auftaucht – und das ist eben was Allgemeines.

      Ich stimme Dir natürlich vollkommen darin zu, dass selbst wenn die Intelligenz heute der produktive Faktor nummer 1  ist, es noch „dreckige“ Arbeit in Masse gibt.

      1. Lieber Gerhard, und alle Mitdiskutierende,

        im Blog geht es, so scheint mir, wesentlich um die Bedeutung der Moral, die Rolle des Erlebens und prinzipiell den Einzelnen bei Marx. Es wird kritisch angemerkt, dass das all das bei Marx keine konstitutive Rolle spiele. Ich stimme dem in einer Hinsicht zu. Es geht Marx um die Kräfte des Allgemeinen, die den Einzelnen in ihrer Gewalt haben, ob die Einzelnen dieses bewusst ist oder nicht , die Objektivität, die auf den Subjekten lastet. So gesehen geht es bei der Darstellung und Kritik der objektiven Verhältnisse auch immer um die einzelnen Menschen und ihr Bewusstsein.

        Im Blog sehe ich die Tendenz, das Psychologische und Moralische jenseits des Gesellschaftlichen und Ökonomischen anzusiedeln. Das halte ich für einen gefährlichen Fehlschluss. Gerade wenn man den Einzelnen, sein Bewusstsein, sein Erleben usw. für wichtig hält, muss man sich über seine Verstrickung ins Soziale aufklären.

        Ich bin nicht deiner Meinung, dass die Demokratie die Basis des Kapitalismus ist.  Dazu gibt es zu viele Gegenbeispiele, aus unserer Geschichte, und auch in der Gegenwart, China, und was wird den Menschen in Griechenland zum Thema Demokratie einfallen ? Euro-Gruppe und IWF? Wir sind doch offensichtlich Nachkriegskinder, die eine bestimmte Epoche im Kapitalismus für eine unveränderliche stabile Ordnung halten, mit integrierter Arbeiterklasse, angenehmem Konsum usw. Das ist ja auch die Idee, die die regierenden Parteien in Deutschland der eigenen Bevölkerung vermitteln und den anderen Ländern in der EU  mit ziemlich rabiaten Mitteln beibringen wollen. Deutschland als Insel der Seligen.  Aber dieses Bild bekommt immer mehr Risse.  Die Demokratie gehört nicht zum Wesensbestand des Kapitalismus.

        Noch einmal zurück zu Marx. Vielleicht würde es helfen, wenn wir – mit R. Kurz – davon ausgehen, dass es einen „doppelten Marx“ gibt. Der eine „exoterische“ Marx ist der, der im Blog auch kritisiert wird, und heute in erster Linie befremdet, der Theoretiker des Klassenkampfes, der Eroberung des Staates, was sich in die Diktatur der Arbeiterklasse bzw. ihrer Partei verlängerte und in dieser Form auch in erster Linie geschichtsmächtig wurde.

        Dieses Konzept hatte sein Vorbild in der Französischen Revolution und hat in seinen besseren Varianten zu einer politischen und sozialen Integration der Arbeiterklasse in den Kapitalismus geführt, mit den Vorteilen, die oft erwähnt werden. Die schlechteren Varianten waren die verschiedenen Diktaturen, außerdem die blutigen Vernichtungskriege, die davon nicht zu trennen sind.

        Aber dieses Konzept, so können wir heute sagen, führte nicht über den Kapitalismus hinaus, sondern in ihn hinein. Der zweite Marx, den Kurz den „esoterischen Marx“ nennt, ist erst wieder zu entdecken. Er ist der Kritiker des warenproduzierenden Systems der Arbeit insgesamt, der Produktion um der Produktion willen, einer Gesellschaft, in der es um Wachstum geht, egal ob die Welt dabei zugrunde geht.

        Die vielfältigen Krisen, die du in deinen Beiträgen ansprichst, lassen sich m.E. nur begreifen, wenn man die Dynamik dieser Entwicklung und ihre Folgen versucht zu begreifen. Und dabei ist die Auseinandersetzung mit Marx immer noch hilfreich, oder vielleicht sogar unumgänglich.

        1. Lieber Michael,
          erst einmal zwei Punkte:

          Dass die Moral nicht unabhängig von der jeweiligen Ökonomie und den gesellschaftlichen Verhältnissen ist, ist klar, aber der entscheidende Punkt ist, dass die Ökonomie die Moral nicht konstituiert. Wenn es heisst wie bei Engels: „in letzter Instanz“, dann ist das Verhältnis zwischen den beiden Dimensionen gar nicht begriffen, denn es geht nicht darum, was in letzter Instanz stärker ist, sondern um Konstitutionsverhältnisse.

          Der zweite: Es geht nicht darum, dass das Allgemeine auch bestimmend auf das Einzelne einwirkt. Das ist ohne Frage so. Es geht auch darum, dass die Darstellung der Einwirkung des Allgemeinen auf das Einzelne, bzw. die Einzelnen, die Analyse nicht beendet. Die Analyse des Allgemeinen macht die der Einzelnen nicht entbehrlich. Die Individuen sind niemals nur die Realisierungen eines Allgemeinen. Die Individuen haben immer auch ein Verhältnis zum Allgemeinen. Und sie haben etwas Eigenes, das ins Allgemeine nicht aufgeht. Und nur so erfasst man schließlich auch das, was Gesellschaft ist. Sie ist nicht nur Ausdruck eines Allgemeinen.

          Dann Kapitalismus und Demokratie. Die gegenwärtige Gesellschaft stellt einen Zusammenhang dar zwischen Kapital, dem Wohlstand der meisten, der Beteiligung der meisten an den neuen Produkten und der Demokratie, d.h. den Wahlen und den Willensbekundungen der Bürger. Ich bin weit davon entfernt, diese gleich Null zu setzen. Sie haben einen gehörigen Einfluss auf die Politik. Aber das wird den Kapitalismus nicht gefährden, es fordert nur seine Flexibilität heraus und fördert seine Entwicklung, die zu einem großen Teil auch in Integrationsleistungen besteht.
          Nur wo der Kapitalismus das nicht leistet, Wohlstand und Beteiligung, stellt sich das Volk gegen ihn. In Griechenland wird es auch so sein: sie müssen den Kapitalismus akzeptieren, deshalb auch der Schwenk der linken Regierung, dann gibt es Hoffnung auf Besserung, d.h. auch auf Schuldenschnitt. Bei uns hingegen ist die Demokratie die feste Basis des Kapitalismus. Die Verteidigung unseres Wohlstands ist die Hauptaufgabe für jede Regierung. Eine Regierung, die das leistet, wird gewählt. Der Kapitalismus lebt nicht mehr von der Ausbeutung. Das Kapital ist zu reich. Es lebt von der Beteiligung. Es errichtet die Herrschaft der Ökonomie – und dazu gehört auch die Schaffung einer sozialen Infrastruktur und Massenkonsum. Auf die Weise realisiert sich die Logik der Ökonomie.

          Die Trennung zwischen esoterischem und exoterischem Marx halte ich für falsch. Beide Seiten sind in aller Deutlichkeit bei Marx zu finden. Marx ist und bleibt der Autor, der die prinzipiell inhumane Logik der Ökonomie darstellt, wenn sie dominant wird. Dabei bleibt Marx selbst zu sehr in der Ökonomie hängen.

  3. „Der Genuß wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, daß er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zum Ausdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ (Friedrich Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, sechster Brief)

    Der geschichtliche Ort des Marxschen Denken war geprägt von der Arbeitsteilung in der Folge der industriellen Revolution, nachdem die allgemeine Aufmerksamkeit weniger auf die Erkenntnis Gottes und seines Wesens als vielmehr auf die Beobachtung der Natur und der Möglichkeit ihrer Beherrschung gerichtet war.

    Die Welt der Neuzeit war das „Universum“, mithin waren Welt und Mensch der zunehmenden planenden Berechnung des erkennenden Subjekts ausgesetzt. Wohl hatte die „kopernikanische Wende der Denkungsart“ den Menschen aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ befreit, zugleich aber den Weg von der freien Vernunft zur instrumentellen Vernunft vorgezeichnet.

    Begriff und Realität oder Wesen und Arbeit standen unversöhnt gegenüber, so daß die Sehnsucht nach dem „ganzen Menschen“ einen Ausdruck finden mußte.
    Der Marxsche Begriff von der „schöpferischen Arbeit“ verwandelte die christliche Idee vom Schöpfergott, der Welt und Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen hatte,  in eine diesseitige Forderung. So wie die Werktätigkeit Gottes keine entfremdete war, so sollte auch der Mensch die Möglichkeit zu einer schöpferischen Arbeit erhalten, mithin sich in seiner Arbeit wiederentdecken können.

    In der „mundus dei“ der mittleren Epoche war die Einheit von Arbeit und Wesen im „ora et labora“ ausgesprochen. Der Mensch sollte im „tugendhaften Handeln“ auf seinen Schöpfergott gerichtet bleiben. Der göttliche Wille war als Dogma vorgegeben.

    Dies nun nahm Kant zum Anlaß, die Dogmatik der mittleren Epoche der Anmaßung zu überführen. Ideen verdanken sich nicht mehr der göttlichen Gnade, sie werden von der freien Vernunft selbst hervorgebracht.

    Marx apriorische Geschichtskonstruktion hatte ebenfalls der Objektivität das Primat zugesprochen. „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein.“

    Alles Leben, auch das gesellschaftliche, so Aristoteles, ist bewegt. Für Marx sind in das gesellschaftliche Leben Bewegungsgesetze eingeschrieben, die gelesen werden können. Ist dies eine dogmatische Anmaßung, ähnlich derjenigen der mittlereren Epoche? Wird durch den Aufweis von geschichtlichen Bewegungsgesetzen der Mensch um seine Freiheit gebracht? Schelling hatte den Zusammenhang von Freiheit und Notwendigkeit erörtert. Freiheit gibt es nur in der Form.

    Für Kant ist eine Erkenntnis nur in der Verbindung von Anschauung und Begriff möglich. Von der Zukunft haben wir keine Anschauung. Die Annahme einer apriorischen Zukunftsgewißheit hatte zu einer fürchterlichen Abstraktion geführt.

    Der Facettenreichtum des wirklichen Lebens läßt sich nicht in einem System abbilden. Adorno und mit ihm die kritische Theorie waren in dieser Hinsicht von Marx abgerückt.

    Gegenwärtig erleben wir eine Krise der Legitimation und Glaubwürdigkeit der demokratisch gewählten Institutionen. Die für die gesellschaftliche Entwicklung maßgeblichen Entscheidungen entziehen sich zunehmend der Kontrolle und der Nachvollziehbarkeit. Der Eigendynamik der Bewegungsgesetze des Kapitals stehen die parlamentarischen Institutionen weitgehend ohnmächtig gegenüber. Marx hatte bereits zu seiner Zeit Veranlassung zu der Annahme, daß die Gegebenheiten der Gegenwart bereits im Keim einer auf die bloße Erzielung des Mehrwerts gerichteten Produktionsweise angelegt waren.

    Adorno verweist in der „Dialektik der Aufklärung“ auf die Bedeutung der Vorstellung von einer Erlösung als Maß für die Kritik der Gegenwart. Die wahre Erlösung sei aber nicht die durch Gnade gegebene, die geschichtslose. Die wahre Erlösung ist durch die Sphäre der Differenz als Resultat hervorgegangene. Marx gibt die Hoffnung auf die kommunistische Endgesellschaft.

    Die vorzüglichste Bewegung ist nach Aristoteles die Kreisbewegung, zumal hier Anfang und Schluß  im Vollzug mitanwesend sind; dies ähnlich dem Lied, welches in sich gestimmt ist. Augustinus hatte auf diese Eigentümlichkeit des Liedes in seinen Konfessiones hingewiesen, um das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit anschaulich zu verdeutlichen. Der Gesang der Sirenen auf der Vorbeifahrt des Odysseus kündet von einer Abkehr vom linearen Zeitverständnis.

    Die Welt als „mundus dei“ ging über in die Welt als „Universum“. Vielleicht schließt sich der Kreis in der Erinnerung an den Anfang der abendländischen Philosophie.
    Für Parmenides führt die Meinung, Vergangenheit sei abgeschlossen und Zukunft sei jeweils angestückt, zu Irrtun und Verzweiflung. In der Einheit des Seins ist das Gewesene als Wesen da und die Zukunft als das Zukommende. Dieselben Mächte, die in der Natur wirksam sind, sind es auch im menschlichen Geist. Geist und Natur stehen sich nicht fremd gegenüber.

    Marx schreibt in den „Ökonomisch philosophischen Manuskripten“: Die Arbeit des Proletariers hat zum Ergebnis, daß er sich in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause.“  
     

    1. Lieber Wolfram,

      nun zu Deinem zweiten Beitrag.Du stellst die Frage: „Wird durch den Ausweis von geschichtlichen Bewegungsgesetzen der Mensch um seine Freiheit gebracht?“ Ja, wenn die Bewegungsgesetze absolute Bestimmungen sind. So aber müssen sie nicht verstanden werden. Ich denke, so muss auch Marx nicht verstanden werden. Die Bewegungsgesetze erweisen sich in den verschiedenen Sphären, der Produktion, dem Handel, dem Konsum, aber dann auch in den Dimensionen des Rechts, der Moral, der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst als entscheidend. Von der Durchsetzung in alle diesen Sphären könnte nicht gesprochen werden, wenn es diese Sphären gar nicht gäbe – und zwar als eigenständige. Die Rede von den Naturgesetzen reduziert die Welt nicht auf die Ökonomie und deren Gesetze, sondern zeigt, wie diese sich in allen Bereichen durchsetzen und realisieren. Man muss der Zuspitzung von Marx nicht folgen, wenn plötzlich der Satz, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, so aufgefasst wird, als würde es nun das Bewusstsein gar nicht mehr geben, sondern es wäre ganz einfach identisch mit dem Sein. Vernünftig ist eine Interpretation nur, wenn verstanden wird, dass unser Bewusstsein durchaus nicht als unabhängig betrachtet werden darf, sondern Gesellschaftliches fliesst unbemerkt in es ein. Aber das bedeutet natürlich nicht die Aufhebung des Bewusstseins. Das heisst, auch wenn ich feststelle, dass es Tendenzen in der Entwicklung der Gesellschaft gibt, die ich sogar hypothetisch und spekulativ in die Zukunft verlängern kann, dann hebt das meine Freiheit nicht auf. Dass ich Arme und Beine habe, mit denen ich mich fortbewege und bewege, was natürlich eine krasse Festlegung ist, bedeutet das nicht, dass ich keine Freiheit besitze. Arme und Beine sind die materialen Bedingungen, unter denen ich meine Freiheit realisiere. Geschichtliche Bewegungsgesetze, die ich durch meine Freiheit erkenne (erste Form meiner Freiheit), sind die Voraussetzung, dass ich sinnvoll, d.h. auf realistischer Basis, humane Intentionen verwirkliche (zweite Form der Freiheit).

      1. Ich habe versucht, die Diskussion zwischen Michael Hulke, Wolfram Chemnitz und Gerhard zu rekapitulieren – Diskutanten, die sich, anders als ich, gut mit Marx‘ Theorie auskennen. Notgedrungen sind meine Position und meine Stellungnahmen also „abstrakter“ und „allgemeiner“.
        Michael Hulke bezog sich in 6 Punkten auf Gerhards Einführungstext, ich nehme sie als Gerüst für meinen Text und teile diesen Text daher in 6 Teile auf:

        Punkt 1: Grundkategorien der bürgerlichen Realität

        M Hulke: „Ich verstehe Marx in erster Linie als Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, der ihre Gesetzmäßigkeiten aufzeigen wollte. Und mit den Grundkategorien, v.a. aus dem ersten Band des „Kapitals“, wie Gebrauchswert, Wert, Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Kapital sollte sich m.E. jeder befassen, der verstehen will, was heute passiert.“

        Diese Grundkategorien, so wichtig sie auch sind, spiegeln die Unklarheit bezüglich der Existenzweise des Bedeuteten wider und es sind alles gewordene „Kategorien“ in Realitäten:
        Wert ist zu unterscheiden in Gebrauchs- und Tauschwert – der Gebrauchswert, der wesentlich der Wert der aufzuwendenden Arbeit ist, gehört zur Sphäre des „Objektiven“, der Tauschwert hingegen gibt wieder, für wie wertvoll wir subjektiv Etwas halten, das objektiv existieren mag – er ist ein Wert des „Subjektiven“.
        So auch die Problematik des Geldes: Ist dessen Wert eine subjektive und kulturelle Feststellung und/oder ein Maß objektiver Zusammenhänge?
        Wir wundern uns nicht, wenn wir feststellen müssen, dass eine eindeutige Differenzierung und Zuordnung so nicht möglich ist.

        Kurzum:
        Marx dachte wissenschaftlich und somit seiner Zeit gemäß „naturphilosophisch“, was hier vorrangig bedeuten soll, dass er nicht-dualisitisch, d.h. naturwissenschaftlich-monistisch dachte. Marx war Materialist:
        Nicht zufällig wurde bei Marx die gesellschaftliche Arbeit zum Subjekt der Geschichte (konträr bei Hegel der Absolute Geist), was sich hervorragend deckt mit der Erkenntnis der Physik, dass Energie (als Potential der Arbeit) dem Erhaltungssatz unterliegt und Arbeit die offensichtlich alles bestimmende Kategorie in jeder Realität ist, die deshalb gerecht zu verteilen ist wie auch ihre Resultate gerecht zu verteilen sind.
        (Die neuere Physik hingegen erweist die Wirkung als zentralen Begriff der hypothetisch-einen physikalischen Wirklichkeit – was hier nicht zu diskutierende Konsequenzen besitzt).
        Auch die wertende Bevorzugung körperlich-physischer Arbeit ist ein Ausdruck des weltanschaulichen Materialismus.

        Zugleich aber ist völlig klar, dass Geld und Profit ganz sicher nicht materieller Art sind, weil sie nicht-dinglich sind – sie sind allerdings Wirkmächte wie Resultate von besonderen Lebensverhältnissen, die am Materiellen orientiert sind.

        Diese „Zwitterhaftigkeit“ vieler Dinge und Nicht-Dinge ist gerechtfertigt durch die Phänomenalität, dass Geistiges und Materielles in jeder Kultur „geeint“ sind wie Bewusstsein und Körper des Menschen. Phänomenal ist eine solche Verschiedenheit in „einer“ Welt völlig offensichtlich und selbstverständlich. Erst die Reflexion stellt die Frage, aus was für einer Wirklichkeit denn die Welt entstanden sei – muss also überhaupt eine Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie diese Frage berücksichtigen?

        Marx legte sich als Materialist fest – er war ein moralischer Materialist, der die human-allgemeine Freundschaft der Menschen deshalb auch nur für international errichtbar hielt: Es gilt eine Moral der Solidarität für alle Welt, der sich jede individuelle Freiheit freiwillig unterzuordnen habe und unterordnen werde.

        Gibt seine materialistische Basis überhaupt her, was er will und denkt? Denn jede Realität sollte für Marx am Maßstab des allgemein Moralischen bestimmt werden, was eigentlich das Primat des Geistigen impliziert, das nun allerdings materialistisch aufzufassen und zu denken sei.
        Das Machen-Können wird bewertet:
        Bewertet die Wirklichkeit der Materie oder bewerten bloß Phänomene der allgemeinen Materie d.h. wir Menschen die Realitäten?
        Die Wirklichkeit der geistigen Ideen bewertete „sachlich-neutral“, warum der einsichtige Weise die wahre Moral mit allgemeiner Geltung behaupten konnte. Die epi-phänomenale Moralität des Menschen muss sich der Macht bedienen (vgl. Derrida). Daher muss die reale Macht gerecht sein, um Moralität garantieren zu können. Das Wirtschaftssystem des am Profit orientierten Warenaustausches kann das nicht – weil es Macht finanziell akkumuliert, die zum „Tyrannen“ werden kann –, denn es lässt sogar den Menschen zur Ware werden. Deshalb ist es unmoralisch und inhuman, es gehört abgeschafft.

        Der Kommunismus kann als ein reales wie besonderes Projekt der allgemeinen Vernunft begriffen werden, deren Existenzweise so offen-ungeklärt ist wie bei Kant …

        1. Lieber Jörg,  das möchte ich so nicht stehen lassen. Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber das ist Karl Marx durch den Fleischwolf gedreht. Die Begriffe Gebrauchswert und Tauschwerrt stehen bei Marx in einem dialektischen Verhältnis und man kann sie  nicht einfach so mit „objektiv“ und „subjektiv“ gleichsetzen. Der Tauschwert wird  von Marx als ein gesellschaftliches Verhältnis gedacht, das sich dann aber – „hinter dem Rücken der Produzenten“ – als ein Ding (in der Form von Geld oder Kapital) verkehrt und verselbständigt.

          Marx war kein Ökonom im heutigen Sinn.  Er war Philosoph, und deshalb gehört er auch unbedingt in diesen Blog. Jedes zweiwertige Denken muss an Marx scheitern. Das ist die Größe von Marx , und die heutige Soziologie bzw. Ökonomie kann noch viel von ihm lernen.

      2. Lieber Gerhard und Interessierte,Infinitum Mobile als Ableger des Instituts für praktische Philosophie steht beim Thema Marx – so denke ich – vor der Frage, wie kann die Philosophie zu Marx in ein Verhältnis kommen. Marx ist überwiegend Ökonomie und Ökonomie ist eine reine Verstandeswissenschaft. Die Philosophie als Vernunftwissenschaft ist – nach der praktischen Seite – gerichtet auf die Form der handlungsleitenden Maximen.  Das Problem der Freiheit wurde bereits angesprochen. Im Marxschen Denken ist m.E. der Begriff der Arbeit und hiermit auch der Begriff der Zeit in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Die optimale Verwertbarkeit der Arbeitszeit ist nur auf der Grundlage eines linearen Zeitverständnisses möglich.Dies nun berührt auch die bereits im Einleitungstext dieser Lektion aufgeworfene Frage nach einer epochenübergreifenden Moral. Moral nun aber ist bedingt von den jeweiligen Zeitumständen. Deshalb der Satz von Brecht in der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Bestimmter würde ich hier von einem epochenübergreifenden Ethos sprechen wollen.  Ethos i.S.d. „gewohnten Aufenthalts“ bringt die Einheit von Ort, Zeit und dem Wesen des Menschen wohl angemessener zum Ausdruck.Erklärungsbedüftig ist m.E.  der hier häufig verwendete Begriff „politische Philosophie“. Philosophie ist ihrem eigenen Selbstverständnis nach auf das Allgemeine gerichtet und insofern immer politisch.

  4. Lieber Gerhard Stamer,

    Karl Marx ist Geschichte. Mit der müssen wir uns beschäftigen. Keine Frage. Aber wenn wir sein Vermächtnis alltagstauglich machen wollen, müssen wir nach Alternativen im Hier und Heute suchen. So verstehe ich das Thema und Ihren letzten Satz in der einleitenden Lektion: „Was bevor steht, muss neu gedacht werden.“  Diesen Satz habe ich aufgegriffen, weil ich ihn für wichtig halte. Zum x-ten Mal über den Dialektischen Materialismus zu philosophieren macht meines Erachtens wenig Sinn; zumindest nicht an dieser Stelle, denn wir haben es hier mit einem Blog zu tun, der möglichst viele Kommentatoren (vor allem Laien) zu möglichst vielen Kommentaren anregen sollte. Das funktioniert nur dann, wenn die Kommentare nicht zu schwerblütig verfasst sind. – Übrigens freue ich mich, dass sich Jürgen Habermas vor einigen Tagen in die Griechenland-Debatte eingemischt hat.

  5. Ganz neu gedacht werden muss nicht. Es gibt Zeitgenossen, die kluge Vorschläge  gemacht haben. Der querdenkende Franzose und Ex-Manager Daniel Goeudevert ist so einer. Er hat viele gute Ideen, gleichwohl beklagt er in  seinem Buch „Mit Träumen beginnt die Realität“ die Beschleunigungsfalle, in der wir uns  befinden. Dazu kommt die zunehmende Disparität der Weltbevölkerung, die immer größere Ausmaße annimmt. Die führt zu Elend, Kriegen und  Fluchtbewegungen, an denen wir in unserer vermeintlich heilen Welt nicht schuldlos sind.

    Wenn wir die Vollbeschäftigung vor der eigenen Haustür preisen, aber der einheimische Fischer in Guinea seinen Fang nicht kostendeckend loswird, weil wir ihn durch fragwürdige Methoden unterbieten, läuft etwas schief. Wenn sich unsere Intelligenz dergestalt pervertiert, dass Leerverkäufe zum Wohlstand weniger beitragen, und wir die physische Arbeit an das Heer derer übertragen, die außerhalb unseres  Blickfelds ums Überleben kämpfen, bedarf es keiner neuen Gedanken, sondern Politiker, die die vorhandenen umsetzen wollen. Ob sie das können, ist eine andere Frage. Philosophen sollten den Mut haben, sie dabei zu unterstützen.

    1. Lieber Herr Streich,

      Sie haben Recht, dass Politiker einfach Abhilfe schaffen sollten bei einer ganzen Reihe von Missständen. Und Sie haben auch Recht, dass Philosophen den Mut haben sollten, sie dabei zu unterstützen. Aber darum geht es in diesem Blog nicht. In diesem Blog geht es um eine Auseinandersetzung mit der Theorie von Karl Marx. Wenn ich Sie recht verstehe, indem Sie darauf gar nicht eingehen, meinen Sie wohl, es ginge gar nicht um eine solche Theorie, wenn es um Politik geht, sondern man müsse pragmatisch anpacken, wo Menschen leiden, die demokratische Ordnung gefährdet ist, Krieg droht, Umwelt zerstört wird usw. Versteh ich Sie richtig?
       
      Auch wenn der pragmatische Einsatz nicht zu vermeiden, sondern unbedingt notwendig ist (man kann nicht darauf warten, vernünftige Politik zu machen, bis eine überzeugende Theorie vorhanden ist), ist die Forderung nach einer Theorie, wie sie Marx erarbeitete notwendig. Aus zumindest zwei Gründen. Erstens ist sie der Versuch, die allgemeinen gesellschaftlichen Grundlagen aufzudecken, aus der die Missstände hervorgehen. Wenn nicht an den Symptomen herumlaboriert werden soll, sondern an den wirklichen Ursachen, dann ist es notwendig, diese aufzuzeigen. Zweitens bedarf es einer konkreten Konzeption, die sich aus der Analyse der bestehenden Verhältnisse ergibt, um nicht nur akute Probleme, Konflikte und Nöte zu lösen, sondern um konstruktiv an die Gestaltung der Zukunft zu gehen. Auf Politische Theorie kann man also nicht im Interesse an einer pragmatischen Praxis verzichten.

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