Warum Heideggers Nähe zum Faschismus nicht zu leugnen ist und seine Philosophie trotzdem gelesen werden sollte

HeideggerHeidegger muss gelesen werden, weil man eine Antwort auf seinen weltweiten Einfluss als Philosoph geben muss. Trotz der berechtigten Ächtung wegen seiner Nähe zu den Nazis und seinem abscheulichen, primitiven Judenhass ist er bis heute aus der Diskussion über die Gegenwart nicht wegzudenken.

Werke wie Sartres „Das Sein und das Nichts“, Gadamers „Wahrheit und Methode“, Hannah Arendts „Vita activa“ oder Hans Jonas´ „Prinzip Verantwortung“, nur um einige zu nennen, gehören zum festen Bestand der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Der Einfluss Heideggers erstreckt sich nicht nur auf die Philosophie. Für Dichtung und Denken von Ernst Jünger spielt er eine entscheidende Rolle. Der Schweizer Psychotherapeut Medard Boss entwickelt eine von Heidegger inspirierte Daseinsanalyse. Die Reihe ließe sich über Seiten fortsetzen. Die gesamte Rezeptionsgeschichte von Heideggers Schriften über die Existenz, über das Sein, die Sorge, die Technik, über die Sprache, über die Wahrheit, über Heraklit und Parmenides, über Hölderlin ist ein ausreichendes Argument, um ihn gründlich zur Kenntnis zu nehmen. Ausarbeitungen seiner Vorlesungen haben oft eine bestechend klare Diktion. Allen seinen Veröffentlichungen prägt der Stil konzentrierter Eindringlichkeit, die beispielhaft ist. An Heidegger kommt man also nicht vorbei.

Es reicht nicht aus, Heidegger abzulehnen, weil er Anhänger der Nazis und Antisemit war. Das wäre eine Abfertigung, die mit ihm nicht fertig wird.

Es ist erforderlich, sich mit dem Typus seines Denkens zu befassen, um dessen Inhumanität zu durchschauen. Dass man dabei, wenn man sich kurz fassen will, um es mitteilbar zu machen, stark zusammenfassend vorgehen muss, lässt sich nicht vermeiden. Heideggers Darstellungen lassen dies aber zu, weil er, soweit er auch die traditionelle Philosophie in sein Denken aufnimmt, alles in seine spezielle, eigene Sicht- und Deutungsweise eintaucht.

Die Anziehungskraft, die Heideggers Philosophie bis heute besitzt, besteht aber nicht nur darin, dass er eine Reihe bedeutender Schüler und Anhänger besaß, sondern – unter inhaltlichen Gesichtspunkten – in einer Fundamentalopposition zur Moderne. Er attestiert der Moderne einen „metaphysischen Subjektivismus“, der schon in der Antike bei Platon seinen Ursprung hätte. Eine abgründige Entfremdung, „Seinsvergessenheit“ und damit auch Verfehlung der eigenen humanen Mission der Menschen nach Heidegger, nämlich „Hirt des Seins“ zu sein, was immer das heißen mag, hätte sich in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgebreitet, wie er in der Schrift „Über den Humanismus“ erklärt. Das führt ihn sogar in die Nähe zu Marx. „Weil Marx, indem er die Entfremdung erfährt, in eine wesentliche Dimension der Geschichte hineinreicht, deshalb ist die marxistische Anschauung von der Geschichte der übrigen Historie überlegen.“

Tatsächlich läßt sich Heideggers gesamte philosophische Vision als radikale konservative Sicht auf die Verhältnisse verstehen. Während Marx´ Perspektive die Einlösung aller historischen Hoffnungen in der Zukunft verheisst; und zwar durch die Tätigkeit der Menschen, die ihre Verhältnisse durchschauen und dadurch die Freiheit erlangen, hat Heidegger hingegen keinen Plan für die Menschen; für ihn bleibt nur die Hoffnung auf das große Ereignis, dass ein Gott die Rettung bringe, wie er äußert.

Dieser Gestus der Beschwörung und Erwartung des sich verbergenden, unfasslichen, aber alles Menschliche bestimmenden Seins erzeugt bei aller Ablehnung der traditionellen Metaphysik durch Heidegger doch wieder Metaphysik: ein Abwesendes, das stets geheimnisvoll wirkend präsent ist.

Dieses Geheimnisvolle, das Heidegger in der ihm eigenen Gewissheit wie zu besitzen schien, löst bis heute die Faszination aus, die sein Denken umgibt. Diese Gewissheit einer Tiefe, die er und sein Werk suggerieren, trifft auf die Ungewissheiten einer gegenwärtigen Lebenswelt, die von vielen modernen Geistern empfunden wurde und wird, so dass sie sich in seinem Denken verfangen.

Die Radikalität der „Frage nach dem Sinn von Sein“, die Heidegger in Sein und Zeit aufwirft, besteht in erster Linie darin, dass eine Dimension angesprochen wird, die unhistorisch und überhistorisch ist. Die „Frage nach dem Sinn von Sein“ führt ihn daher auch geradewegs zu den Vorsokratikern zurück, denn bereits die stellten sie. In dieser Ignoranz gegenüber dem Gang der Geschichte, der die Aufforderung enthält, die Frage nach dem konkreten Sinn der Geschichte zu stellen, wie der sich in ihrem Prozess entfaltet, diese Ignoranz bedeutet eine solche Abstraktion von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, dass wenn sie auf die Wirklichkeit bezogen wird, nur die gewalttätige Negation des Bestehenden zur Folge haben kann. Das „Ereignis“, dieses Wort, das er argumentativ immer wieder umkreist, ist die Chiffre nicht nur für das prinzipiell Unerkannte an der Geschichte, die auf uns zukommt, sondern die verschwiegene Offenheit für die Gewalt des Hereinbrechens des Neuen.

Der Maßstab des Überhistorischen ist die brutale Negation der Geschichte. Es ist daher kein Wunder, dass Heidegger in Sein und Zeit den kommunikativen Zusammenhang unter den Menschen nur unter dem Zeichen der „Uneigentlichkeit“ des „Man“ abhandelt. Er erliegt offensichtlich dem Irrglauben, die Nazis würden auch gegen das moderne „Man“ opponieren, während er selbst dem „Man“ in der Gestalt der Nazis verfallen ist. Paradoxerweise geht es ihm dann bei der Bestimmung der Menschlichkeit nicht um den Menschen, sondern um das verborgene und verborgen bleibende Sein: „So kommt es denn bei der Bestimmung der Menschlichkeit des Menschen als der Ek-sistenz darauf an, dass nicht der Mensch das Wesentliche ist, sondern das Sein als die Dimension des Ekstatischen, der Ek-sistenz.“

Die Deutung der Abstraktion des Einen Seins, wie wir es von Parmenides kennen, kann in einer ganz anderen Weise vorgenommen werden als es durch Heidegger geschieht. Die Abstraktion ist eine Form des Denkens. Eine erkennntnistheoretische Betrachtung müsste Heidegger den Vorwurf machen, eine Form des Denkens, einen Vorgang, der für das Denken typisch ist, in der Gestalt des Seins zu ontologisieren (ohne hier Heideggers Unterscheidung von ontisch und ontologisch zu verwenden.) Mit einem Wort: Heidegger macht aus einer Sache des Denkens eine des Seins.

In gewisser Weise überbietet Heidegger seine Metaphysik des Seins durch seine Mystik des Todes. Im Sein zum Tode käme das Dasein, d.h. der Mensch, zur Eigentlichkeit seiner Existenz. Er würde durch das Bewusstsein des Todes – vielleicht besser: durch die Stimmung, in die er versetzt – zur Erfahrung des Ganzseins seines Selbst gelangen. In der Sorge drücke sich diese Verfasstheit menschlicher Existenz, aus – und zwar zeit seines Lebens. Der Tod als das Charakteristikum der Eigentlichkeit des Daseins erweist sich als das Pendant zur Abstraktheit des Seins. Der Tod, das Nichtlebendige wird zum Charakteristikum des Lebens: eine absurde Konsequenz.

Es soll und kann nicht geleugnet werden, dass das Bewusstsein des Todes eine das Dasein bestimmende Bedeutung besitzt und das Leben einfärbt, um es so auszudrücken. Aber dies ist nur eine einzige Bestimmung des Lebens, andere wären die Liebe und die Freude, das Schöne, der Friede und die Gerechtigkeit, die Übereinstimmung mit der Welt durch beglückende Erlebnisse, die in Augenblicken ein vollendetes Ja zum Sein sagen. Aber es ist nicht bloß solcher Enthusiasmus, sondern die Natur, zu der wir gehören und die wir ebenfalls empfinden, ist nicht nur ein Sein zum Tode, sondern gleichzeitig ein Wachsen, eine Entfaltung, so wie die ganze Natur nicht nur vergeht, sondern immer wieder entsteht, immer wieder aufgeht wie Knospen im Frühling. Dass Heidegger diese Intuition nicht kannte und dem Tod entgegensetzte, diese Armut an Erfahrung, macht ihn zu einem Ausdruck seiner Zeit, eines Jahrhunderts, auf dass Nietzsche mit der Ahnung des aufkommenden Nihilismus und des Willens zur Macht vorausblickte. Wie Heidegger darin eingeschlossen ist, wäre das Letzte, was er hätte denken können.

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