Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann

NeuronenUnion Jack„Irgendwie“ ist ein opportunistisches Wort. Es bezeichnet etwas nicht genau. Es lässt eine Sache im Ungefähren. Und man kann sich daran gewöhnen, die Sachen im Unklaren zu lassen. Und es kann zum Charakter einer Zeit werden, Sachen im Unklaren zu lassen, wenn auch nur in einigen Bereichen. Ein solcher Ausdruck der Zeit kann als kulturelle Situation der Unwahrheit oder des Übergangs angesehen werden. Mir scheint, dass dies heute der Fall ist.

Die Unwahrheit besteht darin, dass die Welt naturwissenschaftlich ohne den Geist erklärt wird. Der Übergang besteht darin, dass diese Position angesichts der rasanten Zunahme der künstlichen Intelligenz nicht mehr lange zu halten sein wird. Das Tabu wird in den Blick geraten und dann kommt die Sache ins Rollen. Irgendwie ist der Ausdruck für die so oft zitierte „neue Unübersichtlichkeit“, die nicht anerkennen will, was längst zu sehen ist.

Die Hirnforschung – jedenfalls in den Deutungen einer Reihe ihrer prominentesten Vertreter – stellt das äußerste Phänomen dieser Kultur der Verdrängung dar. Die Freiheit wird geleugnet, das Bewusstsein zu etwas Sekundärem erklärt. Das Reiz-Reaktions-Schema im Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein, wie es in der immer wieder zitierten Versuchsanordnung von Libet experimentell zu Grunde gelegt wurde, wird zum Beweis des Vorrangs des Gehirns gegenüber dem Bewusstsein. Die eingeschränkteste, mikroskopische Perspektive kann unter dem gegenwärtig herrschenden – die Köpfe beherrschenden – Paradigma wie gesicherte Erkenntnis auftreten.

Hannah Arendt hat in ihrem berühmten Buch „Vita activa“, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts erschien, davon gesprochen, dass die Menschen der Erde – unserem Planeten – müde geworden seien und dass offensichtlich die Tendenz bestünde, dass das Menschengeschlecht sich von der Erde emanzipieren wolle. Das, so vermutete sie, stecke hinter allen Weltraumunternehmungen. „Das Ereignis des Jahres 1957“, als der erste Sputnik in die Erdumlaufbahn geschossen wurde, stellte für sie solch einen markanten historischen Punkt dar.

Zu dieser Tendenz, die seither nicht nachgelassen hat, ist eine zweite hinzugekommen, die sich mit dieser vereinigt und Konsequenzen in sich birgt, die kaum wahrgenommen werden, weil die Zeitgenossen sich weitgehend an die Entwicklung mit all ihren Erscheinungsformen wie an etwas Unabänderliches gewöhnt haben. Außerdem ist die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Katastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen, Ressourcenverschwendung, Seuchen, Ungerechtigkeiten, Hunger, Flucht und Arbeitslosigkeit, um nur die bekanntesten Probleme und Konflikte zu nennen, gerichtet, die das tägliche Leben in der globalisierten Welt erschüttern. Die zweite Erscheinung, die hinzugekommen ist und ebenfalls der fortschreitenden Entwicklung der Technik zu verdanken ist, besteht in den gesellschaftlichen Umwälzungen, die durch die künstliche Intelligenz verursacht werden. Es scheint so zu sein, dass die Menschen sich nicht nur von der Erde befreien wollen, sondern auch von sich selber. Sie wollen sich selbst durch Maschinen ersetzen.

In der Süddeutschen Zeitung vom 6. Februar 2016 steht ein Artikel mit dem Titel „Geist und Ungeist“, in dem der Stand und die Richtung der technischen Intelligenz reflektiert wird: “In der Blütezeit der industriellen Revolution wurden…Maschinen für mechanische Vorgänge erfunden. Im Silicon Valley hingegen ist es der Geist, der nun automatisiert werden soll.“ „Jetzt sollen Maschinen auch das Denken übernehmen.“

Was hat die Hirnforschung damit zu tun? Die Hirnforschung, sofern sie nicht nur medizinischen Zwecken dient, sondern eine Deutung des Menschen intendiert, eine Deutung, in welcher das Gehirn und nicht das Bewusstsein den Primat besitzen soll, stellt die Entfremdung des Menschen von sich selber dar, in welcher die Abschaffung des Menschen bereits vorweggenommen ist. Sie ist die wissenschaftliche Deutung, die der Dimension, in der sich das Da-Sein der Menschen vollzieht, die Realität abspricht.

Das muss genauer ausgeführt werden.

Dazu 12 Thesen.

1.
Es ist nicht das Gehirn, sondern das bewusste Erleben, worin die Realität der Menschen besteht. In unserem bewussten Erleben sind wir da. Und deshalb ist dies unsere Realität. Dieses Dasein ist nicht auf irgendetwas rückführbar. Es ist so wenig rückführbar wie das Licht auf den glühenden Kupferdraht, auch wenn es durch ihn entsteht. Das Licht ist eine eigene Qualität. Im Draht fließender Strom ist nicht Licht.
2.
Es geht nicht nur um die Kompatibilität von Bewusstsein und Gehirn, sondern um die Ursprünglichkeit und Priorität des Bewusstseins. Das heißt, sich darüber klar zu werden, dass das Bewusstsein, unser bewusstes Sein, der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Untersuchungen ist, also auch der Hirnforschung. Es ist nicht das Gehirn, das das Ich untersucht, sondern das mit anderen Menschen sich in Kommunikation befindende Ich, das Hirnforschung betreibt.
3.
Was sehen wir im Gehirn? Elektrische Impulse, neuronale Prozesse, wahrscheinlich lässt sich sogar in den neuronalen Netzen lokalisieren, was synchron passiert, wenn wir bestimmte bewusste Erlebnisse haben. Aber auf der Ebene des Gehirns kommen diese Erlebnisse so wenig vor wie unsere bewussten Empfindungen auf dem Instrument, mit dem eine Sonate gespielt wird. In den physikalischen Schwingungen der Saiten des Instruments, die diese hervorgebracht haben, sind sie nicht vorhanden. Also gibt es eine Synchronizität und Kompatibilität zwischen Bewusstsein und Gehirn, aber ohne Identität ihrer Formen.
4.
Diese Fähigkeit, die Dinge zu erkennen, in dem, was sie sind, und nicht nur aus Triebbefriedigung und Selbsterhaltung zu nutzen, stellt eine fundamentale Befreiung von dem eingeschränkten sinnlichen Bezug zur Wirklichkeit dar und charakterisiert die Spezies Mensch.
5.
Die Freiheit ist kein einzelner Akt. Die gesamte Geschichte der Menschheit ist die Entfaltung von Freiheit. Und darum wirklich Geschichte. Die Menschheit bringt eine zweite Natur hervor.
Die Möglichkeit der Nutzung von Erkenntnissen, worin die zweite Natur vor allem besteht, begründet nicht die Möglichkeit der Erkenntnis selbst. Die Erkenntnis des Seins der Dinge ist das, was Objektivität genannt wird. Die Fähigkeit, die Vielfalt der einzelnen Vorkommnisse in der Natur zu unterscheiden, d.h. zu erfassen, was jedes Einzelne im Unterschied zu allen andern einzelnen Gegenständen ausmacht, diese Fähigkeit zu unendlicher Differenzierung – allen Dingen „das ihnen gemäße Maß anzulegen“ – , ist die Universalität. Außerdem gehört zum Denken die Sphäre der Möglichkeit, die sich z.B. in der Phantasie ausdrückt und über den Bereich von Objektivität und Universalität grenzenlos hinausgeht.
6.
Bewusstsein lässt sich nicht funktional erfassen. Warum nicht? Weil Bewusstsein nicht wie alle anderen Organe, die ebenfalls Funktionen haben, lokal funktioniert, d.h. innerhalb des Körpers, in dem es vorhanden ist. Das Bewusstsein ist eine Verbindung mit der Welt. Es transzendiert auch die Grenzen der Sinne unendlich. Das Ich, in dem ein Bewusstsein vorhanden ist, ist weder durch Wachheit noch Aufmerksamkeit angemessen zu beschreiben. Es stellt eine durchgängige Einheit der Person dar, die dadurch eine Biographie besitzt.
7.
Der Geist bedarf des Gehirns. Deshalb kann, wenn das Gehirn zerstört ist, der Geist auch nicht „empfangen“ oder „gesendet“ werden. Geist ist wie eine Form von Energie. Das ist die Analogie, die ihn am besten beschreibt. Wie Wellen durch ein kaputtes Gerät schlecht, nur teilweise, mit Unterbrechungen oder gar nicht empfangen werden können, so ist es auch mit den geistigen Fähigkeiten. Geist – Bewusstsein – Denken – realisieren sich in ihrem Weltverhältnis.
8.
Hier auf dieser Ebene des prozesshaften historischen Weltverhältnisses ist die Frage der Erkenntnis, des Bewusstseins und der Freiheit zu stellen und zu beantworten, bzw. längst beantwortet. Bewusstsein und Gehirn bilden eine Einheit in diesem Weltverhältnis. Bewusstsein ist nicht ohne Gehirn. Und was das Gehirn leistet, ist nicht ohne das Verhältnis des lebendigen, bewussten Menschen, der denkt, fühlt und Wille besitzt, zur Welt.
9.
Der Weltbezug ist auch ein Bezug der Welt auf das Ich mit seiner internen Beziehung von Bewusstsein und Gehirn. Der Geist ist in der Welt und kann nicht auf das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn eingeschränkt werden.
10.
Die Hirnforschung ist selbst eines der Phänomene der Freiheit des Menschen, aber nicht die Tätigkeit, aus der die Freiheit bejaht oder verneint werden kann.
11.
Die Weltlosigkeit ist der Fehler der Hirnforschung, wenn sie aus dem Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein das Bewusstsein erklären will. Bewusstsein und Gehirn zusammen ermöglichen das Weltverhältnis eines menschlichen Ich.
12.
Wer die Freiheit leugnet, will nicht die Befreiung. Ich kann mich nur wiederholen:
Die ganze Absage an die Freiheit ist ein Schlag gegen die Mündigkeit des modernen Menschen, gegen die Möglichkeit seiner Selbstbestimmung. Es geht dagegen, dass die Menschen ihre Geschichte mit Bewusstsein machen. Geschichte mit Bewusstsein machen zu wollen, soll die größte aller Täuschungen sein. Und das im aufkommenden Zeitalter, in dem nur eine Weltinnenpolitik in der Lage ist, die globalen Probleme zu lösen. Hirnforschung, die die Freiheit leugnet, ist im Kern nichts anderes als erkennntistheoretischer Neoliberalismus: Der Markt, d.h. der Selbstlauf der Geschichte soll es richten, nur nicht reinpfuschen in seine Regulierung! Banker machen uns vor, wo wir dann landen.

 

 

WHY THE BRAIN RESEARCH IS USEFUL, BUT CANNOT EXPLAIN CONSCIOUSNESS

 

flagge-deutschland-flagge-rechteckig-40x67 Neuronen

“Somehow” is an opportunistic word. It describes nothing exactly. It leaves a matter as an approximation. And you can become accustomed to leaving things in the dark. And it can become the character of a time, to leave things in the dark, even if only in some areas. Such an expression of the time can be viewed as a cultural situation of falsehood or transition. It seems to me that this is the case today. The falsehood is that the world is explained scientifically without taking the spirit into account. The transition is that this position cannot be maintained much longer in view of the rapid growth of artificial intelligence. The taboo will come into awareness and then the situation will start to evolve. “Somehow” is the expression for the often cited „new complexity“ that refuses to acknowledge that which is already visible.

Brain research – at least in the interpretation of a number of its most prominent exponents – represents the most extreme form of this culture of denial. Freedom is denied and consciousness is explained as something secondary. The stimulus-response scheme of the relationship between brain and consciousness, as it was tried as a basis in the constantly cited experimental set-up of Libet, is used as proof of the primacy of the brain over consciousness. The most microscopic perspective can, under the current – head dominated – paradigm, be used as secured knowledge.

Hannah Arendt, in her famous book „Vita Activa“, that appeared in the mid-20th century, said that the people of the earth – our planet – have become tired and that there was obviously a tendency for the human race to want to emancipate itself from the earth.  That, she conjectured, was behind all space enterprises. „The event of the year 1957“, as the first Sputnik was shot into earth orbit, was a striking historical moment for her.

To this tendency, which has not diminished since then, a second has been added, which, united with it, produces consequences which are hardly noticed because, to a large extent, contemporaries are accustomed to seeing progress, with all its manifestations, as something unalterable. In addition, attention is too focused on the disasters, acts of war , waste of resources, disease, injustice, hunger, flight and unemployment, which daily shake life in the globalised world, to name only the best-known problems and conflicts. The second phenomenon, which is also caused by the progressive development of technology, is social upheaval brought about by artificial intelligence. It seems to be that people not only want to free themselves from the earth, but also from themselves. They want to replace themselves with machines.

In the Süddeutsche Zeitung of 6. February 2016 was an article with the title „Geist und Ungeist” (Mind and non-Mind), which reflected on the status and the direction of artificial intelligence: „In the heyday of the Industrial Revolution…machines were invented for mechanical processes. In Silicon Valley now it is the mind that is to be automated.“ „Now machinery is to take over thinking too.“

What has brain research to do with it? Brain research, when not only used for medical purposes, but intended as an interpretation of humankind, an interpretation in which the brain and not consciousness has primacy, represents the alienation of humans from themselves, in which the abolition of humanity is already anticipated. It is a scientific interpretation which denies the reality of the dimension in which the existence of humans takes place.

This must be stated more precisely. Here are 12 theses.

1.
Human reality is to be found in conscious experience, not in the brain. We are present through our conscious experience. And this is why it is our reality. This existence is not retraceable to anything. It is as little traceable as the light on glowing copper wire, even though it originates from it. The light is a quality of its own. The current flowing in the wire is not light.
2.
It is not only about the compatibility of consciousness and the brain, but about the genuineness and primacy of consciousness. That means understanding that our consciousness, our awareness of being, is the origin of all scientific research, including brain research. It is not the brain, that examines the ego, but the ego, which is in communication with other people, that pursues brain research.
3.
What do we observe in the brain? Electrical impulses, neural processes and it is probably even possible to locate the neural networks which are synchronously active when we have certain conscious experiences. But in the brain these experiences exist as little as our conscious sensations exist on the instrument with which a sonata is played. They are not present in the physical vibrations of the strings of the instrument that produce it. So there is a synchronicity and compatibility between consciousness and brain, but their forms are not identical.
4.
This ability to see things for what they are and not only to use them to gratify instincts and for self-preservation, represents a fundamental liberation from the restricted sensual perception of reality and characterises the human species.
5.
Freedom is not a single act. The entire history of humanity is the development of freedom. And thus true history. Humanity has created itself a second nature.
The ability to use knowledge, which is the main element of this second nature, does not establish the possibility of knowledge itself. The knowledge of the existence of things is what is called objectivity. The ability to recognise the diversity of the individual events in nature, i.e. to determine that which distinguishes each individual object from all other objects, this ability to infinite differentiation – all things „are given their appropriate proportion” – is universality. The sphere of possibilities also belongs to thinking and expresses itself e.g. in the imagination and stretches endlessly beyond the scope of objectivity and universality.
6.
Consciousness cannot be grasped functionally. Why not? Because consciousness does not work locally, as other organs that have functions do, i.e. within the body in which they are located. Consciousness is a connection with the world. It also infinitely transcends the boundaries of the senses. The ego, in which consciousness occurs, can neither be described appropriately by wakefulness nor awareness. It represents the continuous unity of the person, who thereby acquires a biography.
7.
The spirit needs the brain. Therefore, when the brain is destroyed, the spirit cannot be „received“ or „transmitted“. Mind is like a form of energy. That is the analogy which describes it best. Just as air waves can only be received badly, partially, with interruptions or even not at all by a broken appliance, so it is with the mental abilities. Spirit – Awareness – Thinking – realise themselves in their relationship to the world.
8.
The question of knowledge, consciousness and freedom is to be placed and answered on the level of the process of our historical relationship to the world, or was answered therein long ago. Consciousness and brain form a unit in this relationship to the world. Consciousness is not independent of the brain. And what the brain achieves is not independent of the relationship to the world of living, aware, thinking, feeling and wilful people.
9.
The relationship to the world is also a relationship of the world to the ego with its internal relationship of consciousness to brain. The mind is in the world and it cannot be reduced to the relationship between consciousness and brain.
10.
Brain research is itself one of the phenomena of human freedom, but not the activity from which freedom can be affirmed or negated.
11.
Lack of world is the error of brain research when it intends to explain consciousness by the relationship between brain and consciousness. Consciousness and brain together enable the human ego a relationship to the world.
12.
Anyone who denies freedom, does not want liberation. I can only repeat:
This whole rejection of freedom is a blow to the maturity of modern people – against the possibility of their self-determination. It is against people consciously making history. To desire to make history consciously is said to be the greatest of all delusions, and that in the emerging age in which only global policies will be capable of solving global problems. Brain research, that denies freedom, is, at core, nothing other than epistemological neoliberalism: the market, i.e. the uncontrolled course of history, is the solution and no messing with its rules! Bankers are showing us where we will end up.

12 Gedanken zu „Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann“

  1. Ich finde es schade, dass der Dialog stagniert.

    Vielleicht stagniert er ja, weil die Antworten auf die bemerkenswerten Beiträge Gerhard Stamers sich nicht von der fruchtlosen Alternative lösen, die Welt müsse entweder determiniert oder indeterminiert sein. Gerhards (nicht zuletzt an Kant geschulte) Beiträge kommen  aus einem Raum jenseits dieser Alternative. Die Brücke zu der Welt zweiwertigen Denkens fehlt aber bisher.

    Es bräuchte hier m.e. einen expliziten Bezug auf nicht-klassische Logik, die diese Brücke liefert. Ich habe in diesem Blog von Anfang an auf Autoren wie George Spencer-Brown, Heinz von Foerster oder Gotthard Günther u.a. hingwiesen. Leider bisher ohne Reaktion. Auch du, Gerhard, hast dich bisher nicht auf die Brücke gewagt.

     

     

  2.  
    Zu These 2:
    Lieber Gerhard,

    wenn Du von Kompatibilität sprichst, dann sprichst Du zumindest von phänomenaler Dualität, deren erkenntnistheoretische Problematik erst dich die Kompatibilität des epistemisch Dualen fordern lässt. Doch Du forderst mehr und ich stimme zu:
    Du forderst die Priorität des Bewusstseins als des epistemisch Dualen zum Begriff der »Unbewussten Materie«. Die Dualität besteht also in der Eigenschaft bzw. dem Attribut »bewusst«.

    Die Ursache aller heutigen Realitäten ist aber unbewusst – der Blick in die Weiten des „lebensfeindlichen“ (besser: noch-unlebendigen) Universums dokumentiert das:
    Zum Zeitpunkt des Urknalls und noch viel, sehr viel später ist kein biologisches Leben vorstellbar!

    Biologisches Leben ist – wie auch immer, jedoch immer „tatsächlich“ – physikalisch-real geworden …

    Wie kann dann eine solche Realität sich seinen eigenen Voraussetzungen voraussetzen?
    Wie kann eine Realität Wirksamkeit vor ihrer eigenen Wirklichkeit fordern und behaupten?
    (Wie kann das Teil das Ganze zurückstellen?)

    Das ist die zentrale Frage!

    Die Antwort: Gar nicht – es ist völlig unmöglich …
    Es sei denn, es gäbe einen anderen Ursprung …
    (Die Realität der einen Wirklichkeit kann die andere Wirklichkeit zurückstellen – genau das ist die eine Funktion des Emergenz-Begriffs:
    Einerseits rettet er den Überschuss an Phänomenen vor logischer Nichtung, andererseits ordnet er die andere Wirklichkeit in die Realität der einen Wirklichkeit ein – das Nichtige erhält Geltung, aber bloß prinzipiell nachrangige Geltung!)

    Wie aber wäre ein solcher anderer Ursprung zu verstehen?
    Entweder Emergenz-theoretisch innerhalb des Universums
    oder zweit-wirksam und d.h. zweit-wirklich, also als „parallelem“ Ursprung.

    Der Emergenz-theoretische Ansatz wird in der gegenwärtigen Philosophie des Geistes lang und breit diskutiert (Ausnahme: »Eliminativer Materialismus«) mit den bekannten Schwierigkeiten („explanatory gap“ etc.), die auf die epistemische Dualität von „äußerer“ »Funktion« und „innerlichem“ »Erleben« führen (der „alternative“ Begriff »Supervenienz« leistet nicht, was er leisten soll!). Diese Dualität ist unabweisbar epistemisch-notwendig, weil es einen nicht zu leugnenden Überschuss an Phänomenen gibt, der gerade nicht auf das Physikalische zurückführbar ist.
    Letztlich jedoch wird angesichts der Unbestreitbarkeit des Physikalischen als Voraussetzung jeden biologischen Lebens das Joker-Argument „Wir werden es wissen, wie es möglich ist!“ ausgespielt und somit das Argument der Unhintergehbarkeit des Physikalischen zementiert.

    Falsch! – denn zu leben bedeutet wesentlich zu erleben (und nicht bloß biologisch zu funktionieren – wie heilen nicht bedeutet, sich pharmazeutisch zu medikamentieren). Diesen Umschwung gilt es zu verstehen und anzuerkennen – er bedeutet die „Parallelität“ eines zweiten Ursprungs, er bedeutet die wirksame Existenz von Nicht-Physikalischem, das wir – alle tradierten Bestimmungen einklammernd – als Metaphysisches bezeichnen dürfen.

    Damit ist ein unabhängiger, „paralleler“ Ursprung behauptet – ein Psycho-Physikalismus verbietet sich aus den bekannten Gründen.

    2 Wirklichkeiten, unabhängig und zugleich interdependent, also sich gegenseitig beeinflussend, gilt es zu denken …

    Das ist die Herausforderung – als Konsequenz der Erfordernis von Kompatibilität und Priorität des Bewusstseins. Die so erforderte Wirklichkeit des Erlebens ist aber bewusst und unbewusst – die tradierte Philosophie des Geistes kann so vielleicht integriert werden, dabei wird sie aber viele Umgestaltungen „erleiden“ müssen, um dieser berechtigten, nicht nur neurophysiologisch begründeten Forderung gerecht zu werden. Denn nur die Wirklichkeit des gesamten Erlebens ist kompatibel mit der Wirklichkeit des Physikalischen – »Materie« und »Geist« sind und bleiben strukturell inkompatibel.

    Die Bemerkung, dass bewusste Iche mit anderen bewussten Ichen kommunizieren und so in einem Weltverhältnis zueinander stehen, ist richtig, führt aber so nicht weiter. Denn die »Welt« existiert nur „in unserem Kopf“. Wir biologische Lebewesen existieren aber gemeinsam in einer sehr spezifischen Realität nicht „unseres“, sondern des Universums. Diese „Gemeinsamkeit“ als besondere allgemeine Voraussetzung jedes biologischen Lebewesens führt jedoch bloß auf die entlebendigte Weltanschauung, in der gar-nicht-unerklärlicher Weise biologische Lebewesen funktionieren, aber unerklärlicher Weise innerlich erleben …

    Der Rekurs auf die Erkenntnis, dass alle allgemeine Erkenntnis gleichwohl subjektiver Art ist (was schon sehr früh zum Postulat des allgemein Geistigen geführt hat, indem der menschlichen Subjektivität ein Vermögen der Erkenntnis des Allgemeinen zuerkannt wurde), ist nicht hinreichend – es gilt in Kants Metaphysik der Phänomene (das »Ding an sich« ist unerkennbar – Subjektivität ist die Voraussetzung aller Objektivität phänomenal-realer Dinge, d.h. Subjektivität konstituiert Objektivität), ihre Kosten sind die Unerkennbarkeit jeder Wirklichkeit.

    Die Physik erhebt hier unverrückbare Einsprüche – zugleich jedoch sollten wir anerkennen, dass das Physikalische nicht der Ort des Erlebens ist.

    Entweder ist das innerliche Erleben im äußeren Physikalischen einzugliedern oder umgekehrt! Aber: Wie?

  3.  

     

     
    Zu These 1:

    Lieber Gerhard,

    ich kann dir nur zustimmen:
    Wir Menschen leben, wie jedes biologische Lebewesen, aus unseren Realitäten heraus – insbesondere als humane Menschen aus unseren innerlichen Realitäten, also aus unserem Erleben im Kontext unserer Erfahrungen im Universum wie mit unserer kulturell geschaffenen »Welt« heraus.

    Denkmanufakturs Nachfrage: „Was heißt eigentlich Realität in These 1?“ ist also notwendig.

    „In unserem bewussten Erleben sind wir“ hier. Denn »Ich« bin nicht irgendwo da, wo ich nicht bin – denn wenn »Ich« da bin, bin »Ich-nicht« , denn dort bin Ich »man«.
    (Man verzeihe mir mein sprachliches Gemäkel in kritischer Anlehnung an Heidegger.)

    »Welt« bedeutet nicht »Universum«.
    Und der »Kosmos« als die »Welt«, in der der Mensch der Mikrokosmos des Makrokosmos ist, ist uns unverrückbar verlorengegangen durch die Entdeckung der »„Autonomie“ der Astro-Physikalischen Gesetzlichkeit des Universums«, dessen „Wesen“ so ganz anders als das Wesen des Menschen, als die Humanität ist. Was wir wünschen, wollen und sollen ist kein Bestandteil dessen, was das Physikalische ist! Wir können uns also mit unserem Erleben nicht mehr geborgen fühlen im uns Umfassenden, das irgendwie so sei wie wir selbst, sondern wir sind umfasst von einem Universum, das ganz anders ist als unser Erleben! Nämlich gefühllos, a-moralisch und sachlich.

    Wenn Du nun sagst, unser Dasein, d.h. doch wohl unser bewusstes Erleben, sei nicht auf irgendetwas rückführbar – was meinst Du dann?

    Ja! Wir sind nicht auf das Physikalische zurückführbar!
    (→ Reduktionismus-Vorwurf an die Physik, wenn auch zumeist irrig verstanden.)

    Aber sind unsere Iche aus uns selbst?
    Was wäre dieses „Selbst“? Das begriffliche »Nichts«, das die Voraussetzung jedes Denkens der starken »Emergenz« ist?
    Und wäre das begriffliche »Nichts« auch ein »Nichts« der Sphäre des »Seins« (der Wirklichkeit des Universums)?
    Wie („um Himmels willen“) sind unsere Iche entstanden?
    Die Beantwortung der Frage, wie tote Materie lebendig geworden ist, ist prinzipiell gelöst, wenn auch konkret noch unverstanden, so unwahrscheinlich dieses Geschehnis auch sei – sie ist jedoch ein „Klacks“ im Vergleich zur Beantwortung der Frage, wie innerliches Erleben oder Subjektivität entstanden ist …

    Metaphern sind hilfreich, ja sogar oft notwendig, um verstehen zu können – aber sie werden gefährlich, weil irrig erklärend, falls sie den gegenwärtigen Kenntnisstand unterlaufen:

    Licht ist physikalisch nicht auf den Kupferdraht zurückführbar, sehr wohl aber auf das lokale Energiefeld, in dem beide physikalisch existieren – Photonen emergieren schwach aus dem Kupferdraht (falls eine solche Ausdrucksweise erlaubt sei), aber nicht stark, denn beides ist auf die Wirklichkeit des Physikalischen zurückführbar! Das Bild leistet also nicht, was du berechtigt behaupten willst. Ähnlich ist es mit Leibniz‘ Mühlengleichnis – leider:
    Das Argument der Nicht-Sinnlichkeit des Bewusstseins ist gekontert durch das Argument, das Funktionalität ebenso nicht-sichtbar ist, aber sehr wohl als (nicht-lokaler und zugleich verortet-operierender) Bestandteil des Physikalischen zu gelten hat.
    (Ist also funktionale Materie bereits lebendig geworden? Wohl kaum – was macht Leben aus?)

    Nein, Licht ist keine eigene Qualität, denn es ist physikalischer Natur – auch unsere reiz-reaktive Licht-Empfindung ist ebenso bloß funktional, jedoch ist unser Lichterleben z.B. der „Röte“ nicht-physikalisch (→ Problem der Qualia und des „explanatory gap“).

    Ja, unser innerliches Erleben ist von „eigener“ Qualität …
    Jeweils eigener … ???

     

    P.S.:
    In der Tele-Akademie gibt es einen ausgezeichneten Vortrag von Prof. Dr. Markus Gabriel, der die jede Kultur vernichtende Problematik des »Wissenschaftlichen Nihilismus« (Entwertung der innerlichen Realitäten) aufnimmt, dessen Geltung kritisiert und negiert, und somit nach- und eindrücklich für die prinzipielle Gleichwertigkeit, d.h. Anerkennung der innerlichen Realitäten des Menschen argumentiert:

    Wir dürfen und sollten uns – nicht unkritisch – vertrauen …

    Bravo. Sein Vortrag ist großartig – leider halte ich seinen argumentativen Weg nicht für hinreichend, sondern streng genommen sogar für unzureichend. Gleichwohl – eine beeindruckende Argumentation. Deren Ziel ich nur anerkennen kann.

    Link: http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta141214.php

    Download ist möglich.

  4. Über Themen wie „Geist und Gehirn“, „Bewusstsein“, „Freiheit“ etc. nachzudenken, ist unvermeidlich eine Gratwanderung zwischen Skylla und Charybdis: Wenn wir nicht sehr genau unser Denken beobachten, landen wir sehr schnell entweder in Aporien („Skylla“) oder im Nebulös-Transzendenten („Charybdis“). Zu studieren auch an diesem Blog.

    Grund: Das zweiwertige Denken (die klassische, „aristotelische“ Logik), das uns spätestens seit Beginn der Moderne so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es uns als alternativlos erscheint – dieses zweiwertige Denken also kann Lebendiges nicht abbilden, es generiert eine geist-lose Welt toter Objekte. Dem erkennenden Subjekt (dem Beobachter), steht hier ohne jede weitere Vermittlung ein Objekt gegenüber (das Beobachtete); allen seinen Aussagen lässt sich eindeutig einer von zwei möglichen Werten (z. B. wahr oder falsch) zuordnen. Paradoxien sind dadurch ausgeschlossen. Das ist im Alltag nützlich und auch unvermeidlich; es garantiert eine Welt von Gewissheiten; alles Erfahrene lässt sich dann auf „objektive“, beobachterunabhängige Primärursachen reduzieren.

    Das hat aber auch seinen Preis, uns entgeht so die geistige Dimension, das Schöpferische. Gefährlich wird das, wenn es zur alleinigen Brille wird, durch die wir die Phänomene betrachten – wenn z. B. Ärzte im depressiven Verhalten eines Menschen nur noch eine entgleiste Gehirnchemie erkennen können. Das führt in die Welt des Heidegger’schen Ge-stells, eine Welt, in der Ungereimtheiten und Paradoxien keinen Platz mehr haben.

    Im zweiwertigen Denken vergessen wir, dass wir unvermeidlich Beobachter sind. „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter zu einem anderen Beobachter gesagt, der er auch selbst sein kann.“ Diesen Satz Maturanas und v. Foersters hören wir nicht gerne, weil er uns mit der Grundangst der Moderne konfrontiert, mit der Angst vor der Bodenlosigkeit menschlichen Seins.

    Haben wir also den Mut, uns in unserer Epistemologie unserer Bodenlosigkeit auszusetzen und das Beobachten zu beobachten. Beobachten heißt: etwas als einen „Gegenstand“ (das, was gegenüber-steht) ein– und von sich selbst ab-zugrenzen (etwa als „Geist“ oder „Gehirn“). Damit bringe ich als Beobachter aber uno actu und unvermeidlich das hervor, was der Gegenstand nicht ist – eine Dualität; und damit zugleich ein Drittes: die Grenze zwischen beiden bzw. das Ziehen der Grenze durch mich als Beobachter – also eine Triplizität (vgl. G. Spencer-Brown, Gesetze der Form). Das Ziehen-der-Grenze-durch-den Beobachter verschwindet in seinem blinden Fleck —  und „blinder Fleck“ ist mehr als nur etwas nicht sehen; es ist: nicht sehen, dass man nicht sieht.

    Um dem Geist auf die Spur zu kommen, braucht es daher ein Sprach-Spiel, das den eigenen blinden Fleck einkalkuliert – allerdings auf schöpferische Weise. Paradoxien sind dabei zugelassen, sie verweisen den Beobachter auf die Lücken, die im zweiwertigen Denken notwendig offenbleiben. „Der Weg der Paradoxe ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen.“ (Oscar Wilde) Es ist dann die reflektierende Urteilskraft (im Sinne von Kant), die es dem Beobachter erlaubt, qua Einbildungs-Kraft den Zufall quasi zu überholen und die bildende Kraft, das Geistige, in lebenden Systemen zu erfassen.

    So schätze ich Damasio (danke für den Hinweis, Herr Lohschelder!), weil er als Naturwissenschaftler immer wieder eine bildhafte Sprache findet, um das scheinbar Paradoxe des Geistes auszudrücken, das sich analytisch nicht fassen lässt. „Die Geschichte, die in den Vorstellungen des Kernbewusstseins enthalten ist, wird nicht von einem intelligenten Homunkulus erzählt. Auch wird die Geschichte nicht wirklich von Ihnen als Selbst erzählt, weil das Kern-Sie erst beim Erzählen der Geschichte selbst, in der Geschichte selbst, geboren wird. Als geistige Wesen existieren Sie, wenn die Urgeschichten erzählt werden, und nur solange die Urgeschichten erzählt werden – und nur dann. Sie sind die Musik, solange die Musik forttönt.“ (1999, Ich fühle, also bin ich. S. 231)
    Ähnlich Humberto Maturana, wenn er betont, „dass der Beobachter aus seinem Operieren als Beobachter hervorgeht und eben nicht vor seiner eigenen Unterscheidung existiert.“    Für den linearen Verstand ist das nur ein Gräuel.

    Der Geist verbirgt sich in Gegenständen (wie etwa dem Gehirn, das wusste schon Leibniz, siehe das Mühlengleichnis) und in der Technik; er zeigt sich in den (Resonanz-)Beziehungen zwischen den Gegenständen, der Mimesis.
    Sehr schön demonstriert das Thomas Fuchs in seinem Buch: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan.   „Denkt das Gehirn? Ist es der Schöpfer der erlebten Welt, der Konstrukteur des Subjekts? Dieser verbreiteten Deutung der Neurowissenschaften stellt das Buch eine ökologische Konzeption gegenüber: Das Gehirn ist vor allem ein Vermittlungsorgan für die Beziehungen des lebendigen Organismus zur Umwelt und für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Diese vielfältigen Interaktionen verändern das Gehirn fortlaufend und machen es zu einem biographisch, sozial und kulturell geprägten Organ. Fazit: Es ist nicht das Gehirn für sich, sondern der lebendige Mensch, der fühlt, denkt und handelt.“

    1.  

       
      Lieber Franz,
      ich kann Dir nur zustimmen (auch wenn ich mich daran erinnere, dass Du einen weiteren Gedankenaustausch mit mir für wenig sinnvoll bewertet hast) – jedenfalls in fast allem:
      Wo ich nicht mitgehen kann, ist deine Hoffnung auf ein kulturelles, das duale Denken überwindende Sprachspiel, das das Auseinanderfallen von subjektivem Weltbild (das nicht-beobachtende, „reine“ Erleben) und objektiver Weltanschauung (das beobachtende und begründet als Wahr-Nehmen) überwinden könne.
      Mit Verlaub: Die Kritik an der dualen Logik ist „kalter Kaffee“ (zumindest für jeden der sich mit der Physik wie auch mit Hegel oder Parmenides ein wenig auskennt) – Recht hast Du, wenn Du auf das unreflektierte Anwenden dieser Logik hinweist, das in den allermeisten Urteilen entscheidend ist. Dass die Physik „selbst“ einer auch (!!!) nicht-dualen Logik folgt, zeigt, dass die duale Logik nicht der entscheidende Grund für eine entlebendigte Weltanschauung sein kann.
      Wenn wir bedenken, dass poiesis, „Erschaffung“ bedeutet und wir selbst unser eigenes konkretes Erleben in uns frei in äußeren Bedingungen erschaffen (→ Was ist die Bedingung (Voraussetzung) der Möglichkeit eines solchen innerlichen Erlebens? Nicht das Physikalische!), dann können wir vielleicht sagen, dass Poesie und Wissenschaft, somit erlebendes und beschreibendes Sprechen sich gegenüberstehen – was wäre also ein Sprachspiel, das diese Trennung überwindet?
      Vielleicht exmplarisch:
      „Wir erleben in der Beobachtung des Universums das Entstehen und Sterben von Sternen und ihren Planetensystemen!“, oder
      „Schmerzvoll ist das Hinscheiden des geliebten Autos in der Schrottpresse – mit einem letzten quietschenden Aufschrei verlöscht seine Existenz!“
      Dieser Art von „gequirlter Sprachkacke“ erleben wir oft in wissenschaftlichen Aufklärungssendungen insbesondere u.s.amerikanischer Art! Streng evolutionstheoretisch begründende Sendungen mit biologischen Inhalten fehlt jedoch die ganze Dimension des Erlebens von Tieren, deren Verhalten auf rein funktionale Art, wenn nicht gar bloß mikrobiologisch-molekular analysiert wird. Hier wird zum Verschwinden gebracht, was erst noch zu verstehen wäre.
      Gut – ich denke, Du denkst an etwas anderes! Aber die Gefahr deiner Zielsetzung mag aufgezeigt sein. Jedoch bleibt grundsätzlich zu bedenken:
      Das Beobachten des eigenen Beobachtens durchbricht zwar die Naivität der impliziten Dualität des Alltagsbewusstseins, es ist jedoch etwas anderes als das „reine“ Erleben – kann es in den sprachlichen „Besitz“ des Erlebens kommen? „Haben wir also den Mut, uns in unserer Epistemologie unserer Bodenlosigkeit auszusetzen und das Beobachten zu beobachten.“ Ein solcher Mut ist wohl notwendig, aber nicht hinreichend – wir müssen ursprünglicher Denken …
      Wir bringen zwar Realitäten auch suggestiv hervor, nicht aber die Wirklichkeit! Darum sind wir nicht bloß „die Musik, solange die Musik forttönt.“ Aber es ist wahr: Falls wir uns nicht unsere Humanität erzählen, um sie auch außerhalb unserer selbst real werden zu lassen, dann erstirbt sie sogar in uns – um dennoch in jedem Kind immer wieder neu geboren zu werden, denn jedes Baby ist zunächst für sich „reines“ Erleben …
      (Objekt-Konstanz entwickelt sich erst später!)
      Meine „fundamentale“ These:
      Innerliches Erleben ist wirklich und nicht bloß (epi)-phänomenal!
      (Diese implizite, der physikalischen Inhärenz geschuldeten Nachrangigkeit der Subjektivität ist das zentrale Problem der wissenschaftlichen Weltanschauung)
      Wie auch immer:
      Wir stehen vor einem phänomenalen Dualismus, der phänomenologisch zu ergründen ist – und wir stehen vor einer objektiven Wissenschaftlichkeit, die uns unmissverständlich mitteilt, dass der Anfangsgrund und somit die Ursache von allem astro-physikalisch ist. Diese Erkenntnis zusammengenommen mit dem Theorem von der Geschlossenheit der Physik (Abgeschlossenheit (der Dimension) des Physikalischen) stellt uns vor das Bieri-Trilemma, das m.E. nur aus der philosophisch reflektierten Physik heraus aufgelöst werden kann und muss. Solange existieren wir für uns selbst in einem unerklärlichen epistemischen Dualismus (von Funktion und Erleben gemäß der heutigen physikalistischen Philosophie des Geistes), der jedoch – oh Schreck! – zusammengenommen mit der sich alltäglich technisch-erweisenden „Autonomie“ der Physikalischen Gesetzlichkeit sich als veränderter ontologischer Dualismus von »Materie« und »Geist« erweist – den es nun so zu erkennen und zu wandeln gilt, dass ein »Neutraler Monismus mit epistemisch-ontologischer Dualität« denkbar wird.
      (Wir brauchen Mut, uns diesem Dualismus und der Aufgabe, ihn zu überwinden, zu stellen!)
      Das aber kann kein bloßes Sprachspiel, wenn auch ein solches im Nachhinein kulturell zu formulieren sein wird.
      Schon immer konnte ich deiner Orientierung und Zielrichtung zustimmen, deinem Ansatz jedoch nicht …
      (→ Werk von C.F.v. Weizsäcker, insbesondere „Zeit und Wissen“:
      Der kybernetische Ansatz ermöglicht erst den Anlauf zum echten Philosophieren!)
      Der phänomenale Dualismus darf also nicht sprachlich zugeschüttet werden, sondern er muss wirklich überwunden werden!
      Diese unmögliche Aufgabe ist mir persönlich aufgegangen am auf Kants Transzendentalphilosophie (einer Metaphysik der Phänomene) gründenden Disput zwischen Hegel und Schelling
      (Wo existieren die »Dinge an sich«? Jeweils im eigenen Kopf oder allgemein außerhalb von uns? – Leben wir im Universum, oder ist das Universum in uns? Wer konstituiert oder wie konstituieren wir gemeinsam das Universum? Sind wir Individuen entweder dem einen Universum oder dem einen Geist ausgeliefert? Wo bleibt die Freiheit des Menschen? Welche Idee ermöglicht Pluralität im Monismus? – Es sind viele und noch andere Möglichkeiten durchspielbar … ),
      in dem Schelling fragte und formulierte, dass jede monistische Wirklichkeit, die Freiheit enthalten können solle, zumindest epistemisch dual sein müsse.
      (Leider kann ich diese Stelle nicht belegen, ich habe sie nicht wiedergefunden – Gerhard, kannst Du helfen?)
      Alle anderen Fragestellungen unterlaufen oder überspringen die Problematik der Wirklichkeit, in der wir als freie Menschen möglich sind …
      P.S.:
      Auch die Physik erweist „ihre“ Wirklichkeit als eine die realen Physikalischen Objekte prinzipiell verbindende Wirklichkeit – die Beziehungsqualität als Ur-Element (Wechselwirkung des scheinbar Separierten) ist somit kein Alleinstellungsmerkmal des Lebendigen. Ich verstehe dies im Sinne der Kompatibilität mit dem erlebenden Erleben, jedoch nicht der Ursächlichkeit des Physikalischen.
       

    2. »Man muss übrigens notwendig zugestehen, dass die Perzeption und das, was von ihr abhängt, aus mechanischen Gründen, d. h. aus Figuren und Bewegungen nicht erklärbar ist. Denkt man sich etwa eine Maschine, die so beschaffen wäre, dass sie denken, empfinden und perzipieren könnte, so kann man sie sich derart proportional vergrößert vorstellen, dass man in sie wie in eine Mühle eintreten könnte. Dies vorausgesetzt, wird man bei der Besichtigung ihres Inneren nichts weiter als einzelne Teile finden, die einander stoßen, niemals aber etwas, woraus eine Perzeption zu erklären wäre.«

      Leibniz,  Monadologie, § 17

Schreibe einen Kommentar