Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann

NeuronenUnion Jack„Irgendwie“ ist ein opportunistisches Wort. Es bezeichnet etwas nicht genau. Es lässt eine Sache im Ungefähren. Und man kann sich daran gewöhnen, die Sachen im Unklaren zu lassen. Und es kann zum Charakter einer Zeit werden, Sachen im Unklaren zu lassen, wenn auch nur in einigen Bereichen. Ein solcher Ausdruck der Zeit kann als kulturelle Situation der Unwahrheit oder des Übergangs angesehen werden. Mir scheint, dass dies heute der Fall ist.

Die Unwahrheit besteht darin, dass die Welt naturwissenschaftlich ohne den Geist erklärt wird. Der Übergang besteht darin, dass diese Position angesichts der rasanten Zunahme der künstlichen Intelligenz nicht mehr lange zu halten sein wird. Das Tabu wird in den Blick geraten und dann kommt die Sache ins Rollen. Irgendwie ist der Ausdruck für die so oft zitierte „neue Unübersichtlichkeit“, die nicht anerkennen will, was längst zu sehen ist.

Die Hirnforschung – jedenfalls in den Deutungen einer Reihe ihrer prominentesten Vertreter – stellt das äußerste Phänomen dieser Kultur der Verdrängung dar. Die Freiheit wird geleugnet, das Bewusstsein zu etwas Sekundärem erklärt. Das Reiz-Reaktions-Schema im Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein, wie es in der immer wieder zitierten Versuchsanordnung von Libet experimentell zu Grunde gelegt wurde, wird zum Beweis des Vorrangs des Gehirns gegenüber dem Bewusstsein. Die eingeschränkteste, mikroskopische Perspektive kann unter dem gegenwärtig herrschenden – die Köpfe beherrschenden – Paradigma wie gesicherte Erkenntnis auftreten.

Hannah Arendt hat in ihrem berühmten Buch „Vita activa“, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts erschien, davon gesprochen, dass die Menschen der Erde – unserem Planeten – müde geworden seien und dass offensichtlich die Tendenz bestünde, dass das Menschengeschlecht sich von der Erde emanzipieren wolle. Das, so vermutete sie, stecke hinter allen Weltraumunternehmungen. „Das Ereignis des Jahres 1957“, als der erste Sputnik in die Erdumlaufbahn geschossen wurde, stellte für sie solch einen markanten historischen Punkt dar.

Zu dieser Tendenz, die seither nicht nachgelassen hat, ist eine zweite hinzugekommen, die sich mit dieser vereinigt und Konsequenzen in sich birgt, die kaum wahrgenommen werden, weil die Zeitgenossen sich weitgehend an die Entwicklung mit all ihren Erscheinungsformen wie an etwas Unabänderliches gewöhnt haben. Außerdem ist die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Katastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen, Ressourcenverschwendung, Seuchen, Ungerechtigkeiten, Hunger, Flucht und Arbeitslosigkeit, um nur die bekanntesten Probleme und Konflikte zu nennen, gerichtet, die das tägliche Leben in der globalisierten Welt erschüttern. Die zweite Erscheinung, die hinzugekommen ist und ebenfalls der fortschreitenden Entwicklung der Technik zu verdanken ist, besteht in den gesellschaftlichen Umwälzungen, die durch die künstliche Intelligenz verursacht werden. Es scheint so zu sein, dass die Menschen sich nicht nur von der Erde befreien wollen, sondern auch von sich selber. Sie wollen sich selbst durch Maschinen ersetzen.

In der Süddeutschen Zeitung vom 6. Februar 2016 steht ein Artikel mit dem Titel „Geist und Ungeist“, in dem der Stand und die Richtung der technischen Intelligenz reflektiert wird: “In der Blütezeit der industriellen Revolution wurden…Maschinen für mechanische Vorgänge erfunden. Im Silicon Valley hingegen ist es der Geist, der nun automatisiert werden soll.“ „Jetzt sollen Maschinen auch das Denken übernehmen.“

Was hat die Hirnforschung damit zu tun? Die Hirnforschung, sofern sie nicht nur medizinischen Zwecken dient, sondern eine Deutung des Menschen intendiert, eine Deutung, in welcher das Gehirn und nicht das Bewusstsein den Primat besitzen soll, stellt die Entfremdung des Menschen von sich selber dar, in welcher die Abschaffung des Menschen bereits vorweggenommen ist. Sie ist die wissenschaftliche Deutung, die der Dimension, in der sich das Da-Sein der Menschen vollzieht, die Realität abspricht.

Das muss genauer ausgeführt werden.

Dazu 12 Thesen.

1.
Es ist nicht das Gehirn, sondern das bewusste Erleben, worin die Realität der Menschen besteht. In unserem bewussten Erleben sind wir da. Und deshalb ist dies unsere Realität. Dieses Dasein ist nicht auf irgendetwas rückführbar. Es ist so wenig rückführbar wie das Licht auf den glühenden Kupferdraht, auch wenn es durch ihn entsteht. Das Licht ist eine eigene Qualität. Im Draht fließender Strom ist nicht Licht.
2.
Es geht nicht nur um die Kompatibilität von Bewusstsein und Gehirn, sondern um die Ursprünglichkeit und Priorität des Bewusstseins. Das heißt, sich darüber klar zu werden, dass das Bewusstsein, unser bewusstes Sein, der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Untersuchungen ist, also auch der Hirnforschung. Es ist nicht das Gehirn, das das Ich untersucht, sondern das mit anderen Menschen sich in Kommunikation befindende Ich, das Hirnforschung betreibt.
3.
Was sehen wir im Gehirn? Elektrische Impulse, neuronale Prozesse, wahrscheinlich lässt sich sogar in den neuronalen Netzen lokalisieren, was synchron passiert, wenn wir bestimmte bewusste Erlebnisse haben. Aber auf der Ebene des Gehirns kommen diese Erlebnisse so wenig vor wie unsere bewussten Empfindungen auf dem Instrument, mit dem eine Sonate gespielt wird. In den physikalischen Schwingungen der Saiten des Instruments, die diese hervorgebracht haben, sind sie nicht vorhanden. Also gibt es eine Synchronizität und Kompatibilität zwischen Bewusstsein und Gehirn, aber ohne Identität ihrer Formen.
4.
Diese Fähigkeit, die Dinge zu erkennen, in dem, was sie sind, und nicht nur aus Triebbefriedigung und Selbsterhaltung zu nutzen, stellt eine fundamentale Befreiung von dem eingeschränkten sinnlichen Bezug zur Wirklichkeit dar und charakterisiert die Spezies Mensch.
5.
Die Freiheit ist kein einzelner Akt. Die gesamte Geschichte der Menschheit ist die Entfaltung von Freiheit. Und darum wirklich Geschichte. Die Menschheit bringt eine zweite Natur hervor.
Die Möglichkeit der Nutzung von Erkenntnissen, worin die zweite Natur vor allem besteht, begründet nicht die Möglichkeit der Erkenntnis selbst. Die Erkenntnis des Seins der Dinge ist das, was Objektivität genannt wird. Die Fähigkeit, die Vielfalt der einzelnen Vorkommnisse in der Natur zu unterscheiden, d.h. zu erfassen, was jedes Einzelne im Unterschied zu allen andern einzelnen Gegenständen ausmacht, diese Fähigkeit zu unendlicher Differenzierung – allen Dingen „das ihnen gemäße Maß anzulegen“ – , ist die Universalität. Außerdem gehört zum Denken die Sphäre der Möglichkeit, die sich z.B. in der Phantasie ausdrückt und über den Bereich von Objektivität und Universalität grenzenlos hinausgeht.
6.
Bewusstsein lässt sich nicht funktional erfassen. Warum nicht? Weil Bewusstsein nicht wie alle anderen Organe, die ebenfalls Funktionen haben, lokal funktioniert, d.h. innerhalb des Körpers, in dem es vorhanden ist. Das Bewusstsein ist eine Verbindung mit der Welt. Es transzendiert auch die Grenzen der Sinne unendlich. Das Ich, in dem ein Bewusstsein vorhanden ist, ist weder durch Wachheit noch Aufmerksamkeit angemessen zu beschreiben. Es stellt eine durchgängige Einheit der Person dar, die dadurch eine Biographie besitzt.
7.
Der Geist bedarf des Gehirns. Deshalb kann, wenn das Gehirn zerstört ist, der Geist auch nicht „empfangen“ oder „gesendet“ werden. Geist ist wie eine Form von Energie. Das ist die Analogie, die ihn am besten beschreibt. Wie Wellen durch ein kaputtes Gerät schlecht, nur teilweise, mit Unterbrechungen oder gar nicht empfangen werden können, so ist es auch mit den geistigen Fähigkeiten. Geist – Bewusstsein – Denken – realisieren sich in ihrem Weltverhältnis.
8.
Hier auf dieser Ebene des prozesshaften historischen Weltverhältnisses ist die Frage der Erkenntnis, des Bewusstseins und der Freiheit zu stellen und zu beantworten, bzw. längst beantwortet. Bewusstsein und Gehirn bilden eine Einheit in diesem Weltverhältnis. Bewusstsein ist nicht ohne Gehirn. Und was das Gehirn leistet, ist nicht ohne das Verhältnis des lebendigen, bewussten Menschen, der denkt, fühlt und Wille besitzt, zur Welt.
9.
Der Weltbezug ist auch ein Bezug der Welt auf das Ich mit seiner internen Beziehung von Bewusstsein und Gehirn. Der Geist ist in der Welt und kann nicht auf das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn eingeschränkt werden.
10.
Die Hirnforschung ist selbst eines der Phänomene der Freiheit des Menschen, aber nicht die Tätigkeit, aus der die Freiheit bejaht oder verneint werden kann.
11.
Die Weltlosigkeit ist der Fehler der Hirnforschung, wenn sie aus dem Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein das Bewusstsein erklären will. Bewusstsein und Gehirn zusammen ermöglichen das Weltverhältnis eines menschlichen Ich.
12.
Wer die Freiheit leugnet, will nicht die Befreiung. Ich kann mich nur wiederholen:
Die ganze Absage an die Freiheit ist ein Schlag gegen die Mündigkeit des modernen Menschen, gegen die Möglichkeit seiner Selbstbestimmung. Es geht dagegen, dass die Menschen ihre Geschichte mit Bewusstsein machen. Geschichte mit Bewusstsein machen zu wollen, soll die größte aller Täuschungen sein. Und das im aufkommenden Zeitalter, in dem nur eine Weltinnenpolitik in der Lage ist, die globalen Probleme zu lösen. Hirnforschung, die die Freiheit leugnet, ist im Kern nichts anderes als erkennntistheoretischer Neoliberalismus: Der Markt, d.h. der Selbstlauf der Geschichte soll es richten, nur nicht reinpfuschen in seine Regulierung! Banker machen uns vor, wo wir dann landen.

 

 

WHY THE BRAIN RESEARCH IS USEFUL, BUT CANNOT EXPLAIN CONSCIOUSNESS

 

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“Somehow” is an opportunistic word. It describes nothing exactly. It leaves a matter as an approximation. And you can become accustomed to leaving things in the dark. And it can become the character of a time, to leave things in the dark, even if only in some areas. Such an expression of the time can be viewed as a cultural situation of falsehood or transition. It seems to me that this is the case today. The falsehood is that the world is explained scientifically without taking the spirit into account. The transition is that this position cannot be maintained much longer in view of the rapid growth of artificial intelligence. The taboo will come into awareness and then the situation will start to evolve. “Somehow” is the expression for the often cited „new complexity“ that refuses to acknowledge that which is already visible.

Brain research – at least in the interpretation of a number of its most prominent exponents – represents the most extreme form of this culture of denial. Freedom is denied and consciousness is explained as something secondary. The stimulus-response scheme of the relationship between brain and consciousness, as it was tried as a basis in the constantly cited experimental set-up of Libet, is used as proof of the primacy of the brain over consciousness. The most microscopic perspective can, under the current – head dominated – paradigm, be used as secured knowledge.

Hannah Arendt, in her famous book „Vita Activa“, that appeared in the mid-20th century, said that the people of the earth – our planet – have become tired and that there was obviously a tendency for the human race to want to emancipate itself from the earth.  That, she conjectured, was behind all space enterprises. „The event of the year 1957“, as the first Sputnik was shot into earth orbit, was a striking historical moment for her.

To this tendency, which has not diminished since then, a second has been added, which, united with it, produces consequences which are hardly noticed because, to a large extent, contemporaries are accustomed to seeing progress, with all its manifestations, as something unalterable. In addition, attention is too focused on the disasters, acts of war , waste of resources, disease, injustice, hunger, flight and unemployment, which daily shake life in the globalised world, to name only the best-known problems and conflicts. The second phenomenon, which is also caused by the progressive development of technology, is social upheaval brought about by artificial intelligence. It seems to be that people not only want to free themselves from the earth, but also from themselves. They want to replace themselves with machines.

In the Süddeutsche Zeitung of 6. February 2016 was an article with the title „Geist und Ungeist” (Mind and non-Mind), which reflected on the status and the direction of artificial intelligence: „In the heyday of the Industrial Revolution…machines were invented for mechanical processes. In Silicon Valley now it is the mind that is to be automated.“ „Now machinery is to take over thinking too.“

What has brain research to do with it? Brain research, when not only used for medical purposes, but intended as an interpretation of humankind, an interpretation in which the brain and not consciousness has primacy, represents the alienation of humans from themselves, in which the abolition of humanity is already anticipated. It is a scientific interpretation which denies the reality of the dimension in which the existence of humans takes place.

This must be stated more precisely. Here are 12 theses.

1.
Human reality is to be found in conscious experience, not in the brain. We are present through our conscious experience. And this is why it is our reality. This existence is not retraceable to anything. It is as little traceable as the light on glowing copper wire, even though it originates from it. The light is a quality of its own. The current flowing in the wire is not light.
2.
It is not only about the compatibility of consciousness and the brain, but about the genuineness and primacy of consciousness. That means understanding that our consciousness, our awareness of being, is the origin of all scientific research, including brain research. It is not the brain, that examines the ego, but the ego, which is in communication with other people, that pursues brain research.
3.
What do we observe in the brain? Electrical impulses, neural processes and it is probably even possible to locate the neural networks which are synchronously active when we have certain conscious experiences. But in the brain these experiences exist as little as our conscious sensations exist on the instrument with which a sonata is played. They are not present in the physical vibrations of the strings of the instrument that produce it. So there is a synchronicity and compatibility between consciousness and brain, but their forms are not identical.
4.
This ability to see things for what they are and not only to use them to gratify instincts and for self-preservation, represents a fundamental liberation from the restricted sensual perception of reality and characterises the human species.
5.
Freedom is not a single act. The entire history of humanity is the development of freedom. And thus true history. Humanity has created itself a second nature.
The ability to use knowledge, which is the main element of this second nature, does not establish the possibility of knowledge itself. The knowledge of the existence of things is what is called objectivity. The ability to recognise the diversity of the individual events in nature, i.e. to determine that which distinguishes each individual object from all other objects, this ability to infinite differentiation – all things „are given their appropriate proportion” – is universality. The sphere of possibilities also belongs to thinking and expresses itself e.g. in the imagination and stretches endlessly beyond the scope of objectivity and universality.
6.
Consciousness cannot be grasped functionally. Why not? Because consciousness does not work locally, as other organs that have functions do, i.e. within the body in which they are located. Consciousness is a connection with the world. It also infinitely transcends the boundaries of the senses. The ego, in which consciousness occurs, can neither be described appropriately by wakefulness nor awareness. It represents the continuous unity of the person, who thereby acquires a biography.
7.
The spirit needs the brain. Therefore, when the brain is destroyed, the spirit cannot be „received“ or „transmitted“. Mind is like a form of energy. That is the analogy which describes it best. Just as air waves can only be received badly, partially, with interruptions or even not at all by a broken appliance, so it is with the mental abilities. Spirit – Awareness – Thinking – realise themselves in their relationship to the world.
8.
The question of knowledge, consciousness and freedom is to be placed and answered on the level of the process of our historical relationship to the world, or was answered therein long ago. Consciousness and brain form a unit in this relationship to the world. Consciousness is not independent of the brain. And what the brain achieves is not independent of the relationship to the world of living, aware, thinking, feeling and wilful people.
9.
The relationship to the world is also a relationship of the world to the ego with its internal relationship of consciousness to brain. The mind is in the world and it cannot be reduced to the relationship between consciousness and brain.
10.
Brain research is itself one of the phenomena of human freedom, but not the activity from which freedom can be affirmed or negated.
11.
Lack of world is the error of brain research when it intends to explain consciousness by the relationship between brain and consciousness. Consciousness and brain together enable the human ego a relationship to the world.
12.
Anyone who denies freedom, does not want liberation. I can only repeat:
This whole rejection of freedom is a blow to the maturity of modern people – against the possibility of their self-determination. It is against people consciously making history. To desire to make history consciously is said to be the greatest of all delusions, and that in the emerging age in which only global policies will be capable of solving global problems. Brain research, that denies freedom, is, at core, nothing other than epistemological neoliberalism: the market, i.e. the uncontrolled course of history, is the solution and no messing with its rules! Bankers are showing us where we will end up.

12 Gedanken zu „Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann“

  1.  
    Lieber Gerhard, wie immer hast Du das Thema sehr treffend, diesmal in 12 Fragen und Behauptungen, zusammengefasst – Denkmanufaktur hat deinen Text ebenso gewürdigt und zugleich auf Vertiefung und Präzision gedrängt. Ebenso wohl auch Lohschelder. Ich kann mich dem nur anschließen!
    Doch wie kann dies in einem Blog gelingen?
    Ein bloßes „Darüber-Reden“ verklärt mehr als es aufklärt: Sprachspiele sind hier bloße Scheinlösungen. Gerade dies kann man aus dem kognitionswissenschaftlichen und kybernetischen Ansatz lernen, denn deren Grenzen sind im Begriff des „explanatory gap“ (Denkmanufaktur) anerkannt.
    (Siehe auch, wenn auch anders: Carl F. von Weizsäcker: „Zeit und Wissen“, dessen doppelte Erkundung in parallelen Abhandlungen diese Differenz als zu überwindende Fragestellung dokumentiert)
     
    Mein Weg folgt einer philosophischen Methode, die bezüglich unseres Themas mehr als eine Methode sein könnte:
     
    Mache deinen philosophischen Gegner so stark als möglich, um ihn in seinen, nun deutlich ans Licht kommenden Schwachstellen ergänzen oder widerlegen zu können.
     
    Ein solcher Vorgang macht zudem deutlich, was man selbst anerkennt und was nicht – er klärt die impliziten Voraussetzungen. So werden differierende Gegenpositionen zugleich mit ihren verschiedenen „Knackpunkten“ und Voraussetzungen deutlich. So könnte dieser Blog sich vertiefend parallelisieren ohne in ein argumentatives Chaos zu geraten.
    (Als eher umfangreiche, aber sehr Gewinn bringende Lektüre kann ich die 3 Bände „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger empfehlen, den ich als kritischen Physikalisten bezeichnen würde – weil er die Wirklichkeit des Physikalischen zwar als unhintergehbar versteht und ansetzt, jedoch zugleich die Existenz der Subjektivität und deren völlig physikalisch-inexistente (Ich)-Perspektivität als das große ungelöste Problem dieses Ansatzes anerkennt.)
     
    Ich möchte meinen Vorschlag sogleich in Kürze ausführen:
     

    Behauptung: „Alles ist physikalisch!“
    → „offensichtlicher“ Erweis: Urknall-Theorie,
    → Theorem: Das Physikalische ist nur untereinander-wechselwirkend geschlossen –
    sollte es Nicht-Physikalisches geben, was die Physik nicht ausschließen kann, so kann sie jedoch ausschließen, dass es im Universum physikalisch-wirksam werden könne!)

    Das Physikalische ist reduktiv!

    Es gibt völlig unbestreitbar einen „Phänomen-Überschuss“, der (bisher!?!) nicht physikalisch rekonstruierbar ist – nämlich das (bewusste und unbewusste) innerliche Erleben (nicht nur) von »Ichen«.

    „Lösungen“:

    Physikalischer Monismus: → »Emergenz«

    starke Emergenz:
    → Entstehung von Neuem aus Nichts, weil es gerade nicht aus dem Vorhandenen ableitbar ist
    Es existiert eine physikalisch-interne Dualität, die
    entweder epistemisch (die alles erklärende Funktionalität des Physikalischen?!?)
    oder ontologisch (innerliches Erleben!?!) sein kann.
    → Die Verstehbarkeit der Wirklichkeit ist grundsätzlich durchbrochen.
    → Denn falls Emergenz wirklich ist, warum sollte dies nur einmal, zweimal oder selten geschehen sein?

    Schwache Emergenz:
    → Nur Wir können das Entstandene (noch) nicht aus dem Vorhandenen ableiten
    Der physikalische Monismus ist (allerdings noch unausgeführt) richtig.
    (Joker-Karte Zukunft: Wir werden es wissen und ableiten können … )
    → Alles bleibt weiterhin physikalisch verstehbar.

    Glauben Sie, lieber Leser, dass eines Tages in einem (Netz von) Computer(n) sich ein bewusst-erlebendes Ich melden wird?
    Halten Sie das für grundsätzlich unmöglich?
    Dann sind Sie ein (uneingestandener) ontologischer Dualist!

    Gibt es Begriffe mit einer physikalischen Bedeutung, die die Funktion des Emergenz-Begriffes leisten, ohne in eine analog-resultierende und zu vermeidende Problematik zu führen?
    Z.B. »Supervenienz«? Eher Nein!
    (https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwiop9fX4OfLAhVC-Q4KHfx9CAgQFggtMAE&url=https%3A%2F%2Fwww.uni-bielefeld.de%2Fphilosophie%2Fpersonen%2Fnimtz%2FVorlesungen%2F10S%2520VLGeist%25208%2520Supervenienz.pdf&usg=AFQjCNFd2bL3RVE-5eeEcQk0IPCy1GoVrQ)

    Psycho-Physikalismus:
    Was soll das anderes sein als ein epistemischer Dualismus modaler Art, der aufgrund der empirischen Beweisbarkeit der Physikalischen Gesetzlichkeit im Unterschied zu den Unbeweisbarkeiten phänomenologischer Spekulationen bezüglich der Modalität des Geistigen zu einem „Geltungs-Monismus“ des Physikalischen degenerieren muss, zumal der Freiheitsraum des Geistigen weiterhin unerklärbar bleiben müsste, weil ihn ein strenger Parallelismus ausschließen würde!?

    Ontologischer Dualismus mit gewandelten Begriffen:
    „äußere“ »Materie« →»Physikalisches« und „innerlicher“ »Geist« → »Erleben«.
    Ist damit Irgendetwas gewonnen? Ja, die Nähe zur Phänomenologie des Alltags.
    Was sind die Kosten? Wie kann geistiges Nicht-Lokales lokal physikalisch-wirksam sein?
    Es ist absehbar, dass Folgendes geleistet sein muss, damit ein ontologischer Dualismus überhaupt legitim denkbar sein kann:

    Das Theorem der Geschlossenheit des Physikalischen muss zwar nicht als streng-falsch, aber als unzureichend widerlegt sein.

    Das Bieri-Trilemma muss aus der Physik heraus aufgelöst werden.

    Zudem muss auch dieser ontologische Dualismus anschließend geeint werden, weil sonst eine Kompatibilität beider Sphären nicht denkbar wäre (es gäbe also verschiedene, zu einem »Sein« zu einende »Seins«). Die Frage der Priorität oder eines dritten „neutralen“ Begriffs (»Neutraler Monismus mit epistemischer Dualität«), dessen Wirklichkeit prioritär wäre, würde notwendig folgen.

    Geistiger Monismus irgendeiner Art:
    Diesem Ansatz steht unsere Voraussetzung „Alles ist physikalisch!“ entgegen.
    (nur zunächst → siehe 2))

     

     
    Dieser erste Überblick mag Allzu-Selbstverständliches hinterfragen und einordnen können – eine Lösung ist jedoch nicht sichtbar!
     
    Hier mag man irritiert und staunend stehen bleiben!?? –
    Einem möglichen Weg wende ich mich mit dem 2. Teil zu.
     

  2.  
    Teil 2 –
    2 duale Wirklichkeiten und ihre mögliche epistemische Einung

    Nehmen wir die notwendige Forderung der Kompatibilität von Materie und Geist bzw. Physikalischem und Erleben als Ausgangspunkt:
    → Die Geistesgeschichte scheint die begriffliche Inkompatibilität der Bedeutungen von »Geist« und »Materie« zu erweisen.
    → Die einen epistemischen Weg eröffnende Behauptung ist, dass »Physikalisches« und »Erleben« als epistemisch-duale Wirklichkeiten – verstanden im Begriff der »Wirkung« als alle Realitäten konstituierender Elementarbegriff – übereinkommen:
    Die dualen Wirklichkeiten des Physikalischen und des Erlebens wären strukturell analog, ihre spezifische Differenz könnte in in der Differenz von Freiheit und Zufälligkeit begriffen werden, die beide unbegründete und unbegründbare (?!?) Spontaneität bedeuten.
    → Die Dualität wäre begrifflich und epistemisch formal überwunden! Inhaltlich bliebe sie jedoch bestehen!
    Was würde dies bedeuten?

    Der traditionelle Begriff der »Einheit« würde sich in den Begriff der elementaren »Einheitlichkeit« wandeln, der jedoch transzendentalphilosophisch wiederum zur „umfassenden“ »Einheit« (nicht zurück) transformiert werden kann –
    denn die Physik eröffnet diesen Weg objektiv-transzendentalphilosophisch.
    (Für den weiteren Weg bedarf es einer gedanklichen Anleihe bei Cusanus:
    Zusammenfall der Gegensätze im Unendlichen
    → das Umfassende ist das Innerlichste)

    Die neuzeitliche Entdeckung der von jeder Subjektivität unabhängigen „Autonomie“ der Astro-Physikalischen Gesetzlichkeit des Universums erzwingt die Anerkennung der ontologischen Dualität von Physikalischem und Erleben, wobei der Begriff des statischen »Seins« sich zum „dynamischen“ Begriff der »Wirklichkeit« gewandelt hat –
    ein neuer, die Grundidee des »Seins« jedoch erhaltender Begriff, dessen formale Struktur nicht der Struktur absoluter logischer Gegensätzlichkeit wie z.B. »Einheit« und »Vielheit« unterliegt, sondern vielmehr dem paradoxen Begriff des „Ineins-Seins“ von »Einheit der Vielheit«, »Einfalt der Vielfalt« und »Identität des Verschiedenen« unterliegt.
    (Dies scheint eine Konsequenz des begrifflichen Verstehens des Physikalischen zu sein:
    Ungültigkeit des »Tertium non datur«).

    Erst diese Ontologisierung der epistemischen Dualität von Physikalischem und Erleben – wie sie in der physikalistischen Philosophie des Geistes anerkannt ist – ermöglicht nun den phänomenologisch bestens begründeten Umschwung, den Gerhard in These 2 formuliert hat:
    „Es geht nicht nur um die Kompatibilität von Bewusstsein und Gehirn, sondern um die Ursprünglichkeit und Priorität des Bewusstseins.“

    Die These von den 2 Wirklichkeiten, die ihren jeweiligen realen Phänomenbereich konstituieren, gäbe bereits eine Antwort auf die Problematik, die Denkmanufaktur mit der Frage nach der Bedeutung von »Realität« in Gerhards 1. These aufgeworfen hat.

  3.  
    Teil 3 – Die Phänomenologie des Alltags
     

     
    Sowohl die „Flüchtlingskrise“ als auch der religiöse Fundamentalismus und der „Krieg gegen den Terror“
    (deren Hintergrund die »Globalisierung« ist, deren zentrale Bedeutung nicht „Freier Globaler Handel“, sondern »Zwang zur funktionalen Optimierung durch globale Konkurrenz über jegliches individuelles wie kulturelles menschliche Erleben hinweg« ist)
    zeigen uns unmissverständlich auf, dass Humanität und somit auch das humane Ethos prioritär zu gelten hat, damit Wege der Auflösung solcher globalen Probleme überhaupt wieder gangbar werden können.
    Denn ansonsten gilt:
    Nur eine solche Ethik gilt und kann politisch umgesetzt werden, die gemäß unserer generellen Weltanschauung als funktional-erfolgreich eingeschätzt wird!
     
    Das mehr als achtenswerte Merkelsche Diktum der Priorität der grundgesetzlich verankerten Humanität gilt nur, falls die Eindämmung der „Flüchtlingsflut“ funktioniert – und sei es auf Kosten der Anerkennung inhumaner Konsequenzen der Abschottungspolitik. Die Frage des Sinns wird kaum noch gestellt:
    Wie schon die Freiheit durch die Einschränkung der Freiheit verteidigt wird, so wird nun auch die Humanität durch den Bruch der Menschenrechte „gewährleistet“ …
    Innerliches Erleben ist halt grundsätzlich physikalisch epi-phänomenal und somit nachrangig …
    Ich weiß nicht, was auf höchstem Niveau unglaubwürdiger sein könnte als unsere Kultur, die ihren fundamentalen Widerspruch leugnet, der eben der hier thematisierten Problematik entspringt:
    Es wird als einheitlich und kompatibel, als eine durchgängig funktionierende Orientierung gewährleistend behauptet, was dual ist! – Wir selbst müssen aus Freiheit diese Kompatibilität herstellen, weil wir sie wollen! Denn sie entsteht nicht zufällig-physikalisch … Was ist ein »Selbst«?
     
    Unabsehbare Räume dynamischer Freiheit bleiben als spekulativ-nichtig „außen“ vor …
    Sie müssen „außen“ vor bleiben, solange sie nicht von uns »Ichen« dem eigenen Erleben umfassend vertrauend innerlich als auch außen wirklich-wirksam erlebt werden …
     
    Zugegeben:
    Das war bloß ein Sprachspiel!
     

     
    Ich denke, wir werden die verschiedenen Problemstellungen diskret thematisieren müssen, denn es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten mit sehr unterschiedlicher Überzeugungskraft.
    Meine skizzierte „Lösung“ mag also nur als ein Beispiel eines gangbaren (!??) Weges gelten.
     

  4. Hinweis zum Thema: Warum die Hirnforschung nützlich ist, aber das Bewusstsein nicht erklären kann
    Etliche Anmerkungen habe ich vorbereitet, inzwischen bin ich aber zu der Einsicht gelangt, dass vieles an der Oberfläche bleibt, wenn man sich nicht gründlich mit der Materie befasst.

    Deshalb möchte ich auf ein Buch hinweisen, das nach meiner Kenntnis einen sehr guten Einblick in das Thema bietet. Es stammt wirklich von einem Fachmann und ist gründlich in der Darstellung. Die in den Medien überbewerteten Experimente von Libet u.a. sind überzeugend eingeordnet.

    Nun der Titel des Buches von ANTONIO DAMASIO:
    SELBST IST DER MENSCH; Körper, Geist und die Entstehung des Menschlichen Bewusstseins
    Amerikanische Originalausgabe von 2010:
    Self Comes to Mind. Constructing the Conscious Brain.
    Gerne möchte ich erfahren, ob es ähnlich bedeutsame Veröffentlichungen zu unserem Thema gibt.

  5. In einem Blog wird wohl immer zu vieles zu kurz kommen, aber das Thema Stamers und seine Thesen sind zu wichtig als dass die Denkmanufaktur sie unkommentiert lassen möchte.

    Zu These 1:

    In unserem bewussten Erleben sind wir da. Und deshalb ist dies unsere Realität.

    Unser bewusstes Erleben ist ziemlich sicher einer der direktesten Zugänge zur Realität, was auch immer „Realität“ hier heißen will. Ebenfalls ist es wahr, dass unser bewusstes Erleben eine epistemische Sonderstellung einnimmt: wer Schmerz fühlt, der muss nicht erst darüber nachdenken, ob er Schmerzen hat, wer einen bestimmten Gedanken denkt, braucht auch nicht darüber nachdenken, ob er ihn denkt. Wir repräsentieren Vorstellungen ziemlich direkt und meist ohne Mühe. Doch daraus folgt leider nicht, dass im bewussten Erleben die alleinige Realität des Menschen besteht. Was machen wir eigentlich, wenn wir schlafen? Hat das, was im Schlaf passiert, etwa keine Realität?

    Von demselben Sinne, wie in These 1 „bewusstes Erleben“ geredet wird, kann beim Schlaf oder im Traum nicht die Rede sein. Die Rede von „bewusstem Erleben“ ist leider zu undifferenziert. Aber hat etwas weniger Realität, weil es epistemisch nicht auf unmittelbare Weise zugänglich ist (wie z.B. Atome)? Ich denke, dass dies ein Fehlschluss ist.

    Im Vorbeigehen: was heißt eigentlich Realität in These 1?

    Zu These 2:

    These 2 trifft definitiv einen Punkt. Unser Bewusstsein hat eine epistemische Vorrangstellung. Insbesondere, wenn es um wissenschaftliches Arbeiten geht. Schließlich müssen wir Bewusstseinsarbeit leisten, um eine wissenschaftliche Theorie aufzustellen. Jene Theorie kann dann natürlich nicht unsere Bewusstseinsarbeit erklären, weil dann das, was in jeder Theorie relevant ist, für immer hinfällig wäre: ihre Begründung. Durch die Begründung erhofft man sich, dass es vernünftig ist, eine Theorie für richtig zu halten. So richtig das alles vielleicht ist, sind es zwei Punkte, die mich an These 2 stören.

    a) Ein guter Neuro- oder Kognitionswissenschaftler wird nicht glauben, dass er bewusstes Erleben so erklären kann, wie ein Physiker das Fallen des Apfels auf Newtons Kopf. Warum? Bewusstes Erleben scheint eine physikalische und ein mentale Komponente zu haben: die Farbe Blau kann sicherlich mittels Frequenz beschrieben werden, doch warum sich blau so anfühlt, wie es sich anfühlt geht nicht in einer rein wissenschaftlichen Erklärung auf. Ein wissenschaftliches Vokabular scheint mentales Vokabular einfach auszuschließen. Dieses seit Chalmers und Levine als „explanatory gap“ oder „hard problem of consciousness“ in der Philosophie des Geistes (und ich betone) auch in der Neuro- und Kognitionswissenschaft bekanntes Problem ist seriösen Forschern bekannt. Sie zitieren es sogar in ihren Aufsätzen. Nur weil viele Neurowissenschaftler davon keine Kennntnis nehmen oder es nicht ernst genug nehmen, sollte man nicht daraus folgern, dass alle Neuro- und Kognitionswissenschaftler eine Horde von Antiphilosophen und gar Anti-Geist-Forschern sind. Die Zeiten, in denen eine Horde von Neurowissenschaftlern behauptete in zehn bis 30 Jahren sei phänomenales Bewusstsein restlos neurowissenschaftlich erklärt sind vorbei und haben sich als eine große politische Lüge herausgestellt. Cf. http://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357 Die Kritik von Fachkollegen ist den meisten Philosophen leider entgangen. Neuro- und Kognitionswissenschaftler sind heutzutage vorsichtiger in reißerischen Aussagen und philosophisch beschlagen.

    b) Bewusstsein blieb auch hier etwas undifferenziert. Es ist eine bestimmte Art von Bewusstsein, welches für wissenschaftliches Arbeit notwendig ist. Nämlich sprachliches Bewusstsein. Ein Bewusstsein ohne Sprache, z.B. das Kantische Bewusstsein ab der Transzendentalen Logik, hat nur mentale Repräsentationen und hat das „Kevin-allein-zu-Haus“ Problem. Wenn ich keine Möglichkeit habe meine mentalen Repräsentationen sprachlich zu fixieren und zu kommunizieren, wie kann ich mir dann sicher sein, dass ich mit wissenschafltichen Diskussionspartnern nicht pausenlos aneinander vorbeirede. (Das aneinander Vorbeireden ist nicht pejorativ gemeint. Jeder, der versucht zu philosophieren, stößt doch auf dieses Problem. Das liegt in der Natur der Sache. Ebenso auch die Lösung.) Durch Sprache hat man wenigstens eine Art intersubjektiven „Fixstern“, einen gemeinsamen Bezugspunkt, an welchem Analysen angesetzt werden müssen. Witzigerweise gibt einem hier nicht nur die moderne „analytische“ Philosophie (was für ein Quatschname!) recht, sondern auch schon Aristoteles. Die Kategorienschrift beginnt mit einer Analyse dessen, was in bestimmten Sprachstücken, z.B. Aussagesätzen passiert. Davon ausgehend katapultiert er sich in philosophische Meisterleistungen

    Wieder im Vorbeigehen: was ist das Ich?

     

    Zu These 3: Man kann alles so stehen lassen. Was heißt hier „Identität der Formen“ Bewusstsein und Gehirn? Formen von was? Schließt Kompatibilität aus, dass es sich bei Bewusstsein und Gehirn um ein und dieselbe Entität handelt mit zwei sich wechselseitig ausschließenden, aber jeweils wesentlichen Eigenschaften? These 3 lässt das spinozistische Herz eines jeden Lesers höher schlagen. Tut es das zu recht?

    Zu These 6: Funktionalismus setzt nicht unbedingt raumzeitliche Lokalisierbarkeit voraus. Die Aussage ist zu undifferenziert. Es gibt Funktionalisten, welche versuchen lediglich Bewusstsein zu beschreiben ohne damit zu behaupten, dass ihre Beschreibung univok Bewusstsein ein für alle Mal erklärt. Natürlich gibt es auch härtere Funktionalisten. Aber man kann Funktionalist sein ohne Materialist zu sein. Schließlich können funktionale Zustände von materiellen Systemen realisiert werden, aber das sagt ja nur: Funktionale Zustände sind mehr als nur materielle Systeme. Eine Differenzierung wäre hier wünschenswert.

    Zu These 7:

    Der Geist bedarf des Gehirns. Deshalb kann, wenn das Gehirn zerstört ist, der Geist auch nicht „empfangen“ oder „gesendet“ werden. Geist ist wie eine Form von Energie. Das ist die Analogie, die ihn am besten beschreibt.

    Ich glaube, dass wenn Geist empfangen oder gesendet werden kann, Geist in der Tat materiell ist. Nur, was in irgendeiner Weise raumzeitlich lokalisierbar ist, kann vom Gehirn gesendet oder empfangen haben. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: entweder es gibt Entitäten, die sowohl materiell, als auch mental zugleich sind. Oder mentale Entitäten sind einfach auch nur ein bestimmter Typ von materiellen Entitäten. Die erste Möglichkeit scheidet aus.

    Warum? Mentale Entitäten sind wesentlich dadurch charakterisierbar, dass sie nicht räumlich ausgedehnte Entitäten sind. Damit können sie aber auch keine materielle Eigenschaften haben, da Materie räumlich und zeitlich ausgedehnt sein muss. Die Lösung: Geist und Gehirn stehen in keiner realen Verbindung zueinander. Sie sind ein und dieselbe Sache aus zwei sich wechselseitig ausschließenden Perspektiven. (Integraler Monismus, duale Einheit) Aber – wie so oft in der Philosophie – kommt man auch mit dieser Position in eine Aporie: können Korrespondenzen zwischen Gehirnarealen und Bewusstsein hergestellt werden. Dürfte ja gemäß dem vorigen nicht so sein. Geht aber sicher schon. Das Verletzen der Großhirnrinde führt zum vegetativen Zustand. Und weg ist das Wachbewusstsein! (Bitte nicht zu Hause die Großhirnrinde manipulieren: es kann das Wachbewusstsein kosten!)

    Zu These 10:

    Die Hirnforschung ist selbst eines der Phänomene der Freiheit des Menschen, aber nicht die Tätigkeit, aus der die Freiheit bejaht oder verneint werden kann.

    Die These unterstellt, dass der Mensch frei ist und wir Leser wissen, was darunter zu verstehen ist. Das Problem ist: Freiheit – ich nehme hier mal Wahlfreiheit als Bedeutung – kann nicht theoretisch oder wissenschaftlich untermauert werden. Warum? Jede theoretische oder wissenschaftliche Arbeit ist normiert. Wir müssen in irgendeiner Weise unsere Untersuchungen durch Normen leiten, wie etwa den Satz des Widerspruchs oder dass Theorien mit Experimenten untermauert werden müssen etc. Wer diese Normen nicht einhält kann a priori keine gute Theorie haben.

    Es gibt keine gute Erklärung, weshalb wir uns an diese Normen halten sollen. Sie ändern sich schließlich mit der Zeit und in Anbetracht des Untersuchungsgegenstandes. Wir unterstellen nämlich im Ansetzen einer bestimmte Norm, z.B. des Widerspruchsprinzips, dass Theorien nur eine bestimmte Gestalt haben können. Doch dies selbst kann nicht weiter legitimiert werden außer dadurch, dass man sich auf eine Intuition, gesunden Menschenverstand und den Erfolg von schon vorgebrachten Theorien beruft. Eine Garantie und schon gar ein Argument ist dies nicht.

    Die Hirnforschung kann und darf die Freiheit des Menschen verneinen. Die Frage ist nur, welche Freiheit und wie. Ich gebe zu: handwerklich sauber und formal beschlagen ist die Leugnung der Freiheit seitens der Neurowissenschaft bisher nicht geleugnet worden. Aber philosophischer Anstand gebietet, dass man die Freiheit des Menschen bereit ist zu leugnen, wenn sich gute Argumente dafür finden lassen. Eine Verehrung der Freiheit ist genauso wenig philosophisch relevant, wie die Verehrung von großen Philosophen oder Wissenschaftlern.

    Zu These 11:

    Die Weltlosigkeit ist der Fehler der Hirnforschung, wenn sie aus dem Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein das Bewusstsein erklären will. Bewusstsein und Gehirn zusammen ermöglichen das Weltverhältnis eines menschlichen Ich.

    Gute Hirnforschung will und soll Bewusstsein erklären. Sie soll das an Bewusstsein erklären, was mit Hirnforschung eben erklärt werden kann. Und das, was mit Hirnforschung nicht erklärt werden kann, soll sie nicht erklären. Man kann aus dem Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein Aspekte des Bewusstseins sehr wohl und ohne philosophische Bedenken erklären. Beispielsweise kann die Integrierte Informationstheorie Giulio Tononis sehr gut erklären, weshalb phänomenales Bewusstsein eine unteilbare Einheit darstellt. Sie kann auch erklären, weshalb phänomenales Bewusstsein immer aus einer bestimmten Perspektive repräsentiert wird. Dies ist in der Philosophie als Intentionalität schon lange bekannt (und umstritten). Was ist dagegen einzuwenden, wenn ein Hirnforscher auf Basis von klugen Gedankenexperimenten und Mathematik zeigt, dass die Areale im Gehirn, die für unser Wachbewusstsein in Frage kommen allesamt Systeme sind, die integrierte Information generieren? Wir haben hier zwei parallele Herangehensweisen an ein und dasselbe Problem, die keine Konkurrenz sein können und auch nicht müssen.

    1. Antwort auf den Beitrag der Denkmanufaktur

      1. Bewusstes Erleben und Realität
      Natürlich besitzen wir Realität wenn wir schlafen. Aber wenn wir nur schliefen, würden wir gar keine Präsenz besitzen, d.h. wir wüssten gar nicht, dass wir existieren. Existieren ist daher nicht nur Sein, sondern Sein mit Präsenz. Es gibt auch das Unbewußte. Aber nur weil wir uns dessen bewußt sind, wissen wir von seiner Realität. Das bewusste Erleben ist die Dimension, in der alles für uns da ist, vor allem – quantitativ gesehen – alles (Materien wie Holz oder Eisen, Sträucher, Bäume, Tiere, auch Galaxien und Geschichten aus der Bibel) was nicht Bewusstsein besitzt.

      In These 1 ist nicht allgemein von Realität die Rede, sondern von der des Menschen. Warum sollte ich die Realität der Atome bestreiten? Aber unsere Realität ist eben nicht die der Atome, sondern des bewussten Erlebens, was die Atome scheint´s nicht haben.

      2. Was heisst Realität?
      Normalerweise wir im allgemeinen Verständnis davon ausgegangen, dass Realität das ist, was in Raum und Zeit vorkommt. Das gilt für die natürliche Erfahrung wie für die Naturwissenschaften. Aber alles, was wir in den Naturwissenschaften und unseren alltäglichen Wahrnehmungen erfahren, geht durch unser Bewusstsein. Sonst wüssten wir davon gar nichts. Deshalb ist das Bewusstsein die fundamentale Wirklichkeit, worauf alle Wirklichkeit beruht. Sie ist gewissermaßen eine Wirklichkeit erster Stufe. Aber weil sie kein Gegenstand ist, d.h. in der Sphäre von Raum und Zeit nicht vorkommt, wird sie gar nicht in Betracht gezogen, wird ignoriert, wird nicht zur Wirklichkeit gezählt. Der grösste Denkfehler, der möglich ist.

      3. Hirnforschung kann Bewusstsein nicht erklären
      Wenn dem so ist, ist es ja gut. Ich teile Deinen Eindruck. Aber ich habe in der 2. These keinen angegriffen, sondern nur eine Feststellung über das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn getroffen; und die bleibt bestehen, auch wenn kein einziger Hirnforscher mehr der Auffassung ist, dass das Bewusstsein nur eine sekundäre Erscheinung des Gehirns sei.

      4. Bewusstsein, Begriffe und Sprache hängen zusammen – ihnen gegenüber ist das materiell, sinnlich Gegebene
      Kant sagt ja so schön, dass Begriffe ohne Anschauungen leer seien und Anschauungen ohne Begriffe blind: Das lässt sich erweitern und muss auch erweitert werden: Bewusstsein ist nicht ohne Begriffe, d.h. ohne Denken und Denken ist nicht ohne Sprache, denn Begriffe ohne Sprache gibt es nicht.
      Übrigens hat Kant, obwohl er die konstitutive Seite der Sprache für das Denken nicht explizit behandelt, sprachlich außerordentlich präzise operiert.
      Wollte man denn aber Bewusstsein definieren, müsste man sich auf die Transzendentale Apperzeption einlassen, wie sie Kant formuliert und dann Hegel und Husserl in weiteren Reflexionen entwickeln. Das wird dann ohne Frage philosophische Wissenschaft. Das gehörte dann zu der „ungeschriebenen Lehre“ von mir, die aber bereits geschrieben ist.

      5. Was ist das Ich?
      Das Ich ist dasjenige, das alle meine Vorstellungen begleitet, es ist das, worin die Präsenz die Welt in ihrer Abstraktion und Unendlichkeit besteht, es ist die Einheit von Denken, Fühlen und Wollen; es ist das, worin und womit die Natur ihre Augen aufschlägt.

      6. Keine Identität der Formen in Gehirn und Bewusstsein
      Warum keine Identität der Formen? Ganz einfach, weil die Schwingungen, die ich physikalisch aufzeichnen kann und die man sogar auch in den Ohren feststellen kann, wenn die Apassionata gespielt wird, etwas grundsätzlich anderes sind als das Gefühl, das ich – oder auch du – beim hören habe. Erleben ist eine prinzipiell andere Qualität als der physikalische Ausdruck. Das was wir erleben, liegt nicht auf der Ebene der Noten, nicht auf der des Schwingens der Saite, auch wenn beides zum Hervorbringen des Musikstücks nötig war, sondern einzig auf der unseres lebendigen, bewussten In-der-Welt-Seins als endliches Wesen mit einem Bewusstsein der Unendlichkeit und auch einer Zugehörigkeit zur Natur, was jeder einzelne Atemzug beweist.

      7. Funktionalität ist nicht Materialismus
      In These 6 ist von Materialismus nicht die Rede, lediglich von dem Unterschied des Funktionierens des Bewusstseins zur Funktion der anderen Organe. Meine Milz erfüllt ihren Zweck in meinem Körper. Das Bewusstsein dagegen macht uns die Weite und die Einzelheiten der Welt, in der wir leben gegenwärtig.

      8. Geist und Natur
      Der Satz, „dass wenn Geist empfangen oder gesendet werden kann, Geist in der Tat materiell ist“ der ist gut. Geist bedarf, wie in dieser These gesagt, des Gehirns. Empfangen und Senden geht nicht ohne das Materielle. Auch die Musik bedarf des Instruments und der Luft, die die Schallwellen überträgt. Das Materielle ist unverzichtbar.
      Aber deshalb lässt sich nicht sagen, dass „mentale Entitäten…einfach nur ein bestimmter Typ von materiellen Entitäten“ sind. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Der Baum und der Begriff, der ihn bezeichnet, sind zwei grundsätzlich verschiedene Seinsformen, den einen kann ich zersägen, den andern nicht. Aber der Begriff des Baums und der Baum haben dennoch ein inniges Verhältnis zueinander. Es muss in der Natur ein bisher nicht aufgeschlossenes Verhältnis zum Geist geben. Die bisherige Naturwissenschaft, die den Geist methodisch aus der Natur ausklammert, kann dieses Verhältnis nicht erklären, muss deshalb immer wieder zu so etwas wie der Einheit der Entitäten, bzw. dem reduktiven Monismus Zuflucht suchen. Wir müssen – wie es Thomas Nagel in „Geist und Kosmos“ sagt, Geist in der Natur annehmen. Dann ist die Natur als eine Dimension zu denken, in der sich die beiden nicht identischen Sphären vereinigen.

      9. Freiheit
      Ach, wer nicht die Freiheit bei sich selbst erfährt und dazu voll ist mit Theorien, die sie negiert, wird schwerlich von ihr zu überzeugen sein. Aber die Befähigung des Menschen zum Allgemeinen, zur Universalität, zur Objektivität, zur Reflexion, zur Begründung von Auffassungen und Handlungen, zur moralischen Distanz gegenüber den Motiven der Triebbefriedigung zeigen deutlich ein Vermögen zur Freiheit auf.

      10. Welt und Weltlosigkeit
      All dies ist in These 11 nicht angesprochen noch negiert worden. Es war von Welt – These 9 – und Weltlosigkeit die Rede.

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