Warum Darwins Evolutionstheorie richtig ist und sie die Welt doch nicht erklären kann

DarwinDarwins Evolutionstheorie hat paradigmatische Bedeutung für die Moderne. Was Darwin auf die Entstehung der Arten bezog, die Evolution, gewann Anerkennung als grundlegendes Prinzip der Wissenschaften und als Weltbild in der breiten Öffentlichkeit. Unter evolutionären Gesichtspunkten ließen sich Natur, Gesellschaft und Kultur realistisch erschließen. Auch die Dynamik der technischen Entwicklungen in den beiden vergangenen Jahrhunderten fand in der Theorie der Evolution ihren angemessenen Ausdruck. 

Evolution wurde zum Kernstück der Aufklärung. Aus der epochalen Negation der christlichen Schöpfungsgeschichte bezog sie ihre provokative Energie. Die Welt ist nicht in sechs Tagen geschaffen worden, sondern in einer schwer überschaubaren langen Zeitspanne. Und die Menschen sind Wesen der Natur wie alle anderen Lebewesen. Die Welt ist nicht die Schöpfung Gottes gewissermaßen aus einem Guss, sondern eine Reihe von Zufällen. Alle Entwicklung hat keinen Sinn, der dahinter steht, sondern ist Anpassung an äußere Umstände. Der Kampf ums Dasein wird die Alternative zur Moral. Nichts Geistiges wirkt in dem Zusammenhang. Den „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ macht Friedrich Engels zum Thema. Darwin gehört wie Engels und Nietzsche, der den Tod Gottes verkündet, zur selben Zeitströmung.

Der evolutionäre Naturalismus, wie ihn Darwin entwickelte, hat einen einfachen  Mechanismus der Selektion, der sich unzählige Male vollzieht: Es bildet sich eine übergroße Population, wie sie Malthus als Gesetz beschrieben hat, dadurch kommt es wegen begrenzter Ressourcen unausweichlich zum „Kampf ums Dasein“ und zur „natürlichen Zuchtwahl“, was zur Veränderung der Erbanlagen in den Individuen führt, woraus die Fittesten als Sieger hervorgehen.

Unverkennbar ist die Abfolge ein mechanischer Prozess. Bis zu der Kuriosität der gegenwärtigen Kreationisten hat es seit ihrem Bestehen stets Kritik an der Evolutionstheorie Darwins gegeben. Aber die Kritik war nicht nur reaktionär. Sie wandte sich in ihren prägnantesten Formen nicht gegen die Theorie der Evolution selbst, sondern gegen deren reduktive materialistische Deutung unter den Erben Darwins.

Die gegenwärtige Diskussion der Evolutionstheorie kann an den Erkenntnissen der Autopoiesis von Maturana und Varela, der Selbstreferenzialität von Luhmann, der Selbstorganisation von Prigogine und Isabelle Stengers, der Synergetik Hermann Hakens und auch der Teleologie, wie sie Thomas Nagel in seinem neuesten Buch „Geist und Kosmos“ vertritt, nicht vorbeigehen; wobei frühere naturphilosophische Erkenntnisse wie die von Schelling oder Kant gar nicht herangezogen werden.

Grundsätzlich muss unter Einbeziehung dieser Theoreme Evolution unter vier Gesichtspunkten betrachtet werden:

  1. Die Wechselwirkung jedes lebendigen Wesens mit seiner Umwelt, wozu die Faktoren gehören, die Darwin hervorhebt.
  2. Die Selbstorganisation als Prinzip des Lebendigen.
  3. Das Telos, das in der Entwicklung sich realisiert.
  4. Die Evolution der Natur als ganzer, d.h. als komplexer, organischer Zusammenhang.

Natur und Evolution können nur unter Einbeziehung dieser vier Prinzipien begriffen werden. Die Evolutionstheorie, die nur die äußeren Einflüsse und Bedingungen berücksichtigt, ignoriert die Selbstorganisation, die das Lebendige ausmacht. Sie kommt nicht zum Begriff des Lebens. Es bleibt im Verständnis bei einem mechanischen Prozess. Die Exemplare der Arten reagieren dann in der Weise eines physikalischen Biologismus.

Lebendige Systeme wie Individuen besitzen eine bildende Kraft. Leben ist kreativ, bringt etwas hervor, sich selbst im Wachstum, andere Exemplare seiner Art durch Fortpflanzung. Das geschieht nicht automatisch, sondern durch spontane Fähigkeiten, die den lebendigen Wesen eigen sind. Das Verhältnis zur Umwelt regulieren Formen selbstorganisierter Wechselwirkung. Auch wenn sich z. B. der Keim einer Buche, aus dem sich normalerweise eine Buche entwickelt und kein anderer Baum, einen Sprung zu einer anderen Art aufgrund von veränderten Bedingungen machen sollte, es wäre eine kreative Leistung des Keims und kein physikalischer Vorgang wie bei einer Energieübertragung von einer rollenden Kugel auf einen ruhenden Gegenstand.

Aber weder Wechselwirkung noch Selbstorganisation können die Evolution des Lebendigen vollständig erklären. Evolution ist keine Ausbreitung auf einer Ebene, sondern besitzt ihren Sinn durch eine fortlaufende Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen. Kennzeichnend für diese ganze Entwicklung ist die zunehmende Differenzierung und Komplexität der sich bildenden Arten. Nach einer solch langen Reihe evolutionärer Schritte im Übergang von einer Art zur anderen, in welcher sich die kognitive Entwicklung als durchgehendes Prinzip erwiesen hat, d.h. millionenhaft bestätigt wurde, kann von Richtungslosigkeit nicht die Rede sein. Die sukzessive Herausbildung höher entwickelter kognitiver Arten ist nicht von der Hand zu weisen. Nur ein materialistischer Dogmatismus kann die Teleologie des gesamten Prozesses leugnen. Hilflos verschanzt er sich in Bezug auf die unzähligen wirklichen Entwicklungsschritte hinter dem Zufall. Aber Zufall ist nicht die objektive Vorgehensweise der Natur, sondern das unbeabsichtigte Zugeständnis der Erklärungslosigkeit, das Gegenteil von Wissenschaft.

Die Natur ist kein offenes System in dem Sinne, dass sie sich in alle möglichen Richtungen hin  hätte entwickeln können. Unter der Voraussetzung hätte es gar keine Evolution der Arten in einem fortschreitenden Sinne gegeben. Der Begriff der Arten beinhaltet Vervollkommnung unter bestimmten Kriterien, nicht nur die Erhaltung des status quo. Die  kognitiv entwickelteren Arten sind durchaus nicht dadurch zu kennzeichnen, dass sie lebensfähiger sind. Es hätte bei Bakterien oder etwas später bei Ratten bleiben können. Aber es konnte nicht bei ihnen bleiben, weil deren Entwicklung auf diesem Planeten in der Entwicklung der ganzen Natur eingebettet ist. Es handelt sich um einen komplexen Prozess, in welchem sich die Veränderung von einem Faktor, einer Spezies, einem geologischen Vorgang, einem kosmischen Geschehen unmittelbar auf alle – zumindest sehr viele – Bereiche der Natur auswirkt. Keine Art entwickelt sich allein. Die Entwicklung der Arten ist kein linearer Vorgang, der nur im Kontext einer Spezies stattfindet. Die Natur ist ein organisches Gefüge, und entsprechend ist ihre dynamische Evolution.

Und um abschließend auf die Behauptung des Titels zurückzukommen: Eine Theorie der Evolution kann die Natur nur erklären , wenn sie alle genannten Prinzipien in ihre Erklärungen einbezieht. Bleibt sie bei der mechanistischen Deutung stehen, begreift sie weder Natur noch Leben – geschweige die Welt – und ist eine materialistische Ideologie, die nur so lange besteht wie das materialistische Paradigma in der Wissenschaft herrscht.

52 Gedanken zu „Warum Darwins Evolutionstheorie richtig ist und sie die Welt doch nicht erklären kann“

  1. Lieber Gerhard I,

    nach dem vorläufigen Abschluss des ersten Themas möchte ich noch einmal meinen Senf dazu geben. Georg Toepfer hat in angemessenen Worten die Ungereimtheiten des ursprünglichen Ansatzes zurechtgerückt. Es hat sich gezeigt, dass man mit rein philosophischen Argumenten dem Theme nicht gerecht werden kann. Wer unbedingt an übernatürliche Mächte glauben will, dem sei das unbenommen. Wer als (oder mit) Autorität in die Öffentlichkeit wirken möchte, der sollte jedoch umsichtig verfahren. Der Dialog von (Natur-) Wissenschaft und Philosophie wird nicht gefördert, wenn man sich nicht bemüht, in die Sphäre der anderen Fakultät einzudringen. Nun kann dabei niemand auf allen Gebieten in der Breite firm sein. Deshalb bietet es sich an, einzelne Sachverhalte einmal genau zu studieren, um ein Gespür zu bekommen, wie der andere tickt – besser jedoch, zu sehen wie die Natur tickt (vom Proton bis zum homo sapiens). Man nehme sich das winzige Senfkorn vor, aus dem eine ansehnliche Pflanze wird, die wiederum Senfkörner hervorbringt. Weiter schaue man sich näher an, was darinnen vor sich geht, wie eine komplizierte Maschinerie aus physisch gespeicherter Information und mit von außen aufgenommenen Nährstoffen ein Wunderwerk hervorzaubert. Wer stattdessen das Senfkorn nur oberflächlich zur Kenntnis nimmt, der handelt so wie mir es geht, wenn ich vor einem Flugzeug stehe und sage: „Das ist so schwer, das kann bestimmt nicht in der Luft herumfliegen.“

    (Heute auch für Gerhard II als promovierter Laie)

    1. Lieber Herr Lohschelder,

      der promovierte Laie freut sich über seine Erwähnung und stellt fest, dass Ihre und seine Einschätzung des Themas offenbar deckungsgleich sind. Den nichtpromovierten Laien hat meines Erachtens der Bezug zur Alltagssprache gefehlt. Mit dem Begriff „Telos“  kann der normale Bürger nichts anfangen; dagegen ist „Gott“ ein Wort, das in unserer abendländischen Kultur verankert ist, wenngleich die Meinungen, was sich dahinter verbirgt, auseinandergehen. Vereinfacht ausgedrückt gibt es in unserer Gesellschaft drei Gruppen, die zu „Gott“ folgende Einstellungen haben:

      a) Gott ist ein Individuum (Orthodoxe Christen, Kreationisten)

      b) Gott ist eine Kraft (Unorthodoxe Christen, Skeptiker)

      c) Gott gibt es nicht (Atheisten, Agnostiker)

      Über a) müssen wir nicht reden. Über b) können wir endlos reden, weil niemand weiß, worüber er redet (siehe weite Teile dieser Diskussion). Und für c) gibt es eine klare Aussage:

      Die Evolution ist eine temporäre Erscheinung, die durch Zufall auf unserem Planeten entstanden ist und zwangsläufig enden wird; spätestens dann, wenn unsere Erde nicht mehr bewohnbar ist (etwa in 500 Mio. Jahren).

       

  2. Lieber Marko Fuchs,

    ja stimmt, „Unvereinbarkeit“ war nicht ganz korrekt formuliert. Ich kann mich aber nicht erinnern, auf Aristoteles verwiesen zu haben, da müssen Sie mich mit jemand Anderem verwechseln. 

    Aristoteles ontologisiert die Teleologie, und das macht ihn genau dann ungeeignet für die Biologie, wenn sie ihren Blick (d. h. ihr Paradigma oder Welt-Bild) erweitern und sich als „im Dialog mit der Natur“ begreifen will. Ein solches Selbstverständnis der Naturwissenschaft wird aber m. E. spätestens heute dringend notwendig, nämlich wenn wir den Krisen der sich digitalisierenden und globalisierenden Welt überhaupt noch auf Augenhöhe begegnen wollen. Wir müssen zunehmend lernen, mit Situationen zurechtzukommen, „denen es an jeder übergreifenden Ordnung, an jedem Gesamtsinn fehlt“ (Dirk Baecker). Das erfordert (auch aus epistemologischen Gründen!) das Wiedergewinnen des in der Moderne verloren gegangenen Sinns für die – dem rationalen Denken notwendig verborgene – ursprüngliche, nur ästhetisch begründbare Einheit der Erfahrung.

    Dazu braucht es aber Formen des Denkens, die das, was sie ausschließen, zugleich auch immer schon in sich selbst einschließen; und das heißt: eine nicht ontologisierende, selbstreferenzielle, aus klassischer Sicht paradoxe Logik (etwa die polykontexturale Logik Gotthard Günthers oder der Form-Kalkül George Spencer-Browns, beide leider immer noch eher eine Art Geheimtipp).

    In Kants Kritik der Urteilskraft sehe ich diese Logik bereits grundsätzlich angelegt. Das, was Sie, Herr Fuchs, bei Kant als „bloß“ subjektives Als-ob sehen, macht für mich gerade die Größe seines Denkens aus und sein (bisher kaum ausgeschöpftes) Potential für unser digitales Zeitalter. Für Kant lässt sich das Ganze – anders als für Hegel oder auch Marx – nicht mit Mitteln der Vernunft be-greifen. Sein Als-ob (ebenso wie sein Begriff des „übersinnlichen Substrats der Natur“) lässt vielmehr, ähnlich vielleicht wie bei Heidegger, Raum für eine offene, unserem fest-stellenden Beobachten notwendig verborgene Mitte; Raum für einen nicht fest-stellenden, d. h. ästhetischen, den Zufall immer schon einholenden Blick auf Lebendiges und für die sich im Dialog entfaltende schöpferische Einbildungs-Kraft vergesellschafteter Beobachter.
    Dieses offene Kantische Denkmodell ruft heute – angesichts unserer globalen Situation – geradezu danach, die moderne Autopoiesis-Theorie an- oder einzuschließen. Denn diese macht den (bei Kant m. E. implizit schon angelegten) Beobachter (mit seinem unvermeidlichen blinden Fleck) explizit und damit auch eine nicht-klassische Logik.

    Erst so wird überhaupt ein-sichtig,
    dass jeder Operation von Beobachtern implizit und notwendig immer schon ein kommunikativ (d. h.  gesellschaftlich) erzeugtes, rational nicht begründbares Weltbild zugrunde liegt; eben jene verborgene ursprüngliche (nur ästhetisch begründbare) Einheit von Erfahrung. Und:
    – dass unsere Artefakte uns daher als etwas scheinbar Objektives, d. h. unabhängig von unserer gesellschaftlichen Praxis Bestehendes gegenübertreten müssenZu den Artefakten zähle ich dabei nicht nur die Technik, sondern auch die entsprechenden Denkformen einschließlich Mathematik und Logik. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und lässt keine Spur zurück. (Marx, Kapital I, der Austauschprozess).
    Abhängig von der Art, wie wir unser Sprachspiel gestalten, schwingt sich dieses Weltbild immer wieder in seinen entweder destruktiven oder schöpferischen Eigenwert ein.

    Diskussionen wie diese hier sehe ich daher als Teil eines gegenwärtig weltweit laufenden Diskurses, dessen „Teleologie“ es sein könnte (also nicht muss), ein Sprach-Spiel zu entwickeln, mit dem wir die Welt, die wir leben wollen, bewusst im schöpferischen Dialog entwickeln – wenn wir es denn wünschen.

    Lieber Marko Fuchs, ich weiß nicht, ob ich mich jetzt verständlicher ausgedrückt habe. Über ein kurzes Feedback würde ich mich daher freuen.

    Mit herzlichem Gruß
    Franz Friczewski

  3. Lieber Gerhard,

    Dein Projekt finde ich absolut spannend und wünsche dir damit auch weiterhin gutes Gelingen, nicht zuletzt auch in Hinsicht auf die Beteiligung von Nicht-Fachleuten an den Diskussionen! Ich habe mir deine Diskussion mit Georg Toepfer zu Darwin und der Evolutionstheorie durchgelesen und mich gefreut, dass es hierauf auch ein paar Reaktionen von ‚außerhalb‘ gab. Aus meiner Tätigkeit für die FGPh weiß ich, wie schwer es ist, für solche Themen ein breiteres Publikum zu gewinnen.

    Die Diskussion mit Toepfer war für mich auch deswegen von Interesse, weil ich mit Kollegin Wienmeister derzeit an der Herausgabe eines Bandes mit Beiträgen zum Thema ‚Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles‘ arbeite. Da geht es besonders um das Problem, ob und wie Moralität mit einer Evolutionstheorie Darwinscher Prägung verbunden werden kann, ohne Moral sozusagen auf Biologie zu ‚reduzieren‘. Übrigens ist dort auch Herr Toepfer mit einem Text vertreten. Wenn du magst, schicke ich dir den Open-Access-Link, sobald der Band veröffentlicht ist. Für deine Diskussion mit Toepfer könnte hier auch der Beitrag von Gabriele De Anna interessant sein, der im Rückgriff auf E. Gilson dafür argumentiert, dass Teleologie einerseits ein zentrales Merkmal des Lebens, andererseits aber gerade nicht mit Hilfe der Evolutionstheorie erklärbar ist. De Annas Konsequenz daraus ist übrigens nicht die von Thomas Nagel, der ja in Mind and Cosmos meint, man müsse eine Art neue, am deutschen Idealismus orientierte allumfassende (panpsychische) Naturwissenschaft entwerfen, die dann Teleologie von vornherein irgendwie eingebaut hat, sondern vielmehr eine an Aristoteles orientierte systematische Unterscheidung von (biologischer) Naturwissenschaft und Philosophie der Biologie.

    Nebenbei: Ich finde an Toepfers Antwort v.a. zweierlei irritierend.

    Erstens: Es ist doch ein Unterschied, ob man feststellt, wie besonders Systembiologen heute miteinander de facto theoretisieren, oder ob man sich fragt, ob diese Art des Theoretisierens philosophisch eigentlich zulässig ist. Wenn ich richtig gesehen habe, bewegen sich Toepfers Einwände allesamt auf der Ebene: ‚Heute reden wir in der Biologie so und so darüber‚. Das mag ja sein, ist aber kein Argument.

    Zweitens: Wieso rekurrieren die Menschen eigentlich immer auf Kant, wenn sie Teleologie oder Teleonomie in die Evolutionstheorie einbauen wollen? Denn egal, wie man es dreht: Es scheint mir doch, dass man Teleologie und Teleonomie dann immer bloß als eine ‚Als-ob-Bestimmung‘ bekommt. Und das wiederum scheint mir nicht dasjenige zu sein, was eine evolutionsbiologische Erklärung zu liefern beansprucht.

    Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Lektionen!

    Dank übrigens auch an Herrn Gürtler für den Hinweis auf das Interview mit Galen Strawson. Sehr spannend, was gerade in der analytischen Philosophie diskutiert wird.

    Herzliche Grüße,

    Marko

    1. Lieber Marko,

      da Sie die Beteiligung von Nicht-Fachleuten ausdrücklich begrüßen, fühle ich mich als Nicht-Fachmann angesprochen. Bislang bin ich der einzige Laie, der sich hier zu Wort gemeldet hat. Außer den beiden Protagonisten Gerhard Stamer und Klaus Gürtler gibt es ansonsten noch 8 Personen, die Beiträge und Kommentare zum Thema Darwin geschrieben haben. Wenn ich das richtig sehe, haben fast alle promoviert und verdienen ihren Lebensunterhalt mehr oder weniger mit der Philosophie.

      Damit ist das eingetreten, was Gerhard Stamer nicht wollte, nämlich eine Diskussion unter Experten. Wenn tatsächlich ein breiteres Publikum gewonnen werden soll, muss sich bei den nächsten Themen etwas ändern. Die Teilnahme von Experten halte ich durchaus für hilfreich, aber die müssen von ihrem Thron herunterkommen. Dazu gehören eine Sprache, die Nicht-Fachleute verstehen, und die Reduzierung ihrer Kommentare auf das Wesentliche. Dies ist ein Blog, keine Universität. Mir ist ein Philosoph lieber, der klipp und klar sagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“, als einer, der sich seitenlang in Satzgirlanden verliert, nur um den anderen Experten zu beweisen, dass er noch ein bisschen schlauer ist.

      1. Lieber Gerhard II,

        ich bin natürlich Ihrer Meinung, dass es eine Tugend ist, sich nicht wortreicher als nötig und vor allem mit dem Bemühen um Allgemeinverständlichkeit zu äußern. Aber mir ist noch nicht ganz klar, wie genau Sie eigentlich das Problem beschreiben würden, das die Beteiligung einer breiteren Öffentlichkeit an der vorliegenden Diskussion behindert, und welche Verbesserungen Sie entsprechend für die kommenden Lektionen einklagen würden. Sehen Sie das Grundübel bereits bei Gerhard Stamers eröffnender Lektion selbst, würden sie also sagen, dass schon diese sich zu sehr im Fachjargon bewegt, und muss also Herr Stamer da zukünftig etwas ändern? Oder beginnt das Problem Ihrer Meinung nach erst bei den Kommentatoren?

        1. Lieber Marko,

          das Problem ist offensichtlich: Ich bin bislang der einzige Laie, der sich in dieses Projekt eingebracht hat, obwohl Gerhard Stamer öffentlich (h1-Fernsehen) dazu aufgerufen hatte, dass sich möglichst viele Menschen und ausdrücklich keine Experten daran beteiligen mögen. Wir wissen, alles ist relativ, aber nur ein Mensch, der sich angesprochen fühlt, ist verdammt wenig. Jeder Marketingexperte würde sich die Frage nach der Ursache für die magere Resonanz stellen. Es gibt mehrere Antworten; die wichtigste bezieht sich auf die Allgemeinverständlichkeit. Die beginnt mit der Sprache.

          Prof. Dr. phil. Wilhelm Vossenkuhl hat ein Buch geschrieben, das er „Philosophie für die Westentasche“ nennt. Im Vorwort schreibt er, dass er auf fachliche Stichwörter, die großen Problementwürfe und die Namen von philosophischen Autoren und Epochen verzichtet. Daran hat er sich gehalten. Das Buch ist verständlich. Er hat es für interessierte Laien geschrieben, also für die Klientel, die Gerhard Stamer in seinem Interview genannt hat. Nun steht in meinem Bücherregal auch die „Minima Moralia“ von Adorno. Manchmal blättere ich darin und mache mir meinen Reim. Aber mit dieser Sprache lässt sich kein Mensch erreichen, es sei denn, er ist Philosophiestudent.

          Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider hat in einem seiner Bücher eine 20-Sekunden-Regel aufgestellt. Wenn es der Schreiber binnen dieser Zeit nicht geschafft hat, seinen Leser zu fesseln, kann er sicher sein, dass sich dieser gelangweilt abwendet. Aber wer schreibt, möchte doch Leser haben! Philosophen etwa nicht!? Wolf Schneider geht übrigens davon aus, dass im Zeitalter des Internets nur noch Schulaufsätze, Diplomarbeiten und Erpresserbriefe zu Ende gelesen werden. Bei Liebesbriefen macht er bereits Ausnahmen.

          Das Grundübel ist der Fachjargon. Der beginnt mit der eröffnenden Lektion und wird durch die Kommentare noch getoppt. Ich habe wirklich nichts gegen Fachausdrücke (mir sind die meisten geläufig), die dürfen gern benutzt werden, aber bitte sparsam und dem Publikum angemessen. Und das alte deutsche Sprichwort: „In der Kürze liegt die Würze“, hat nichts von seiner Berechtigung verloren. – Mittlerweile habe ich Zweifel, ob Gerhard Stamer wirklich „die Menschen“ erreichen will, oder ob er sich im Kreis der Experten wohler fühlt. Ich fände das schade. Unter Philosophie verstehe ich vor allem die Anleitung zum eigenständigen Denken. Dafür kann nicht genug Werbung gemacht werden.

    2. Lieber Marko Fuchs,

      Sie sehen eine Unvereinbarkeit des „Als-ob“ der Teleologie Kants mit den Anforderungen an evolutionsbiologische Erklärungen.  Ich schlage eine andere Sichtweise vor: Wenn die (Evolutions-)Biologie ihre Perspektive erweitern und (im Sinne von Prigogine) in einen Dialog mit der Natur eintreten will, dann ist genau dieses  „Als-ob“ mit dem ihm zugrunde liegenden  interesse- und begriffslosen, den Zufall immer schon überholenden und  daher die Einheit der Erfahrung ermöglichenden  Blick gefordert.

      1. Lieber Franz Friczewski,
         
        ich muss gestehen, dass ich Ihre Antwort nicht ganz verstanden habe. In meinem eigenen Kommentar zu Kant ging es mir lediglich um die Feststellung, dass das Kantische Als-ob die Zweckhaftigkeit eines Organismus nicht als dessen objektive Eigenschaft auffasst, sondern letztlich bloß als eine Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnisvermögen. Und das scheint mir doch etwas wenig zu sein, wenn auch nicht ‚unvereinbar‘ mit dem Versuch, Teleologie oder Teleonomie in die Evolutionsbiologie zu integrieren, was ich ja auch nicht behauptet habe. Übrigens weisen Sie ja selbst in einem früheren Eintrag auf Aristoteles hin. Dessen Naturbegriff mit seiner eingebauten Vollendungsstruktur ist alles andere als ein bloß subjektives Als-ob, und dies ist auch einer der zahlreichen Punkte, wo sich Kant und Aristoteles, wie ich denke, ganz grundlegend unterscheiden. Auch Thomas Nagel bezieht sich in Mind and Cosmos aus guten Gründen auf Schelling und Hegel anstatt auf Kant.

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