Warum Aufklärung nicht Negation der Religion bedeutet

Zunächst möchte ich die These der 10. und letzten Lektion der Frageform aller anderen Lektionen anpassen. Daher soll sie folgendermaßen heißen:

Warum die Inhalte der Religion nicht bewiesen werden können und sie dennoch Wirklichkeit besitzt.

Im Zuge der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert schien vielen bedeutenden Denkern die Religion als zugehörig zu einer Epoche, in der die Menschheit noch einer unrealistischen, illusionären – eben nicht aufgeklärten – Weltanschauung anhing, die jetzt endlich überwunden wurde.

 Voltaire schmetterte der Kirche sein Écrasez l’infâme! entgegen. Für Materialisten und Empiristen bot die Religion ohnehin keinen wissenschaftlichen Gegenstand. Gott war, wie bereits Kant in der Kritik der reinen Vernunft dargelegt hatte, keines Beweises fähig. Was nur auf Glauben und nicht auf Wissen beruhte, verlor die Anerkennung als Bestandteil der physischen, realen Welt. Dennoch – oder gerade deswegen – blieb die Religion als kulturelles Phänomen erklärungsbedürftig. Ludwig Feuerbach schien die Erklärung dann zu liefern, indem er Gott als eine Projektion der menschlichen Vernunft ansah. Die Schöpfung wurde umgewendet: Nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch Gott. Diesen Gedanken nahm Karl Marx in sein Theorem der Entfremdung auf.
Er sah zumindest für solch aufgeklärtes Land wie Deutschland „die Kritik der Religion im wesentlichen“ als beendigt an, worin für ihn ein wesentlicher Fortschritt bestand, denn „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ Eine neue Zeit schien angebrochen zu sein, die für Marx praktisch in Angriff genommen werden musste: „Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ Der Durchbruch zur Kritik der politischen Ökonomie, also des Kapitals, war damit geschehen.

Marx sah die Religion als ein Phänomen der Entfremdung an. Das Gegenteil davon ist die Vorstellung, dass die Religion der Ausdruck für die Menschlichkeit des Universums ist. In den Ritualen zur Verehrung Gottes bekunden die Menschen ihre Ergriffenheit angesichts dessen, dass das ist, was ist. Sie erfassen, dass alles, was in der Unendlichkeit des Universums ist, die Bedingung der Möglichkeit der eigenen Existenz darstellt. Es ist das intuitive Bewusstsein, dass die eigene Existenz mit den Sinnen und allen Organen eine Entsprechung zum Universums ist. Es ist Ausdruck einer Empfindung, die in Worten wie Demut und Gnade, aber eben auch in moralischen Regungen sich manifestiert. Das Wort Schöpfung, die im Menschen seinen Abschluss findet, drückt die Verankerung des Menschlichen in dem Gewordensein der Strukturen des Universums von Anfang an aus. Gott ist die Chiffre für die Menschlichkeit des Universums, was in anthropozentrischen Darstellungen Gottes zur Anschauung gelangt, aber auch in Gestalt des Gottessohnes, die als Offenbarung Gottes verstanden wird.
Von daher lässt sich die Konsequenz ziehen: Die Negation Gottes ist der Verlust der Menschlichkeit des Universums. Der Mensch vermag sich nicht mehr abzubilden im Universum. Er verliert die Menschlichkeit, die im Zusammenhang mit dem Kosmos steht. Er verliert die Dimension der Zugehörigkeit zur Unendlichkeit. Er sinkt aufs Endliche herab – und das heisst auf das Materielle, Zufällige. Er ist nur noch ein Einzelnes hier und jetzt und nicht mehr ein Einzelnes, in welchem sich das Ganze des Kosmos zum Ausdruck gebracht hat.

Zur Zeit von Marx mochte man die Religion berechtigt als Entfremdung angesehen haben, was Religion prinzipiell auch sein kann und historisch auch war, aber man schüttete das Kind mit dem Bade aus. Anstatt die Herrschaft der Kirche zu negieren, dachte Marx an die Aufhebung der Religion insgesamt. Für ihn war die Aufhebung der Entfremdung die Rückkehr des Menschen zu seiner wirklichen, irdischen Existenz und deren Bedingungen. eine Aufhebung der Selbsttäuschung, die dem Elend entsprang und Opium des Volks war. Marx hatte zu seiner Zeit offensichtlich nicht durchschauen können, dass der Mensch damit das Bewusstsein seiner Einzigartigkeit in der gesamten Naturgeschichte und im uns bekannten Kosmos verliert. Die Aufhebung der Entfremdung produziert damit eine neue Form der Entfremdung.

Die psychologische Deutung, die sich in dem Satz ausdrückt, dass Religion „Opium des Volks“ sei, lenkt den Blick davon ab, dass die menschliche Erkenntnis prinzipiell das sinnlich Erfassbare, das im weitesten Sinne Empirische überschreiten können muss, um in diesen imaginären Raum hinein tröstende Vorstellungen sich einzubilden. Ohne diese Fähigkeit, das Endliche, in Raum und Zeit Gegebene zu transzendieren, würde die menschliche Erkenntnis nur im Bereich der Bedürfnisbefriedigung, der Fortpflanzung und der Selbsterhaltung, letzten Endes des Animalischen beschränkt und gefangen bleiben. Der menschliche Verstand kann aber weit darüber hinausgehen und so etwas wie den Urknall thematisieren. Er kann vollkommen gelöst von den Gesichtspunkten der Selbsterhaltung in einer Einstellung theoretischer, objektiver Erkenntnis Schlussfolgerungen ziehen, die keine Beziehung zu seiner individuellen Existenz haben. Ohne diese Fähigkeit gäbe es keine Theorie. Die Theorie stellt die Dimension dar, in der sich diese Objektivität realisiert. Ohne Geringschätzung der Ebene des Empirischen und des Physischen – auch des Lebendigen und anderer menschlicher Dimensionen – lässt sich sagen, dass ohne die Fähigkeit zur Objektivität, die selbst in einem langen historischen Prozess erworben wurde, die spezifische menschliche Existenz nicht möglich wäre. Die Naturwissenschaft selbst erlangt kein Selbstbewusstsein ihrer Tätigkeit, wenn sie sich dessen nicht vergewissert.

Es soll und kann nicht geleugnet werden, welche abscheulichen Verbrechen das Christentum (sprechen wir gar nicht von anderen Religionen) verübt hat, in den Kreuzzügen, in der Eroberung Südamerikas, in der Inquisition gegen die Herätiker, in den Hexenverfolgungen und allen Formen der Intoleranz. Aber die Tatsache, dass menschliche Möglichkeiten nicht zur Entfaltung der Menschlichkeit gebraucht werden können – und historisch auch nicht gebraucht wurden –, sondern zu Grausamkeit, Gewalt und Entwürdigung, negiert nicht diese Möglichkeiten. Der Sinn der Humanität besteht gerade darin, die menschlichen Potentiale zu einer freiheitlichen, friedlichen und gerechten Gemeinsamkeit zu entwickeln. Dies ist keine Utopie, sondern basiert auf den Kräften, die den Menschen innewohnen, d.h. auf einer dynamischen, zur Verwirklichung drängenden Realität, die einen unendlich langen Atem hat, was in allen möglichen historischen Situationen unterschätzt wurde.

Der Sinn der Freiheit ist die Freiheit und nicht deren Gebrauch zur Versklavung anderer Menschen oder gar der ganzen eigenen Gattung.

2 Gedanken zu „Warum Aufklärung nicht Negation der Religion bedeutet“

  1. Lieber Gerhard, lieber Klaus,

    hoffentlich fasse ich Eure Beiträge richtig zusammen, wenn ich sage, dass nach Gerhard Religion die Möglichkeit bietet, das zu übersteigen, was Schopenhauer die „Zuchthausarbeit des Willens“ und Marx „entfremdete Arbeit“ nannten. Klaus hatte, so habe ich es aufgefasst, in der Religion eine Privatidylle gesehen,    welche man tun und ebensogut auch lassen kann.

    Kant, der Aufklärer schlechthin, hatte sich von der „dogmatischen Anmassung“ der mittleren Epoche abgestoßen, nachdem Anselm aus dem Begriff der göttlichen Vollkommenheit die Notwendigkeit seiner realen Existenz als erwiesen ansah. In der Lehre vom „Höchsten Gut“ als der Vereinigung von Sittlichkeit und Glückseligkeit ist die Idee der göttlichen Vollkommenheit ausgesprochen, welche erforderlich ist, um dem menschlichen Strebevermögen eine Richtung auf das Gute hin zu geben. Gott ist so eine moralische Forderung, nicht aber eine apodiktische Gewissheit.

    Für Hegel ist die Religion „das Wissen des endlichen Geistes von seinem Wesen als absoluter Geist“. Zum „uneingeschränkten Allgemeinen“ kommt der endliche Mensch über die Religion in der Zeit in ein Verhältnis. Der Mensch ist sowohl vorstellend als auch denkend. Es ist derselbe Gegenstand, zu welchem sich die Philosophie in der Weise des Denkens und die Religion in der Weise des Vorstellen verhält. Die Dialektik der Dreieinigkeit schaut die Religion in dem natürlichen Verhältnis von Vater und Sohn an, welche über den Geist in ihrer Differenz zugleich eins bleiben.

    Auch für Fichte ist das Selbstbewusstsein die Offenbarung Gottes. So hatte er den Prolog zum Johannesevangelium „am Anfang war das Wort.. “ ausgelegt.

    Das Bild, wonach Marx „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ habe, hat mir gut gefallen. Die Frage ist hier, ob nicht auch die marxistische Lehre religiöse Elemente enthält. Anselm hatte aus dem Begriff der göttlichen Vollkommenheit auf seine reale Existenz geschlossen. Marx hatte von seiner apriorischen Geschichtskonstruktion ausgehend auf das reale Ereignis der kommunistischen Endgesellschaft in der Zukunft geschlossen, nachdem die notwendigen geschichtlichen Epochen durchlaufen sind. Ganz in platonische Tradition steht er in dem, was Nietzsche den „sokratischen Optimismus“ nannte: Das Dasein der Welt ist auf eine Erlösung hin angelegt. Zu Recht hatte Marx die christliche Lehre, wonach Gott die Welt nach seinem Ebenbild geschaffen hatte, in eine diesseitige Forderung verwandelt. Der Mensch möge sich in seiner Arbeit wiederentdecken. Entfremdete Arbeit möge aufgehoben werden.

    Religion und Aufklärung ist hier das Thema, man könnte auch sagen: Religion und Freiheit.

    Für Schiller war diese Verbindung am glücklichsten in der griechischen Antike eingetreten (Über die ästhetische Erziehung des Menschen). Um Ethos sind Tun und Sollen noch dasselbe. Die jeweilige geographische Lage brachte kulturelle Besonderheiten hervor, denen ein konfessionsgebundener Glaube übergestülpt wurde. Hier wurde die Religion instrumentalisiert, um Herrschaftsinteressen und Herrschaftsgebiete abzugrenzen und zu sichern. Die Entstehungsgeschichte und der Verlauf des 30-jährigen Krieges legen hierüber ein beredtes Zeugnis ab. Zugleich wurde der Genuss von der Arbeit getrennt. Jeweils nur an ein Bruchstück seines Wesens gefesselt konnte der Mensch die Einheit seines Wesens nicht mehr entfalten. Kultur hatte die Einheit des Wesens zerstört, eine höhere Kultur soll sie wiedergewinnen.

    Wie die Kunst, so eröffnet auch die Religion die Möglichkeit der Erfahrung der Freiheit. Denn hier besteht weder eine Bindung an den starren Reiz-Reaktionsmechanismus noch eine Abhängigkeit von bloss sinnlich Gegebenen. Die Kunst gestaltet die hervorgebrachten Formen frei, gleichwohl aber in der Weise, dass sie von der Mitwelt wahrgenommen werden. Der Mensch kommt so dazu, die Zeit in der Zeit aufzuheben.

    Eine Religion, die wie die Kunst an freie, schöpferische Fähigkeiten erinnert ist nicht nur mit der Aufklärung vereinbar, sondern eine in der Tradition der Aufklärung hervorgebrachte lebende Gestalt.

  2. Religion ist nicht irgendetwas, was sich Philosophen ausdenken können. Religion – oder besser: Religionen – sind ein geistiges und materielles Faktum. Dieses ist zur Kenntnis zu nehmen. Und was man da zur Kenntnis nehmen muss, ist unrettbar antiaufklärerisch.

    Lieber Gerhard, die Religion, mit der du dich versöhnen willst, gibt es nicht. Jedenfalls nicht offiziell. Allenfalls gibt es aufgeklärte Menschen, die sich so weit von ihrer jeweiligen Religion emanzipiert haben, dass sie dir zuzustimmen vermögen. Sie werden immer mehr. Viele treten aus den Kirchen aus; manche bleiben auch drinnen, weil sie die Gemeinschaft und das Ritual schätzen. Beide Gruppen sind die besten Garanten der Religionsfreiheit – Freiheit mit und ohne Religion.

    Beginnen wir bei Gott oder den Göttern: Die Vorstellung eines oder mehrerer personaler – allmächtiger oder (im Konflikt mit anderen Göttern) teilmächtiger – externer Beweger des Welt- und Lebensgeschehens ist fundamentaler Bestandteil des weltweiten Volksglaubens. Hierzu passt die Bedeutung des Gottesdienstes und des Gebets als (heimliche, listige oder arglistige?) Absicht, durch rituell-demonstrative Unterwerfung, Bestechung oder Verhandlung eine wohltätige Ausnahmeregelung vom absehbaren Schicksal zu erlangen – durchaus auch unter günstiger Aussetzung von Natur- und Menschengesetzen: „Ich bitte dich, St. Florian, beschütz’ mein Haus, zünd’ andere an!“

    Dazu gehören diese ganzen heimeligen, absurden, verrückten Erzählungen, die die ‚heiligen Bücher‘ enthalten. Schon das Juden- und Christentum formuliert klarsichtig die Aufklärung zur Erbsünde (‚Baum der Erkenntnis‘), zwei Jahrtausende vor ihrer Erfindung. Von dort aus ist der Feind klar identifiziert und über Jahrhunderte konsequent bekämpft worden. Es besteht also kein Grund zur Milde.

    Natürlich ist dieser Ritus gemeinschaftsbildend. Er definiert jedoch nur Innen und Außen und grenzt andere Riten und Gemeinschaften radikal aus. Ist das Erste Gebot des Christen- und Judentums – das in den meisten Religionen Entsprechungen hat – wirklich irgendwie sittlich? ‚Mischehe‘ ist keine Nazi-Vokabel, sondern ein kirchenrechtliches Verdikt. Erst unter dem massiven Druck der Kirchenflucht der letzten 40 Jahre lockert sich die Abgrenzung.

    Christus hat uns von der Sünde erlöst; das war sicher eine befreiende Botschaft. Dazu musste im Judentum die Erbsünde aber erstmal in die Hirne gehämmert werden. Andere Religionen kommen ohne sie aus. Z.B. vertritt der oft gescholtene Islam ein sehr individualisiertes Konzept von Sünde (wenngleich der fromme Moslem angesichts der absurden Regelungswut seiner Religion kaum sündenfrei leben kann). Auch das gesamte chinesische Denken – ob von Kong Zi oder von Lao Zi – räumt der Schuld eine nur individualisierte Bedeutung bei. Dem kann man – ob nun mit Kant oder mit dem StGB – durchaus folgen, ohne dass daraus religiöse Konsequenzen abzuleiten wären.

    Klar: Das große, ganze Eine kann nicht – nie und nimmer – gewusst werden. Kant hat das gültig formuliert. Wissen können wir immer nur Einzelnes und das daraus abgeleitete Allgemeine (was beileibe nicht das Eine ist): Gesetze, die durch nur einen Gegenbeweis falsifiziert werden können, daraufhin erweitert, neu formuliert werden müssen. Bis sie wieder falsifiziert werden. Ad infinitum.

    Unser Wissen wächst exponential. Es wird jedoch nie das Eine erreichen. Ist Religion daher unwiderlegbar? Wie man’s nimmt.

    Es gibt da das scholastische ‚Schildkröten-Problem‘ in der Mathematik, zuerst von Zenon von Elea formuliert: Kann Achilles eine Schildkröte überholen, der er einen Vorsprung gegeben hat? Zenon meint listig: Nein. Denn immer, wenn Achilles die Schildkröte scheinbar eingeholt hat, ist sie schon ein Weniges weiter gelaufen und so fort.

    Wirklich gelöst wurde dieses Problem erst durch die Differenzialrechnung. Natürlich überholt Achilles die Schildkröte; das wusste auch Zenon. Und alle konkreten Aussagen der Religionen zu Lebenssinn, Ethik und Moral sind ebenfalls überholt. Beweisen kann ich es aber nicht. Das ist vielleicht auch gut so, es bewahrt vor Glaubenskriegen und Arroganz. Mag jeder nach seiner Façon selig werden, ich achte und respektiere ihn, so lange er mich nicht behelligt.

    Vieles ist ja auch gut und richtig: Das christliche Prinzip der Nächsten- und Eigenliebe, das islamische Gebot der Barmherzigkeit, die buddhistische und taoistische Betonung der Einheit mit der Natur, ja, auch der protestantische und konfuzianische Wille zu Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin. Religionen sind nicht nur das Opium des Volkes, sondern – in ihren besten Bestandteilen – das historische Selbstgefühl der großen Einheit von Mensch und Natur.

    Selbstgefühl ist jedoch kein Selbstbewusstsein. Die Aufklärung gipfelt zunächst in der Erklärung der universellen Menschenrechte – daraus lässt sich ein gutes Handeln beschreiben, das ohne jegliche Trennung jeden einzelnen Menschen dieser wunderbaren Welt anspricht und mich und alle moralisch bindet. Was noch weitgehend fehlt – und woran die lebenden Generationen arbeiten – ist die Ausweitung der Ethik auf die belebte und unbelebte Natur, deren respektvolle Erhaltung ebenfalls Rechtsrang erheischt.

    Ich brauche dafür keinen Glauben. Ich muss nicht das Eine wissen, aber ich weiß, dass es da ist und ich ein Teil davon bin. Daran orientiere ich mein Handeln. Ich bin deswegen nicht religiös.

    Die Differenz zwischen dem Wissen der Menschheit und dem Einen taugt nicht mehr zur Begründung einer Religion.

    Wir wissen genug, um eine freie und friedliche Entwicklung der Menschheit erreichen zu können. Wir wissen auch schon längst genug, um mit der Natur im Einklang zu leben. Das Wissen ist nicht das Problem; das Problem ist der starke (durch Klasseninteressen bestimmte) Konflikt, dieses Wissen als politische Maxime durchzusetzen. Religionen zeigten sich auf diesem Weg eher als Problem denn als Lösung. Die Kreationisten gehören zur religiösen Familie. Und ein Franziskus macht noch keinen Sommer …

    Und unser Band zum Einen? Gerhard, wir sprachen vor einiger Zeit über den Begriff Ehrfurcht. Ein schillerndes Wort, das die Unterwerfung unter etwas Bedrohliches und zugleich Bewundernswertes begreift. Du meintest, es habe unbedingt einen religiösen Kontext. Und ich wunderte mich, weil ich das Wort hin und wieder nutze, ohne einen solchen zu denken.

    Es drückt zunächst unser Verhältnis zur Natur aus. Es könnte ein schwärmerisches, genießendes oder auch kontemplatives Staunen vor dem Naturschönen meinen oder auch ein wachsendes Gefühl der Kleinheit oder Winzigkeit – je mehr wir die menschengeformte heimelige Kulturlandschaft verlassen und uns ins unbeherrschte Wilde, in lebensfeindliche Umwelten vorwagen. Ja, und der Blick in die unfassbaren Weiten des Alls verlässt wirklich jede menschliche Größe.

    Und wenn die Natur in Bewegung kommt, wird diese geahnte Machtlosigkeit zur tödlichen Gewissheit. Doch wie das? Das Erdbeben von Lissabon 1755 – bis heute die schwerste Naturkatastrophe, die Europa traf – führte nicht zum Anwachsen religiöser Ehrfurcht, sondern zu einer schweren Krise der Religion. Die postulierte Allmacht Gottes entblößte sich plötzlich als kindliche Allmachtsphantasie der Menschheit. Auch eine pantheistische Vergöttlichung der Welt, wie sie Spinoza entwickelt hatte, hilft hier nicht weiter. Die völlige Gleichgültigkeit des personalen oder des spinozeischen Gottes gegenüber dem Schicksal des Menschen macht ihn zu einer moralischen Null – aber anders, als Epikur dies noch gesehen hatte. Der hatte die Götter in eine wirkungslose Sphäre der Super-Erhabenheit exkulpiert.

    Die Welt – ein zufälliger, unbeeinflussbarer Zusammenhang, gleichgültig gegenüber menschlichen Schicksalen und Plänen. Ehrfurcht ist hier mehr Furcht als Ehre. Sie meint nur noch Respekt, aber keine Verehrung.
     

    Ich dich ehren? Wofür?
    Hast du die Schmerzen gelindert
    Je des Beladenen?
    Hast du die Tränen gestillet
    Je des Geängsteten?

     
    Und dann gibt es diese Ehrfurcht vor den Schöpfungen der eigenen Gattung. Du betrittst einen Dom – Stein gewordene Metaphysik. Du hörst Musik von Bach oder Beethoven oder Hendrix und wirst zu Tränen gerührt. Vor dem Isenheimer Altar kann ich zu Boden sinken. Matthias Grünewald, der dies Werk zum Lobe Gottes geschaffen hat, würde meine Motive blasphemisch finden, aber da kann ich ihm nicht helfen. Es sind Werke wie seines, die alle unsere Fähigkeiten zu bündeln und zu überhöhen scheinen. Ja, göttlich sind sie, aber so irdisch wie die Götter selbst.

    Ehrfurcht ist hier mehr Ehre als Furcht. Die einzige Furcht, die ich angesichts dieser Solitäre der Schönheit und Erhabenheit empfinde, ist die Ahnung, dass ich selbst so etwas nicht hinbekommen werde. Damit kann ich leben. Ich bin schon glücklich, dies alles – mit immer geringeren Grenzen in Raum und Zeit – erleben und genießen zu können.
     

    Hier sitz‘ ich, forme Menschen
    Nach meinem Bilde,
    Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
    Zu leiden, weinen,
    Genießen und zu freuen sich,
    Und dein nicht zu achten,
    Wie ich!
    Goethe, Prometheus

     
    Und noch etwas:

    Tatsächlich leben wir heute in der besten aller Welten. Nie lebten Menschen länger, nie kamen weniger Menschen durch Gewalt ums Leben, nie hungerten weniger Menschen. Ja, und wir könnten, wenn wir denn wollten, erdbebensichere Häuser bauen. Und an all dem arbeiten wir alle, auch wenn ich keine Neunte Symphonie komponieren kann. Das macht mich stolz und glücklich. Unsere Welt ist ein Resultat der Aufklärung. Religion brauche ich dafür nicht.

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