Warum alles relativ ist und es dennoch das Absolute, das Bleibende im Wandel gibt

Wenn vom Absoluten die Rede ist, ist von Gott die Rede. Normalerweise. Aber hier nicht. Das Absolute ist der Gegensatz zum Relativen, mehr nicht. Der Begriff muss nicht aufgeladen werden, so dass er seinen Sinn nur im Religiösen besitzt. Als Gegensatz zum Relativen hat das Absolute Anspruch auf Geltung im Bereich des Wirklichen. Absolut ist das Bleibende am Wandel. Das gibt es.

Wenn vom Absoluten die Rede ist, ist von Gott die Rede. Normalerweise. Aber hier nicht. Das Absolute ist der Gegensatz zum Relativen, mehr nicht. Der Begriff muss nicht aufgeladen werden, so dass er seinen Sinn nur im Religiösen besitzt. Als Gegensatz zum Relativen hat das Absolute Anspruch auf Geltung im Bereich des Wirklichen. Absolut ist das Bleibende am Wandel. Das gibt es.

Was ist das Bleibende im Wandel? „Alles ist relativ“, ist eine unentwegt gebrauchte Floskel. Und Heraklit wird zitiert, fast so fließend wie das Zitat: „Alles fließt.“ Außerdem begegnet man oft einer emotionalen Abneigung gegen irgendetwas Absolutes. Wer vom Absoluten spricht, scheint ein Dogmatiker zu sein, ein autoritärer Charakter, einer, der für starke Hierarchien eintritt, also einer, der noch nicht in die postmoderne oder postfaktische Epoche eingetreten ist. Auch Verbissenheit und Verkrampftheit sind die Assoziationen, die oft mit dem Absoluten verbunden werden. Oder es handelt sich doch um einen radikal Konservativen, der von Gott als dem Absoluten redet; und sei es auch im Sinne des Aristoteles als dem „unbewegten Beweger“.

Aber wenn nun weder in autoritärer noch religiöser Weise vom Absoluten die Rede sein soll, sondern ganz unspektakulär und sachlich als offene Frage: Was kann als Bleibendes im Wandel angesehen werden: im Wandel der Geschichte, der Natur, des Lebens und der Gestirne, ja, des ganzen Kosmos? Was ist bleibend? Fragen wir das so naiv wir können und so reflektiert wir können.

Vorausgesetzt ist, dass wir in der Dimension bleiben, in welcher wir als Menschen existieren. Diese Sichtweise besitzt paradigmatische Relevanz. Nenne ich diese Dimension Humansphäre. Die Humansphäre ist erkenntnistheoretisch das, was die Lebenswelt mehr soziologisch ist. Ganz im Sinne der Evolutionstheorie (nicht ganz nach Darwin) gehe ich davon aus, dass die menschliche Gattung als die mental entwickeltste aus der Naturgeschichte hervorgegangen ist und damit als ein solches Produkt eine höchst qualitative Realisierung und Objektivierung der Natur selbst darstellt. Dass in der Natur Geist zu allen Zeiten wirksam war, kommt im Menschen zum Ausdruck, zur Erscheinung, egal wie man es ausdrückt. Es ist, als würde im Menschen die ganze Natur wie eine Knospe aufgehen. Was bislang nur ein Inneres war, bekommt plötzlich äußere Repräsentanz. Oder mit den Worten Schellings: Im Menschen schlägt die Natur die Augen auf. Diese Dimension ist damit auch der natürliche Ausgangspunkt für alle Weltbetrachtung und Welterkenntnis dieser Gattung. Das heisst auch, dass wir für die Bestimmung dessen, was wir in historischer Hinsicht menschliche Gattung nennen, die epochale Zeitspanne seit ca. 800 bis 200 v. Chr. annehmen, die also mit der Achsenzeit (Jaspers prägte diesen Ausdruck in Vom Ursprung und Ziel der Geschichte) begann.

Ich würde in einem ersten Anlauf drei Beispiele nennen, die für diese Dimension kennzeichnend sind:

  • Erstens, den Satz des Pythagoras.
  • Zweitens, das archimedische Prinzip.
  • Drittens, den kategorischen Imperativ Kants.

Das erste Beispiel ist mathematisch, das zweite naturwissenschaftlich, das dritte moralisch.

Sicherlich ist es gewagt, diese Behauptungen aufzustellen. Aber ich stelle sie auf. Wobei ich natürlich einschränkend sagen muss, dass ich hiermit nur skizzenhaft die Thematik anspreche, wie überhaupt in allen diesen Lektionen. Jede könnte – müsste – als Buch ausgearbeitet werden. Aber ich bin unterwegs, und so komme ich gerade noch dazu, Markierungszeichen aufzuzeichnen, auf einem Weg zu einer neuen Sichtweise, einer neuen Deutung der Wirklichkeit, die sich in der Gegenwart aufdrängt. Und wenn nur für mich.

A

Dass der Satz des Pythagoras nur in einer bestimmten Mathematik gilt, also nur unter bestimmten Bedingungen, widerspricht nicht meiner Ausgangsvoraussetzung: für die Welt der Menschen, in der sich unser Leben abspielt. Er galt offensichtlich 500 Jahre vor Christus und gilt ebenso 2000 Jahre danach. Er ist ein Bleibendes im Wandel. Bis heute dreht sich die Diskussion um die platonische Deutung der Mathematik. Und nach wie vor ist auch dies die relevante Position. Strukturalismus, Formalismus, Logizismus, Konventionalismus, Konstruktivismus oder logischer Empirismus und welche Versuche es noch darüber hinaus gibt, den Geltungscharakter der Mathematik zu erfassen, sie springen nicht über die platonische Problemlage hinweg, wie nämlich die Beziehung zwischen der abstrakten Sphäre der Mathematik und der materiellen Welt zu verstehen sei. Die enge, voreilige Deutung Platons als Philosoph des Ideenhimmels verschließt das Verständnis von Platon als Dialektiker. Darauf aber kommt es an. Das Verhältnis zwischen Mathematik als geistiger Struktur und materieller Welt ist nur dialektisch zu begreifen. Es gilt zu verstehen, wie es kommt, dass die Mathematik – wie Einstein es sagte – „auf die Gegenstände der Wirklichkeit so vortrefflich passt“.

Mathematik war von Beginn an auf die raum-zeitliche, physische Welt bezogen. Bereits bei der Pythagoreern: Im sogenannten Quadrivium, d.h. in der Geometrie auf alles Räumliche, in der Arithmetik auf die Zeit, sodann auf die Astronomie und die Musik. Bis zu den technischen Geräten, die heute den Alltag bestimmen, spielt die Mathematik eine praktische Rolle. Sie ist kein ausgedachtes Regelsystem. Sie ist ein reales Vorkommnis in der Welt, d.h. sie kommt in unserm Denken vor und sie drückt reale Zusammenhänge und Prozesse aus. Dass sich diese Beziehung unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht, ist kein Einwand gegen ihre Realität. Alle Wissenschaft fußt auf der Beziehung zwischen unsern Gedanken und der empirisch zugänglichen Welt. Wollten wir, weil unsere Gedanken keine sinnliche Gegenständlichkeit besitzen, sie nicht als Reales anerkennen, würden wir Erkenntnis überhaupt leugnen. Die aber gibt es. Und da es dieses Vorkommnis Erkenntnis gibt, gibt es auch eine eben nur in Gedanken erfassbare, vollziehbare und verständliche Beziehung und Realität von Denken und materieller Welt.

Das Problem besteht als unlösbares, wenn der Geist geleugnet und das Materielle verabsolutiert wird. Die Erkenntnis ist eine eigene Form der Realität, die nicht auf das Empirische der Wahrnehmung oder auf das Materielle der Objektwelt reduzierbar ist.

B

Das archimedische Prinzip ist ein Naturgesetz. Seit der Antike bis heute werden Schiffe auf der Grundlage dieses Gesetzes – dessen bewusst oder nicht – gebaut; und fahren auch seither. Wenn sie untergehen, liegt es entweder an einer falschen Berechnung, an sonst einem Fehler des Kapitäns oder an unbekannten Naturgründen, aber jedenfalls nicht am Archimedischen Prinzip. Naturwissenschaftliche Gesetze gelten und sind höchst verlässlich. Würden sie es nicht sein, sondern nur zufällig oder beliebig oft nicht gelten, dann würde bestimmt niemand in ein Flugzeug einsteigen. Wenn Flugzeuge abstürzen, liegt es nicht daran, dass die Naturgesetze falsch sind, sondern…siehe oben wie bei den Schiffen. Naturgesetze sind ein Bleibendes im Wandel. Die Sicherheit, die Naturgesetze in der Praxis gewährleisten, beweisen ihre bleibende Gültigkeit, dass sie ein Bleibendes im Wandel sind.

An Kants Satz, dass der Verstand der Natur die Gesetze vorschreibe, kann verständlich gemacht werden, warum Naturgesetze nicht als solches erkannt werden. Wie kam Kant zu seiner paradox klingenden Formulierung? Sicherlich meinte er nicht, dass wir mit unserm Verstand irgend welche hübschen Gesetze ausdenken, und die Natur tut, was wir von ihr erwarten. Es ist nicht anzunehmen, dass Kant sich – bzw. den Verstand – in der Rolle eines Dompteurs sah. Was Kant zu diesem starken Satz veranlasste – und zu ständigen Missverständnissen führte – entsprang seiner Gesamtkonzeption. Die Kopernikanische Wende – dieses berühmte Theorem Kants – hatte dem Menschen die aktive Rolle in den Erkenntnisprozessen zugesprochen. Der Sinnlichkeit, der Kant eine Ausgangsfunktion a priori im – nicht nur zeitlich zu verstehenden – Ablauf der Erfahrung zubilligte, konnte er Allgemeingültigkeit nicht zusprechen, was aber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu Grunde lag. Die Gesetze, zu denen sie kamen, hatten eine Geltung, die allgemein gültig war. Aber Gesetze sind sinnlich nicht wahrnehmbar. In der raumzeitlichen, sinnlichen Anschauung und Wahrnehmung kommt ein Gesetz nicht vor. Es ist für unsere Erkenntnis nur ein Vorkommnis im Denken und Bewusstsein. Denn nur hier ist Allgemeines erfahrbar, erfahrbar im Sinne der Wahrnehmung und Selbstbeobachtung unserer inneren Erkenntnisvorgänge in ihren Prozessen und Resultaten.

Aber weil das Allgemeine nur in unserem Denken für uns vorkommt und wir es stillschweigend wie selbstverständlich auf die Dimension der Natur mit all ihren Objekten übertragen, kann Kant sagen, wir würden der Natur die Gesetze vorschreiben.

In der Realität aber funktioniert alles nach diesen Gesetzen. In der Technik wenden wir sie an. Darum ist eine Dimension des Allgemeinen in der Natur notwendigerweise anzunehmen, die sich unserer Erkenntnis entzieht. Denn es wäre verrückt zu glauben, dass die Natur, nur weil wir etwas denken, sich demgemäß verhält.

Kant kommt zu seiner übertriebenen Ausdrucksweise, weil er die Praxis in seine Erkenntnistheorie nicht einbezieht. In der Praxis kommen die Dinge in der Natur, die unter Gesetzen stehen, als Einzelne vor. Daran können wir empirisch erkennen, dass die Gesetze, die wir denken, gültig sind. Wir sehen aber keine Gesetze, sondern immer nur einzelne Fälle, die den Gesetzen gemäß sind. Wir sehen, wie Steine fallen, aber wir sehen nicht das Fallgesetz. Und wir sehen, wie Steine fallen, das Fallgesetz aber fällt nicht. Und doch hängt beides miteinander zusammen. Weil wir diesen Zusammenhang normalerweise nicht durchschauen und Gesetze nicht sehen können, sondern nur die Gegenstände, die sich nach ihnen verhalten, nehmen wir die Gesetze als Bleibendes im Wandel nicht wahr.

C

Dass die Moral zu dem Bleibenden im Wandel gehört, ist wohl das, was die größte Skepsis, den heftigsten Widerspruch auslöst. Moral fußt weder auf der Mathematik noch auf der Gesetzlichkeit der Natur. Sie scheint willkürlich zu sein, dass heißt ohne Geltung gebende, begründende Realität. Bis heute – so sagen es jedenfalls die herrschenden Kriterien für das, was als wahr gilt – gibt es keine durchschlagende, überzeugende Begründung für die Substanzialität der Moral. Woran liegt es? Daran, dass eine nur zum Teil das Wesen des Menschen bestimmende Schicht, die physisch-materielle, für die umfassende gehalten wird? Daran, dass das Geistige als das nicht sinnlich Erfassbare und darum auch für das nicht Vorhandene gehalten wird?

Das Geistige im Menschen ist aber nicht minder wirklich als die Objekte der Erkenntnis. Es stellt sogar in der Hinsicht das Primäre dar, als dass ohne Denken und Bewusstsein wir die Welt, wie sie uns durch die Erkenntnis gegeben ist, gar nicht besäßen.

Das Geistige, also Verstand, Vernunft und Bewusstsein, liegen unserem Verhältnis zur Welt zugrunde. Über die Sinnlichkeit verbinden sie sich mit der raum-zeitlichen, physischen Wirklichkeit.
Das Geistige aber ist nicht nur bezogen auf das Sinnliche im Sinn von Erkenntnis. Es ist darüber hinaus eine dynamische, produktive Potenz in uns, die nach ihren strukturellen Bestimmungen auch auf die Lebenswelt einwirkt und sie prägt. Solche strukturelle Bestimmung ist der Begriff als Begriff in seiner Form der Allgemeinheit. Der Begriff ist gewissermaßen die kleinste Einheit des Geistigen, d.h. unseres Denkens. Alles was sinnlich wahrgenommen wird, das wird durch den Begriff, durch den wir eine Sache definieren und von den anderen Dingen unterscheiden, in die Sphäre des Allgemeinen versetzt. Das heißt, jeder Begriff ist nicht nur bezogen auf den einen Gegenstand einer bestimmten Art oder Gattung, den er gerade bezeichnet, sondern ist ein Ausdruck für alle Gegenstände dieser Art oder Gattung. Aber als Ausdruck für alle Gegenstände einer Art oder Gattung hat er nichts zu tun mit den Wandlungen der einzelnen Gegenstände. Der Begriff nimmt an dem Wandel der Dinge, die er bezeichnet nicht teil. Der Satz, dass das Wasser fließt, fließt nicht. Der Begriff Baum, der den Baum bezeichnet, nimmt an dem jahreszeitlichen Wechsel des Baumes nicht teil: Er bekommt im Frühling keine Blätter und verliert sie nicht im Herbst. Der Begriff fliegen fliegt nicht, Vögel fliegen. Der Begriff fallen fällt nicht, Steine fallen. Und so weiter.

Dies ist nun auf die Moral anzuwenden. Die Moral ist die Anwendung des Geistes, d.h. unserer Potenzialität zum Allgemeinen, auf die Sphäre des menschlichen Zusammenlebens, auf die Gesellschaft, auf die Lebenswelt. Und dies, das Allgemeine, ist eine unserer Spezies zu Grunde liegende unausweichliche Bestimmung, die wir in unserm Leben zwangsläufig realisieren. So notwendig wie wir unter dem Aspekt des Allgemeinen Mathematik und Naturwissenschaft betreiben, so notwendig beziehen wir das Allgemeine auf die Sphäre unseres Zusammenlebens. Das entspringt der zu unserem Wesen gehörenden Notwendigkeit unseres Geistes. Kants kategorischer Imperativ drückt diese Beziehung zum Allgemeinen exakt aus:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Da die Moral also unserer inneren Potenzialität entspringt und somit etwas hervorbringt, was noch nicht vorhanden ist wie die Dinge der Natur, hat sie den Charakter einer praktischen Vernunft, wie Kant sie bezeichnet: Sie äußert sich historisch, d.h. sie ist wie eine Aufgabe in das Wesen des Menschen eingepflanzt. Sie muss von den Menschen in ihrer Geschichte hervorgebracht werden. Sie drückt sich daher im Sollen und nicht im Sein aus. Sie drückt sich als Notwendigkeit zur Freiheit aus und nicht als Freiheit zur Notwendigkeit, worunter die Naturwissenschaft zu verstehen ist. Eine lange Geschichte.

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