MARX, 28. OKTOBER 2015

MarxDAS HAT MARX NICHT VERDIENT!
VORLÄUFIGES ENDE DER DISKUSSION

Zugegeben: Karl Marx war eine Enttäuschung! Zumindest auf unserer Internetplattform INFINITUM MOBILE. Es war Sommer. Das mag eine Rolle gespielt haben. Aber ich entsinne mich noch an ein Plakat mit der Überschrift „Alle reden vom Wetter, wir nicht!“

Das war aber 1967 und stammte vom SDS, dem Studentenverband, der damals die Bundesrepublik in Unruhe versetzte. Sollten die Marxisten heute im Gegensatz zu damals doch vom Wetter reden, beziehungsweise bei schönem Wetter die Sprache verlieren?

Wie auch immer: Der Blog zu Marx wurde von wirklichen, echten Marxisten einfach ignoriert. Oder gibt es gar keine mehr? Oder trauen sie sich nicht mehr aus ihren Löchern?

Dabei scheint uns Karl Marx historisch noch längst nicht passé zu sein. Denn es herrscht weiterhin der Kapitalismus in globalem Ausmaß mit allen seinen Schattenseiten – verdeckt von einer Produktivität, die Marx sich nicht für die Epoche des Kommunismus hätte träumen können.

Der Lister Turm
Der Lister Turm

 

 

Wir haben die Diskussion über Karl Marx am 28. Oktober mit einer Veranstaltung im Lister Turm vorläufig abgeschlossen.

Gerhard Stamer

MARX Resümee

Im Rückblick auf die Diskussion, die am Anschluß an meinen Blog stattfand, entschied ich mich spontan dazu, keine Zusammenfassung vorzutragen, sondern etwas zur bleibenden Bedeutung von Marx zu sagen. Hier das Wichtigste.
Ein Desinteresse an Karl Marx ist nicht zu verstehen, höchstens, weil auch er – jedenfalls bisher – nicht die Theorie entworfen hat, die als Handlungsanleitung den Kapitalismus überwunden hat. Selbst wenn davon auszugehen ist – und dafür gibt es ausreichende Gründe –, dass die Theorie von Marx sich nicht in allen Teilen – oder sogar insgesamt – in der Geschichte verifiziert, ist damit die Theorie nicht uninteressant geworden und auch nicht antiquiert.

Inhaltlich wird sie weiterhin herumgeistern, in Anlehnung an Derrida gesprochen, weil sie die Herrschaft der Ökonomie über die Menschen für inhuman erklärt, anders: weil die Menschen kein ihnen gemäßes Leben führen, wenn die Ökonomie die dominante Dimension ist; noch anders gesagt: weil die Gesellschaft, in der die Ökonomie bestimmend ist, eine Entfremdung darstellt. Selbst wenn alles nicht stimmt, bzw. sich nicht einlöst, was Marx gedacht hat, bleibt dies bestehen; denn der Kapitalismus hat sich gegenwärtig über die ganze Erde ausgedehnt. Im Zuge der Globalisierung wird der Kapitalismus global, ist er ein weltweiter Zusammenhang geworden – auch wenn es viele Widersprüche innerhalb seiner eigenen Prozesse gibt, wie auch vielfältiges Widerstandspotential in allen Erdteilen.

Aber nicht nur diese inhaltliche Relevanz sichert Marx´ Theorie ihre Aktualität, sondern die Qualität als Theorie selbst. Marx Theorie verbindet die soziologische Analyse der Gegenwart mit der Ökonomie, mit einer Anthropologie, mit einer Konzeption der politischen Veränderung der Gesellschaft –und das Ganze in einer historischen Gesamtperspektive, in der die Gegenwart im Kontext von Tendenzen begriffen wird, die aus der Vergangenheit in die Zukunft weisen. Diese umfassende Systematik, die als konsequente Theorie der Geschichte sich keinesfalls dogmatisch abgeschlossen versteht – oder so verstanden werden muss –ist als Muster beispielhaft und unverzichtbar für jede künftigeTheorie, die den Anspruch hat, Geschichte mit Bewusstsein zu machen, was für jede politische Theorie angesichts globaler Verhältnisse verbindlich bleibt – wie für die von Carl Friedrich von Weizsäcker, der die Idee von der Weltinnenpolitik entwarf.

Also: Eine umfassende Kritik an Marx ist nötig, um frei denken zu können. Aber gleichzeitig ist der inhaltliche humane Anspruch aufrecht zu erhalten wie die Methodik der Konzeption, die die wesentlichen Dimensionen der menschlichen Wirklichkeit in dialektischer Systematik zusammenhält.