DARWIN, 23. JUNI 2015

DarwinWINNICOTT INSTITUT
GEIBELSTRASSE 104
30173 HANNOVER

Die Darwin-Debatte nimmt immer mehr Fahrt auf – da ist es fast schade, dass die Veranstaltung, auf der Gerhard Stamer die Ergebnisse zusammenfassen will, schon am Dienstag, dem 23. Juni stattfinden wird.

Aber keine Sorge: Die Diskussion über das Thema geht weiter, sie wird vorerst nicht geschlossen.

Natürlich sind alle, die die Diskussion verfolgt oder sich daran beteiligt haben, herzlich eingeladen.

Bildschirmfoto 2015-06-16 um 21.55.13Das Winnicott Institut  finden Sie in Maschseenähe in der Geibelstraße 104. U-Bahn Linien 1, 2 und 8, Station Geibelstraße

 

DIE VERANSTALTUNG (MITSCHNITT)

 

Gerhard Stamer

DARWIN Resümee

Guten Abend, liebe Anwesende,
wir haben es geschafft! Die Plattform INFINITUM MOBILE steht farbig satt im Internet. Die erste Diskussion ist gelaufen. Wir können heute zusammenfassen. Das Ganze ist ein Riesenerfolg! Und es ist steigerungsfähig. Wie gesagt: INFINITUM MOBILE! Grenzenlose Bewegung!

Als erstes möchte ich allen danken, die an der Diskussion teilgenommen haben. Ich kann nun natürlich nicht auf alle Argumente eingehen. Außerdem möchte ich auch einige einfach stehen lassen. Das gehört zu unserem Programm: INFINITUM MOBILE ist nur dann seinem Namen gemäß, wenn wir nicht einfach zu einem Zeitpunkt Schluss machen mit der Diskussion. Sie wird weiter geführt, soll immer weitere Kreise ziehen. Erst dachten wir, ein Thema ist zu Ende, wenn wir eine solche Zusammenfassung öffentlich vornehmen wie die heutige, aber das ist falsch; es geht weiter, auch wenn ein neues Thema dazukommt. Das heißt, auf der Bühne, die wir hier eröffnen, fällt der Vorhang niemals. Die Zuschauer müssen nicht irgendwann nach Hause gehen. Und die Spieler bleiben auf der Bühne, solange sie Lust haben. Das erste Argument, das ich stehen lassen möchte, ist das von Jörg Taube. Jörg hat in seinem ersten Kommentar einen epidemischen Dualismus von Funktion und Erleben herausgestellt, um dessen Vereinigung es ihm geht und – treu wie er sich geblieben ist – ist seine Konklusion die Liebe.

Dieser neue epistemische Dualismus von Funktion und Erleben im physikalisch-materiellen Universum erfordert jedoch die Erkenntnis eines neuen, einen umfassenden Monismus, den ich in der Ur-Wirklichkeit der Liebe – der Barmherzigkeit, des Mitgefühls, der Buddha-Natur, des Bramans etc. – entdecke, die die beiden Sub-Wirklichkeiten des Physikalischen und des Erlebens einen kann. Diese Einung ist ein notwendiger weiterer Schritt, der das Thema der Evolution zu übersteigen scheint und doch notwendig ist für unser differenziertes Verständnis der Evolution.

Das zweite Argument, das ich stehen lassen möchte, stammt von Franz Friczewski, der neben Jörg Taube der eifrigste Diskutant war. Auch wir kennen uns schon lange und ich wußte, dass er zu diesem Thema was zu sagen hat. Er ist ein Experte der Kybernetik. Es ist gar nicht möglich, hier seine gesamte Theorie auszubreiten. Sie ist nachzulesen, in unserer Webseite und dann auch in seiner, wenn man dem Link folgt, den wir zu seiner gesetzt haben. Das ist überhaupt etwas, das mit unserem Programm INFINITUM MOBILE übereinstimmt. In unsere Diskussionen können wir nur begrenzte Beiträge aufnehmen (wir werden sie noch stärker begrenzen müssen, sonst ist es nicht lesbar), aber die Diskussion kann in anderen Foren weitergeführt werden, mit denen wir uns verlinken, wie ebenfalls mit dem Forum www.lebenswissen.org, das Georg Toepfer, Professor in Berlin organisiert. Auf Georg Toepfer komme ich noch zurück.
Zwei kurze Absätze aus den Kommentaren von Franz Friczewski möchte ich zitieren, die zumindest den Ansatz seiner Auffassungen kennzeichnen.

Die mechanistische, geist-lose Weise, Lebendiges zu denken, hat sich, wie ich finde, erschreckend tief in unser modernes westliches Denken eingegraben, möglicherweise tiefer als wir uns das bisher eingestanden haben. Denn wir ver-körpern es; wir haben es sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Daher ist es auch so schwierig, über dieses Denken hinaus-zudenken. Wir müssten quasi lernen, uns selbst von hinten zu beobachten, wie der Mann in jenem berühmten rätsel-haften Bild von Magritte.
Meine These ist, dass letztlich zwei (zusammengehörige) Begriffe genügen, um auf angemessene Weise von Lebendigem zu sprechen: Beobachten und Autopoiesis, wie sie im Diskurs der Kybernetik zweiter Ordnung (Heinz von Foerster, Humberto Maturana, Niklas Luhmann et al.) verwendet werden. Das Faszinierende daran ist für mich, dass dieses Sprachspiel es erlaubt, offen zu bleiben für das das Rätsel des Lebens und für die Reflexion von Praxis (empirische Forschung eingeschlossen).

Ich möchte Euch beiden auch danken, dass ihr mir – wenn auch mit anderen Grundpositionen – bei der Bewältigung dieser Debatte beigestanden habt. Auch dies gehört zu dem Konzept von INFINITUM MOBILE, dass die angestoßene Debatte nicht eine Sache sein kann, in der sich die gesamte Kommunikation auf einen bezieht, dass ich unentwegt der Anspielpartner bin, der auf alle Beiträge reagiert. Meine Rolle ist die, anzuregen, was in Gang zu bringen, natürlich dadurch, dass ich meine eigene Auffassung ungeschminkt zum Besten gebe, aber nicht dadurch, dass ich diese auf Gedeih und Verderb durchsetzen möchte. Richtige Argumente entfalten ihre Wirkung, man braucht sie nicht durchzusetzen. Und jede Debatte ist ein Lernprozeß für alle Beteiligten. Jedenfalls euch beiden – Jörg und Franz – mein Dank.

Dann ein Beispiel, wie sich die Debatte über das Netz verbreiten kann.
Robert Harsieber, Philosoph, Autor, Verleger, wohl in Wien ansässig, den ich gerade über LinkedIn kennengelernt hatte, ist in die Debatte gleich eingestiegen. Er bereichert sie mit der Auffassung, dass Evolution und Schöpfung kein Widerspruch seien:

Ich würde meinen, Evolution ist ein Faktum, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, nicht mal mit Theologen. Offen bleibt allerdings die Frage der Emergenz. Dafür hat wiederum Theilhard de Chardin eine sehr plausible „Erklärung“, zumindest spricht er das Problem an. Evolution des Lebens ist zunehmende Differenzierung und Komplexität, und das wird ja heute wieder diskutiert. Wenn wir global agieren, dann können wir noch Aurobindo dazu nehmen, der von Evolution und Involution spricht.

Zu meiner großen Freude hat sich auch der bereits erwähnte Georg Toepfer aus Berlin in die Diskussion eingeschaltet. Er ist nun wirklich der Experte auf diesem Gebiet. Georg Toepfer hat in seinem letzten Beitrag dezidiert zu den zentralen Themen der Debatte Stellung bezogen, zu dem Begriff der bildenden Kraft, zur Selbstorganisation, zum Evolutionsbegriff, zu dem der Teleologie, schließlich auch zum Verhältnis von Philosophie und Biologie. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, ihm zu antworten. Das werde ich noch tun. So ist das in diesem Projekt: Ein Abschluss wie der heutige ist eben kein Abschluss, bestenfalls die Bündelung des Bisherigen. Die Kontroverse mit Georg Toepfer als einem Repräsentanten der Naturwissenschaften erfreut mich besonders, weil ich das Gespräch zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie für außerordentlich wichtig ansehe. Die Philosophie bedarf der Naturwissenschaften, um geerdet zu sein, die Naturwissen-schaften bedürfen der Philosophie, um deuten zu können, was sie tun. In der Verbindung von Naturwissenschaft und Philosophie liegt eine Chance, über die Gegenwart hinauszuführen.

Dass sich zum Schluss auch noch Marko Fuchs aus Bamberg eingeschaltet hat, der mit seiner Kollegin Wienmeister, beides Philosophen, gerade an einem Band zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles“ arbeiten, worin es um die mögliche Verbindung der Evolutionstheorie mit der Ethik geht, hat unserer Debatte noch eine weitere Perspektive aufgezeigt.

Gerhard Streich aus Hannover, Gerhard II, wie er sich nennt, ein Teilnehmer, der beklagt, dass sich an der bisherigen Diskussion nur Experten beteiligten, nicht aber Menschen, die sich ein bisschen für Philosophie interessierten, wie ich das bei h1 geäußert hatte, hat durch seine Beiträge selbst ein gutes Beispiel dafür gegeben, wie sich Experten und Menschen verständigen können. Wenn es so weitergeht, bin ich sehr zufrieden was Experten und auch was Menschen betrifft.
Ich habe nun nicht alle erwähnt, und auch längst nicht alles, was erwähnenswert wäre, aber das geht ja ja auch nicht.

Jetzt möchte ich dazu übergehen, die Diskussion inhaltlich fortzusetzen. Eigentlich hat sie noch gar nicht richtig begonnen. Der Titel des Blogs heisst: Warum Darwins Evolutionstheorie richtig ist und sie die Welt doch nicht erklären kann. Der Titel sagt in aller Deutlichkeit, dass es mir eigentlich nicht um eine Kritik an Darwin geht. Die Evolutionstheorie wird als richtig bezeichnet. Es wird nur behauptet, dass sie die Welt nicht erklären könne. Die Erklärung der Welt ist natürlich etwas anderes als die Erklärung der Abstammung der Arten. Nun will ich nicht sagen, dass ich die Welt erklären kann. Aber ich möchte zeigen, warum die Evolutionstheorie dies jedenfalls nicht kann. Damit bekommt unsere bisherige Diskussion eine andere Richtung. Sicherlich ist es meine Schuld, nicht klarer diese Richtung eingeschlagen zu haben. Ehrlicherweise ist mir das auch erst im Verlaufe der Diskussion klar geworden.

Warum also kann die Evolutionstheorie die Welt nicht erklären?
Im Theaitetos, einem von Platons großartigen späten Dialogen, geht es um die Frage: Was ist Erkenntnis? Selbstverständlich kann ich jetzt nicht den ganzen Dialog erzählen, noch nicht einmal den Ablauf. Ich greife den Hauptpunkt des Dialogs heraus. Er gibt bereits die Antwort auf die gerade von mir gestellte Frage: Warum kann die Evolutionstheorie die Welt nicht erklären?
Platon bringt in dem Dialog zwei zu seiner Zeit den Zeitgeist beherrschende Positionen zusammen, die Position von Heraklit, dass alles fließe und die der Sophisten, genauer des Sophisten Protagoras, dessen Auffassung der Mensch sei das Maß aller Dinge bei der Vielzahl der sich widersprechenden Meinungen der Menschen Sokrates schnell ad absurdum führen kann. Was klar wird in dem Dialog, das ist der Zusammenhang zwischen einer Evolutionstheorie, in der alles fließt, und der Sophistik, in der alles relativ ist. Wenn es nur das Fließende gibt, und auch in der Erkenntnis, dann ist dem Relativismus Tür und Tor geöffnet, was heute stimmt, muss morgen schon nicht mehr wahr sein, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, wenn heute etwas anderes vorteilhafter ist. Wenn es nur das Fließende gibt, und auch nur fließende Meinungen, kommt Wahrheit nicht zustande. Erkenntnis und Wahrheit sind nur möglich, wenn es ein Bleibendes im Wandel gibt. Platon spielt in seinem Dialog eine Reihe von Möglichkeiten durch, Erkenntnis zu definieren. Da aber sein Gesprächspartner nicht dazu kommt, vom Bleibenden im Wandel zu sprechen und Sokrates offensichtlich seine ironische Freude daran hat, seinen Gesprächspartner ins Leere laufen zu lassen, endet der Dialog auf höchstem Niveau ohne Lösung der aufgeworfenen Frage nach der Erkenntnis. Immerhin aber outet sich Platon als Anhänger des Parmenides, in dessen Fragmenten uns das erste Verständnis in der antiken Philosophie entgegentritt, dass zur Erklärung der Wahrheit und der Erkenntnis Bleibendes im Wandel angenommen werden müsse. Von Parmenides stammt der berühmte – zumeist nicht verstandene Satz – dass die Wahrheit das eine unbewegte Sein sei. Platon läßt seinen Sokrates im Dialog Theaitetos den Parmenides in folgender Weise würdigen:

„Parmenides aber ist nach dem Homer ehrenwert mir und zugleich furchtbar. Denn ich habe Gemeinschaft mit dem Manne gehabt noch ganz jung, da er schon alt war, und es offenbarte sich mir eine ganz seltene und herrliche Tiefe des Geistes. Ich fürchte daher, dass wir teils, was er gesagt hat, nicht verstehen, teils was er damit gemeint, noch viel weiter dahinter lassen werden.“

Auch heute noch ist es offensichtlich schwer zu verstehen, was Parmenides zum Ausdruck brachte. Wer die Evolutionstheorie verabsolutiert, versinkt im Relativismus. Zur Erklärung der Welt, gehört auch die Erklärung der Erkenntnis. Erkenntnis lässt sich nur erklären, wenn ein Bleibendes im Wandel angenommen wird, bzw. wenn das Bleibende im Wandel, das sich in der Erkenntnis realisiert,überhaupt bemerkt und erfasst wird.
Worin zeigt sich das Bleibende im Wandel?

Vielleicht stört es Sie ein wenig, dass ich so weit in der Geschichte zurückgehe, vielleicht meinen Sie, wir lebten heute doch in ganz anderen Verhältnissen, vielleicht sehen Sie darin die typische Art und Weise der Philosophen, an der Vergangenheit statt an der Gegenwart orientiert zu sein. Sie täuschen sich, wenn Sie das denken! Wir verstehen die Gegenwart gerade dadurch, dass wir sie mit der Vergangenheit konfrontieren. Geschichte ist nicht nur ein ständig vorwärts gehender Lernprozess, sondern auch ein Prozess des Vergessens, ein Prozess, in dem es geschehen kann, dass die Gegenwart von einem Neuheitsschub lawinenhaft überrollt wird, so dass Orientierung nur durch eine Vergewisserung an der Kontinuität des Reflexionsprozesses gewonnen werden kann, den die Geschichte auch darstellt, vornehmlich in der Philosophie.

Die Frage ist die nach dem Bleibenden im Wandel, was in der Evolutions-theorie nicht vorkommt. Nach der Überlieferung kann man, was diese Frage betrifft, mit den Pythagoräern beginnen. Die Pythagoräer betrieben alle möglichen mathematischen Spiele und Zahlenmystik, sie entdeckten aber auch einen Satz wie den, der nach Pythagoras bis heute benannt ist. Sie erkannten außerdem, dass die Mathematik nicht irgendein ausgedachtes Regelwerk für ein x-beliebiges Spiel ist, sondern dass es eine Kompatibilität mit der Wirklichkeit der Welt besitzt: was das Räumliche betrifft, was das Zeitliche betrifft, was die Astronomie, die Bewegung der Gestirne betrifft und auch was die Musik betrifft. Die Eleaten, Parmenides und Zenon waren es dann, gut eine Generation später ( um 500 v. Chr.) und auch ansässig im Süden Italiens, eben in Elea, bis wohin sich die Magna Gracia ausgedehnt hatte, die den prinzipiellen Zusammenhang zwischen der Wahrheit und der Mathematik erkannten. Die Mathematik ist eine Struktur in der Welt, von der man nicht sagen kann, dass sie irgendwann im Verlaufe der Evolution entstanden sei. Mit Sicherheit kann man ihr auch kein naturhaftes Wachstum zusprechen. Der Satz des Pythagoras macht den Kreislauf der Jahreszeiten nicht mit. In allem Wandel ist die Mathematik durch die Jahrtausende hindurch ein feststehendes Bleibendes – für alle einzelnen Menschen, alle Kontinente, alle Epochen, alle Jahreszeiten. Gerade dieses Feststehende macht sie geeignet, in der bewegten Natur, in der alles fließt, Bleibendes festzuhalten, wie Naturgesetze, die heute allesamt einen mathematischen Ausdruck haben, bis hin zur Relativitätstheorie und Quantentheorie. Die Lichtgeschwindigkeit als fundamentale Naturkonstante hat einen mathematischen Ausdruck. Das Planck’sche Wirkungsquantum 10 hoch minus 34 ebenfalls. Bis heute macht die Naturwissenschaft einen grundsätzlichen Gebrauch vom Konstanten. Und dies gehört natürlich zur Erklärung der Realität der Natur und der Welt dazu, anders ausgedrückt: nicht nur zur Erklärung von Natur und Welt, sondern zur Wirklichkeit von Natur und Welt, denn die Erklärung hätte keine Kompatibilität mit Natur und Welt, wenn diese nicht der Erklärung gemäß wären.

Aber damit ist die Beweisführung noch nicht an ihr Ende angelangt. In den simpelsten Denkoperationen, die wir im Alltag vollführen, geht es nicht ohne das Bleibende im Wandel. Alles Mögliche mag sich im Raum und in der Zeit verändern, mag kommen und verschwinden, Zeit und Raum bleiben aber davon in ihrer unendlichen Ausgedehntheit, wie wir sie wahrnehmen, offensichtlich gänzlich unberührt.

Auch damit ist die Argumentation nicht am Ende. Jeder Begriff, den wir verwenden, um einen Gegenstand zu bezeichnen, bleibt gegenüber dem Gegenstand unveränderlich. Ein Baum bekommt im Frühjahr seine Blätter, die er im Herbst wieder verliert, der Begriff des Baumes nicht. Das heisst, alle Identifikationen von Gegenständen, Tieren und Pflanzen, die wir mit den Begriffen vornehmen – und mit nichts anderem geschieht dies – sind im Sinne das Wortes Feststellungen, Feststellungen, die an dem Wandel in der Welt nicht teilnehmen. Begriffe wachsen nicht, pflanzen sich nicht fort. Ein Baum kann abgesägt werden, der Begriff des Baumes bleibt davon unberührt. Ein Baum kann gepflanzt werden, sein Begriff nicht. Begriffe, diese kleinsten Einheiten unseres Denkens, sind prinzipiell ein Bleibendes in allem Wandel. Sie liegen natürlich auch allen Theoriebildungen zugrunde, auch der Evolutionstheorie, weshalb Evolution nicht ausreicht, um die Welt zu erklären. Es ist eine Naivität der Wissenschaft, wenn sie die Erklärung der Erkenntnis überspringt, um Aussagen über Natur und Welt zu machen. Es ist eine Ignoranz, die verhindert, dass die Wirklichkeit begriffen wird. Erkenntnis erfasst nicht nur das, was wirklich ist, sondern ist selbst eine fundamentale Wirklichkeit. Sie ist die Voraussetzung aller Wissenschaft. Die Welt ist nicht nur Evolution, sie ist, wenn die Erkenntnis in Rechnung gestellt wird, auch ein unwandelbares Sein. Schwer zu verstehen, schon damals für die Zeitgenossen von Platon, aber auch für uns heute. In aller Erkenntnis bringen wir Wandelbares auf den Begriff. Wir stellen es fest. Deshalb funktioniert Erinnerung, deshalb funktioniert Erkenntnis; würde sich das, was wir denken, was wir verstanden haben, so wandeln, wie die Dinge in der Natur, würde es gar keine Erkenntnis geben. Alles wäre immer absolut neu. Dass nicht immer wieder alles neu ist, sondern das einmal Gelernte in Begriffen unserer Sprache unveränderlich erhalten bleibt, ist die Voraussetzung dafür, dass wir das Gleiche, auf das wir später treffen, wieder erkennen können, d.h. denselben Begriff auf es beziehen können.
Das hat nun eine – ich will es nicht untertreiben – ungeheure Bedeutung – dafür, wie wir Menschen uns verstehen, d.h. ob wir uns überhaupt verstehen. Denn wenn wirklich das Bleibende im Wandel so fundamental bedeutsam für uns Menschen ist, dass es der Erkenntnis und dem Denken überhaupt zugrunde liegt, was unsere Gattung ausmacht in der Unterscheidung von allen anderen Spezies, dann ist eine Verabsolutierung des Evolutionären, des Wandelbaren in Bezug auf uns die Verunmöglichen eines Selbstverständnisses. Das scheint mir in der Gegenwart der Fall zu sein, bei aller Entwicklung der technischen Intelligenz. Mir scheint dies gerade der angemessene Ausdruck für die Entfremdung zu sein, die unsere Kultur beherrscht: Während wir die künstliche Intelligenz unvorstellbar vorantreiben – denn wir sind es ja selbst, die dies tun -, haben wir von unserer eigenen keinen blassen Schimmer, wenn nicht gar uns in materialistischen Interpretationen von höchster wissenschaftlicher Autorität herab Bewusstsein und Freiheit abgesprochen werden.

Wir werden mit der künstlichen Intelligenz nicht klar kommen, vielleicht wird sie sogar unser Untergang sein, wenn wir kein Selbstbewusstsein unserer eigenen lebendigen Intelligenz erringen, d.h. die Aufklärung im Sinne Kants fortsetzen, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, zumindest um ihn selbst in seiner Wirklichkeit für unser Leben zu begreifen.

Man muss aber noch einen Schritt weiter gehen, sonst wird das ganze Bild schief. Das von mir gerade beschriebene Vermögen der lebendigen Intelligenz, das ohne das Bleibende im Wandel nicht auskommt, dass das Wandelbare durch das Bleibende im Wandel zu begreifen in der Lage ist, diese lebendige Intelligenz ist etwas, das nicht vom Himmel gefallen ist, sondern selbst ein Produkt der Natur ist. Wo sollte es auch sonst bekommen? Allein die phylogenetische Entwicklung des Gehirns im Verlaufe der Evolution zeigt mit aller Deutlichkeit, dass Intelligenz nicht nur bei den Menschen vorkommt, sondern in der Natur ihre Vorstufen hat, aus denen sie sich herausgebildet hat. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Erkenntnis des Menschen nicht möglich wäre, wenn sie keine Kompatibilität mit der Natur besäße. Es muss also auch in der Natur überhaupt so etwas strukturbildendes wie Intelligenz, wie Geist angenommen werden. Ich kann nun hier nicht eine ganze Theorie darüber ausbreiten. Die Natur nur unter Aspekten der Überpopulation, des Zufalls und des Kampfes ums Dasein zu sehen, das wird der Natur nicht im mindesten gerecht. Natur selbst ist ein hochkomplexes, intelligentes System, nicht erst im Menschen taucht sie auf, im Menschen – so könnte man mit Hegel sagen – komme sie zu sich selbst, begreife sie sich selbst, während sie in der übrigen Natur in nur an sich, noch nicht für sich vorhanden sei. Oder man drückt es mit Schelling noch anschaulicher aus: Im Menschen schlage die Natur die Augen auf. Eine Evolutionstheorie, die die Intelligenz in der Natur nicht in Rechnung stellt, begreift also selbst die Natur nur reduktiv. So weit wollte ich eigentlich gar nicht gehen. Immerhin beginnt der Titel dieses Blogs mit den Worten „Die Evolutionstheorie ist richtig….“
Ich widerspreche mich hiermit also in aller Deutlichkeit: Sie ist nicht richtig!
Das ist nun mehr als ich sagen wollte. Ein guter Grund, Schluss zu machen.