AUFTAKT, 28. APRIL 2015

Das Künstlerhaus in der Sophienstraße, Hannover. Sitz der Stiftung Niedersachsen.

Künstlerhaus,  Sophienstraße Hannover. Sitz der Stiftung Niedersachsen.

AUFTAKTVERANSTALTUNG

28. April 2015, 19:00 Uhr, Stiftung Niedersachsen, Künstlerhaus, Sophienstraße 2 (Seiteneingang rechts), 30159 Hannover, (barrierefreier Zugang). Der Eintritt ist frei.

EINLADUNG

Bisher haben wir unsere Gedanken und Ideen sowie unsere Interpretationen traditioneller philosophischer Texte in der herkömmlichen Weise verbreitet: Ob in Kursen, Vorträgen, Gesprächsrunden, Symposien oder Vortragreihen mit vielen Referenten, immer handelte es sich um eine Vermittlung im Kreise von unmittelbar Anwesenden. Das wollen wir ändern. Das Internet erweitert die Möglichkeiten der Kommunikation. Wir wollen das nutzen und eröffnen ein neues Format für unsere Aktivitäten:

INFINITUM MOBILE

REFLEX wird nach 20-jährigem Bestehen zum BLOGGER. Das Internet wird philosophisches Fluidum. Wir lehnen uns weit aus dem Fenster und starten mit dieser ganz analogen Veranstaltung einen WEBLOG, in dem im Laufe von zwei Jahren zehn Diskussionsstränge geöffnet werden sollen: Zehn Lektionen, in denen durch Gerhard Stamer eine Reihe populärer Vorstellungen kritisch thematisiert werden. Das wird neue Denkräume eröffnen.

 

DIE VERANSTALTUNG (MITSCHNITT)

 

Gerhard Stamer

Einleitende Rede zur Eröffnung von INFINITUM MOBILE

Meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister Hermann, liebe Freunde,

ich möchte ein paar Worte dazu sagen, was wir mit diesem Projekt vorhaben. Zuerst war es nur ein inhaltliches Interesse: einfach zu einer Reihe von Themen im Zusammenhang sich äußern. Es sollten auch Vorträge sein, eine Vortragsreihe. Die zehn Themen ergaben sich ohne viel Überlegung. Sie standen plötzlich auf dem Papier. Dass es gerade zehn waren, mag Zufall gewesen sein. Die Inhalte waren kein Zufall. In den 21 Jahren, die REFLEX besteht, hatte sich viel angesammelt, was gereift, aber noch nicht richtig zu Wort gekommen war. Das war die Ausgangssituation. Eigentlich wollten wir ja nur philosophieren, zwar in der Öffentlichkeit, aber doch philosophieren. Das war in der langen Zeit von Reflex eingeübt. Aber nun mussten Anträge geschrieben werden. Ohne Förderung kann man keine Bildung betreiben. Zum Glück kam Klaus Gürtler dazu, der sowas kann, Anträge schreiben. Und wir erhielten die Unterstützung der Stadt und der Region. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle bedanken. Dass unsere eigene ‚Stiftung Philosophie zur Zeit‘ auch was dazu tun wollte, war klar. In einem dieser Gespräche mit den möglichen Förderern ereignete es sich, es war wirklich ein Ereignis, dass für die Förderung keine guten Aussichten bestanden, aber vielleicht wenn man es anders machte, wenn man mit der ganzen Sache ins Internet ginge. Mal was Neues machen, nicht mehr Vorträge, wie schon über 20 Jahre lang, in Räumen mit festen Wänden, höchstens einigen Fenstern als Ausblick. Es fiel gewissermaßen ein Groschen, jedenfalls bei mir: Man könnte doch Blogs schreiben und eine Diskussion im Internet anzetteln. Das würde dann nicht mehr in den vier Wänden bleiben. Dafür gab es schon Beispiele. Zwar hatte ich selbst an solchen Debatten in Internetforen noch nicht teilgenommen, aber es sollten ja manchmal Millionen sich auf diese Weise zu Wort melden. So viele müssten es ja nicht unbedingt sein, ein paar tausend würden schon reichen. Aber man weiß ja nie, welche Wellen so eine Sache schlägt. Damit war auch der Titel der ganzen Veranstaltung klar: INFINITUM MOBILE, grenzenlose Bewegung. Wir geben den Anstoß! Natürlich gehört ein bisschen Naivität dazu, irgendetwas schwungvoll und hoffnungsvoll zu beginnen, auch wenn man eigentlich weiss, dass die meisten Sachen nicht so gut ausgehen, wie man zuerst denkt.

Die zehn Themen hatten wir also, auch die werbewirksame Leitidee. Geld, wenn auch längst nicht so viel, wie wir für den ganzen Aufwand brauchen, kriegten wir auch zusammen. Klaus Gürtler wird nachher noch etwas – ich glaube, einige deutliche Worte – dazu sagen, was das mit diesem Zusammenkriegen betrifft. Dann kam noch einmal die inhaltliche Darstellung aufs Tapet. Wir wollten schon provozieren, aber es sollte natürlich nicht überheblich, nicht besserwisserisch klingen. Wer kann sich schon zu zehn so verschiedenen Themen anspruchsvoll äußern?! Wer hat Einstein, Marx und Darwin – um nur die zu nennen – so drauf, dass er nicht nur irgendwas – irgendwelche Plattitüden – vorbringt?! was schon längst durchgekaut ist? Gut, abgehobene wissenschaftliche Standards sollten nicht erfüllt werden. Wir wollten nicht den Leuten im Elfenbeinturm einen Besuch abstatten! Wir wollten und wollen philosophieren mit vielen Menschen, so wie Sokrates auf dem Marktplatz. Heute fangen wir an! Dann wird sich zeigen, ob wir was zu sagen haben oder nicht. Wenn es gelingt, eine Debatte mit unseren Lektionen anzustiften, dann haben wir gezeigt, dass wir etwas Interessantes, vielleicht sogar Wesentliches zu sagen haben. Natürlich lehnt man sich dabei weit aus dem Fenster. Aber wenn man nicht den Mut hat, zu dem zu stehen – und zwar öffentlich – wovon man überzeugt ist, dann kann man auf den Anspruch eines lebendigen Philosophierens sowieso verzichten und gleich einpacken. Philosophie ist in erster Linie solch aktuelles Philosophieren. Sokrates bleibt in Erinnerung.

Selbstverständlich kann man sich die Frage stellen, was denn diese zehn Themen, die wir aufgelegt haben, gemeinsam haben. Gibt es überhaupt ein Konzept für das Ganze? Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Von Anfang an war es mir selbst nicht klar. Der erste Satz unserer kleinen Broschüre zu diesem Projekt heisst: „Die Verhältnisse sind im Umbruch.“ Und wir weisen auf die digitale Technologie hin, die in 25 Jahren eine neue Lebenswelt hervorgebracht hat. „…die Globalisierung der Kommunikation, der Finanzen und der Überwachung sind die spürbaren Konsequenzen.“ Während noch 1992 der amerikanische Politologe Francis Fukuyama das ‚Ende der Geschichte‘ in einem berühmten Buch mit diesem Titel verkündete, hat sich das Blatt inzwischen gewendet. Jedenfalls gibt es Anzeichen dafür. Der Soziologe Jeremy Rifkin spricht statt vom Ende der Geschichte vom Ende des Kapitalismus. Der Philosoph Thomas Nagel erörtert in seinem faszinierenden Buch ‚Kosmos und Geist‘ das Ende der materialistischen Naturwissenschaften. Der Mathematiker Roger Penrose – ein Freund von Stephen Hawking – kommt in seinem faszinierenden Buch ‚Das Große, das Kleine und der menschliche Geist‘ zu dem Fazit, „daß wir, um das Bewußtsein wissenschaftlich erklären zu können, auf eine neue Physik setzen müssen.“ In unserem heutigen physikalischen Weltbild, das auch Biologie und Chemie umfasse, sehe er einfach keinen Raum für bewusste Geistigkeit. (S. 229) Aber die gehört ja nun auch zur Realität.
Es ist also die Frage aufgeworfen: Was muss neu gedacht werden? Zu welchen Gedanken geben die rasant sich verändernden Verhältnisse Anlass?

Ich war wirklich überrascht , als ich vor ein paar Tagen bei Hannah Arendt in ihrem Buch ‚Vita activa‘ das klar ausgedrückt fand, was auch mich heute bewegt. Ich hatte noch eine Erinnerung daran, dass Sie so etwas geschrieben hat, aber dass es so klar war, nicht mehr. ‚Vita Aktiva‘ ist 1958 herausgekommen. Das ist kurze Zeit nachdem – wie sie schreibt – „das erste von Menschen verfertigte Ding in das Weltall flog“ (S. 7) Sie stellt dann Erwägungen darüber an, ob die Menschen der Erde müde seien, ob es sich bei dieser technischen Sensation schließlich um eine beginnende „Emanzipation des Menschen von der Erde“ handle. Das hört sich zunächst noch nach Science Fiction an, aber dem, was sie dann vorbringt, kann man den Realismus nicht absprechen. Hellhörig, als wenn sie das Ohr an die Geschichte anlegte, schreibt sie: „Die Welt als ein Gebilde von Menschenhand ist, im Unterschied zur tierischen Umwelt, der Natur nicht absolut verpflichtet, aber das Leben als solches geht in diese künstliche Welt nie ganz und gar ein, wie es auch nie ganz und gar in ihr aufgehen kann; als ein lebendiges Wesen bleibt der Mensch dem Reich des Lebendigen verhaftet, von dem er sich doch dauernd auf eine künstliche, von ihm selbst errichtete Welt hin entfernt.“ (S. 9)
Hat Hannah Arendt hier den allgemeinen, großen Trend, der sich in der Menschheitsgeschichte vollzieht, ausgedrückt? Ist das, was wir gemeinhin als Entfremdung erfahren, die naturwissenschaftlich-technisch-ökonomische Welt, die wir selbst unablässig vorantreiben, der wir verfallen zu sein scheinen und die wie eine Lawine dann doch wie etwas Fremdes über uns hereinbricht, ist das unser Schicksal?
Unglaublich hellsichtig kommt sie dann gegen Ende ihres Buchs ( S. 344) zu einer Deutung der Philosophie angesichts dieses historischen Trends, der heute viel drastischer zu konstatieren ist als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: Könnte es eine Tages eintreten sagt sie, „daß wir die leidenschaftliche Vorliebe der Philosophen für das ‚Allgemeine‘ und Universal-Gültige als ein erstes Anzeichen – als hätten gerade sie etwas von der endgültigen Bestimmung des Menschen geahnt – dafür ansehen werden,“ dass die Menschen sich von ihrer Erdgebundenheit und Naturbasis entfernen und sogar trennen?
Läuft darauf die ganze Geschichte hinaus?
Wenn es sich so verhält, und es spricht ja eine Menge dafür, dann ist es wirklich angebracht, Fragen aufzuwerfen. Ein völlig neues Verhältnis zur Natur, die uns in einer Evolution seit Urzeiten hervorgebracht hat, ist plötzlich das Thema; nicht die Ausbeutung der Natur, das mag nur ein Vorstadium gewesen sein, sondern die Distanz zur Natur, die Trennung von der Naturbasis, auf der bislang unser Leben beruht.
Ich brauche nicht zu beschreiben, wie mit der Kommunikations-technik das Lokale, örtlich und zeitlich Begrenzte überschritten wird, wie in der High-Tech-Medizin das Überwinden des bisher naturhaft Gewachsenen thematisiert und wohl auch schon geprobt wird bis hin zur Überwindung der personalen Grenzen und des Todes. Die Hirnforschung spielt mit den Möglichkeiten, die Erweiterung und den Ersatz des natürlichen „neuronalen Prozessors“ Gehirn durch künstliche Mikro- oder Nanoprozessoren zu betreiben. Alles Entwicklungen, von denen Hannah Arendt in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch keine Ahnung hatte.

Was auch immer sich an Naturkatastrophen ereignen mag wie jetzt in Nepal oder an solchen Katastrophen, die sich die Menschen selbst zufügen, wie den Kriegen in Syrien und der Ukraine, oder den Massen an Asylsuchenden, dem Sterben im Mittelmeer: es vollzieht sich ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, den wir mit dem Namen Globalisierung nur oberflächlich bezeichnen. Es handelt sich um einen Wandel, der unsere Lebenswelt komplett verändern wird. Wir befinden uns schon mitten drin und machen ihn gewohnheitsmäßig mit.
Das ist wirklich Anlass genug für eine breitangelegte und grundlegende und öffentliche Debatte, für eine philosophische Selbstbesinnung mit vielen Menschen. Dazu wollen wir mit unserm Projekt den Anstoß geben.